Grünanlagen

Grünanlagen in Schönebeck wuchern - Grüne fordern Blühwiesen, René Wölfer (SPD) mäht

Vielen Schönebeckern sind die Grünanlagen ein Dorn im Auge. Gräser, Unkraut & Co. sprießen schonungslos dahin, und die Stadtmitarbeiter scheinen der vielen Arbeit nicht hinterher zu kommen. Wäre die Zeit für alternative Bepflanzungen gekommen? Wie ist die Stadt aufgestellt?

Von Andre Schneider
René Wölfer überzeugte sich selbst davon, wie viel Arbeit die Pflege der Grünflächen bereitet. Hundekot, Müll und das hohe Gras erschwerten die Arbeiten.
René Wölfer überzeugte sich selbst davon, wie viel Arbeit die Pflege der Grünflächen bereitet. Hundekot, Müll und das hohe Gras erschwerten die Arbeiten. Foto: Andre Schneider

Schönebeck - Egal ob in der Stadt, Pretzien, Bad Salzelmen oder Plötzky – Schönebeck reitet auf einer grünen Welle. Nicht etwa, dass die Ampeln der Stadt ständig grünes Licht zeigen. Nein. Die Grünanlagen der Stadt wuchern, wuchern und wuchern. Der Bauhof scheint angesichts der immer stärker wachsenden Begrünung machtlos. Da kommt eine andere Idee auf.

Immer wieder tauchen sie auf, die Beschwerden über zu hohe Gräser, Bäume und Hecken. Mit Meldungen aus dem Bürgermelder der Stadt könnten Buchhändler wohl ein ganzes Werk verfassen. Da wurde über auf den Gehweg ragende Hecken auf Am Sandkuhlenfeld gewettert, An der Güstener Bahn ragen Bäume auf die Straße und der Friedhof müsste ohnehin wieder gepflegt werden.

Der Vegetation hinterher laufen

Zuständig für die Pflege der städtischen Grünflächen ist der Bauhof. Der, so beschrieb Schönebecks Baudezernent Guido Schmidt in einer der letzten Stadtratssitzungen, laufe „der Vegetation hinterher“. Die Mitarbeiter des Bauhofs, so Schmidt, würden ihr Bestes geben, um so gut es eben geht, gegen das ausufernde Wachstum vorzugehen. Doch die personellen Ressourcen würden im Moment keine schnelleren Bearbeitungen zulassen. „Die Situation ist im Moment alles andere als komfortabel“, gab Guido Schmidt zu. Zurzeit seien zwei Stellen beim Bauhof ausgeschrieben, doch Personal und Geld würden – sprichwörtlich gesagt – nicht vom Baum fallen.

Um den Bauhof zu entlasten, äußerte Grünen-Vertreter Thoralf Winkler eine Idee. Was wäre, wenn mehr Blühwiesen das Stadtgebiet bereichern und zeitgleich für Artenschutz sorgen würden? Dass diese Blühstreifen einen passablen Beitrag zum Bienen- und Artenschutz leisten würden, darüber sind sich viele Experten einig. Durch alle Parteien und Organisationen hinweg erhalten Blühwiesen positive Rückmeldungen. Recherchen des Magazins National Geographics zufolge solle in Bayern sogar ein Gesetz für mehr Blüten geschaffen werden. Der Ansatz der Blühstreifen sorge demnach nicht für Kritik, wohl aber ein Gesetzesentwurf.

Option Blühwiesen

Eine Option für Schönebeck? Ja, sagt die Stadtverwaltung. Bereits vor Jahren habe das Sachgebiet Grünflächen nach eigenen Angaben den Blick auf die Umwandlung von Rasenflächen in Blühwiesen gewagt. „Gerade größere Flächen wurden mit Blick auf die Folgekosten in der Unterhaltung bereits in der Planung zu diesem Zweck konzipiert“, heißt es in einem Antwortschreiben. Als Beispiele werden Flächen an der Söker Straße oder auch auf der Salineinsel genannt. Selbst Orte, an denen die Verkehrssicherheit zu gewährleisten sei – die Streuobstwiese an Elbenauer Anger zum Beispiel – seien auf extensive Pflege umgestellt worden. Das Mähgut werde, soweit möglich, wieder über Tierfutter dem natürlichen Kreislauf zugeführt.

Fachfrau Melanie Balder sieht Vorteile

Wie bewerten Fachleute das Konzept? Melanie Balder sieht durchaus Vorteile. Sie arbeitet als Landschaftsgärtnerin in Magdeburg. Viel Arbeit, sagt die Felgeleberin, mache so eine Wildblumenwiese nicht, „da es eine extensiv gepflegte Fläche ist“. Das heißt sie wird ein, maximal zweimal im Jahr gemäht. Im Idealfall nicht komplett. „Man nimmt bei einer Maht den Tieren ja den Raum, daher mäht man am besten erst eine Hälfte damit die Tiere die Möglichkeit haben, auf der anderen Seite Schutz zu suchen, dann gewährt man der Fläche Erholung und mäht die andere Seite, so dass die Tiere zurück können“, gibt sie praktische Pflegehinweise. Blühwiesen seien in soweit sinnvoll, da sie kleine Biotope bilden würden. Balder: „Sie sind Rückzugsort und Nahrungsgrundlage für viele Tiere, vor allem Insekten und da ganz speziell Bienen.“ Gärtner seien laut der Fachfrau darauf bedacht, Flora und Fauna gleichermaßen zu betrachten.

Trotzdem: Der Bauhof läuft in diesem Jahr hinterher, ohne dabei untätig zu sein. Immer wieder tauchen auch im Stadtbild – wie auf der Wilhelm-Hellge-Straße – Flächen oder Seitenstreifen auf, die gemäht werden. Ist das Problem nicht viel weiterreichend? Ist Schönebecks Grün- und Baumbestand in Zeiten des Klimawandels noch an die aktuelle Gegebenheit angepasst? Bei Neupflanzungen, so beschreibt es Stadtsprecher Matthias Zander auf Volksstimme-Anfrage, würden „mögliche Baumarten geprüft, die mit den künftigen klimatischen Veränderungen gut zurecht kommen“.

Lösungsorientiertes Arbeiten

Ungeachtet dessen wollen andere Parteien im Stadtrat lösungsorientiert arbeiten. Die SPD zum Beispiel. Fraktionsvorsitzender René Wölfer und Anja Keßler-Wölfer gingen am Sonnabend pragmatisch vor. Sie nahmen einen privaten, haushaltsüblichen Rasenmäher zur Hand und sagten dem Randstreifen bei einem Grünstück Am Solgraben den Kampf an. Der Randstreifen der vielbefahrenen Straße weist fast parkähnliche Breite auf. Viele Passanten nutze die Grünanlage, an der viele Bänke und Sitzmöglichkeiten aufgestellt sind.

„Müll“, musste Wölfer feststellen, „liegt dort überall“. Egal ober Zigaretten-Kippen oder Kronkorken. Wölfer machte eine weitere Feststellung: „Der Job ist absolut kein Zuckerschlecken.“ Einen Großteil des Nachmittags verbrachten er und seine Frau, um den Randstreifen zu mähen. Die Flächen auf den Innenseite ließen sie indes stehen. „Mir geht es nicht darum, die Arbeit des Bauhofes schlecht zu reden. Aber so kann es nicht bleiben. Es müssen einfach andere Konzepte her“, resümierte Wölfer nach seiner spontanen Aktion am Wochenende.