Calbe l Wir kennen das ja auch: Wenn ein Millenniums-Wechsel bevorsteht, herrscht eine angespannte Aufregung, und aus allen Ecken kommen die Unheils-Propheten hervorgekrochen. Ebenso erging es den Menschen vor dem „Schicksalsjahr“ FÜNFZEHNHUNDERT. Genau genommen war das nur ein Anderthalb-Millennium, aber die große Angst existierte trotzdem, zumal in dieser Zeit erhebliche Konflikte und Krisen immer massiver auftraten. Heute wissen wir rückblickend, dass da eine bedeutende historische Epoche, die später „Mittelalter“ genannt wurde, mit dramatischen Einbrüchen zu Ende ging.

Immer mehr Ernten wurden damals durch Schnee und Hagel vernichtet, die „Kleine Eiszeit“ kroch mit Missernten seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts über Europa und dezimierte zusammen mit dem „Schwarzen Tod“, der Pest-Pandemie von 1346 bis 1353, die Bevölkerung um rund ein Drittel. Der Getreideanbau ging zurück, die Landbevölkerung verließ Häuser und Höfe, und es kam im 14. und 15. Jahrhundert zu einer umfassenden Agrar-Krise. Und damit nicht genug, attackierten die osmanischen Muslime das Heilige Römische Reich an seiner Südost-Flanke und versuchten, gen Wien vorzudringen, nachdem sie schon 1453 Konstantinopel eingenommen und zu „Istanbul“ umfunktioniert hatten.

Neue Anschauungen

Das Bank- und Geldwesen setzte sich im Reich durch; selbst die Klöster, auch unser damals bereits stagnierendes Prämonstratenserstift „Gottes Gnade“, begannen mit dem verdeckten Geldhandel. Von Italien her flutete eine neue Ideenwelt hierher, die Renaissance und der Humanismus, mit deren neuen Anschauungen im Denken sowie in Wissenschaft und Kunst und 1454 mit der medialen Informations-Revolution des Gutenberg‘schen Buchdrucks die Neuzeit-Moderne begann.

Die Bürger der unteren städtischen Milieus meldeten ihr Mitbestimmungsrecht an. 1496 kam es zu einem politischen Umsturz in Calbe: Der alte langjährige Rat der Stadt wurde gestürzt und eine neue, den Plebejern genehmere Führung eingesetzt. Der alte Rat hatte in seine Tasche gewirtschaftet, weshalb auch einige Mitglieder in Haft genommen wurden. Als künftiges mittelständisches Kontrollorgan wurde das Kollegium der „Sechsmänner“ eingeführt. Auch die Bauern begehrten auf und ließen sich nichts mehr gefallen. Der dem Stifts-Kloster hörige Bauer Jacob Kruz, der sogar lesen und schreiben konnte, befand sich wegen seiner Grundstücksrechte mit der Stiftsleitung von „Gratia Dei“ in juristischer „Fehde und Zwietracht“. Um 1500 waren nicht mehr alle hörigen Bauern tumbe Untertanen.

Geistliches Zeitalter endete

Die mittelalterliche Welt geriet aus den Fugen. Das Zeitalter der geistlichen Herrschaft der elf Jahrhunderte alten katholischen Kirche ging zu Ende, das spürten auch deren Eliten. Die Mär vom bevorstehenden Weltuntergang und von den bösartigen „Malefikanten“, den Hexen und Juden, wurde erfolgreich unters Volk gebracht. Bußprediger und Endzeit-Propheten, vornehmlich Dominikaner, zogen durchs Land und geiferten gegen menschliche Liebe, Freude und Sinnes- lust und/oder verkauften ihnen im Namen des Papstes Ablässe zur Verminderung der Sündenstrafen im reinigenden Fegefeuer.

Im Mai 1492 lieferten sich zwei Juden und zwei Franziskaner-Mönche aus Magdeburg auf dem Weg nach Calbe pöbelnde Wortgefechte. Die Franziskaner liefen zurück und holten sich Hilfe bei mehreren Dutzend Schmiedegesellen, die schnurstracks auf den Magdeburger Neuen Markt stürmten und mehrere Juden brutal zusammenschlugen, einer der Juden blieb tot liegen. Die jüdische Gemeinde Magdeburgs verklagte die Täter beim Rat der Altstadt Magdeburg und baten den Erzbischof Ernst II. von Sachsen-Wettin, ihren vereidigten Schutzherrn, schriftlich um Schutz. Das hätten sie lieber lassen sollen, denn Ernst II. war unverkennbar ein Judenhasser. Er hatte bereits im Oktober 1492 als Richter im fingierten Sternberger Hostienschänder-Prozess 27 unschuldige Juden auf den Scheiterhaufen gebracht.

Juden verlassen Region

Alle übrigen 247 Juden waren gezwungen worden, Mecklenburg zu verlassen. So mussten 1493 auch die 150 bis 200 Juden der jüdischen Gemeinde von Magdeburg, weil sie sich mit den Franziskanern angelegt und dabei sogar noch schweren Schaden erlitten hatten, die Stadt und das Erzstift verlassen. Bei der Gelegenheit wurden gleich noch die Juden aus den anderen Städten des Magdeburger Landes, so auch aus Calbe vertrieben. Ihre Immobilien aber, auch ihre jüdische Schule und Synagoge, verkaufte der Erzbischof an die Bürger von Calbe. Dadurch konnte der Ratsherr Hans Kytzig 1512 die leerstehende Synagoge erwerben und zum Privathaus ausbauen.

In der Zeit der großen wirtschaftlichen und kulturellen Prosperität Calbes unter Erzbischof Dietrich Portitz, dem bedeutenden Städte-Förderer, hatten 1371 sogar vier Juden das Bürgerrecht in Calbe erwerben können, eine aufsehenerregende Angelegenheit. Ihre Synagoge in der Judenstraße, der heutigen oberen Tuchmacherstraße, befand sich nur etwa 130 Meter von der Sancti-Stephani-Kirche entfernt. Das Zusammenleben der christlichen Bevölkerung mit der jüdischen Minderheit verlief in diesen Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs bis ins 15. Jahrhundert hinein korrekt und reibungslos, zumal Calbe wegen seiner unüblicherweise ostwärts gerichteten Handels-Beziehungen vom Massensterben des „Schwarzen Todes“ 1346 bis 1353 verschont geblieben war.

Auswandern auf Befehl

Aber 1493 – also rund 120 Jahre später - mussten dann auch die 20 bis 30 Juden aus Calbe, die damals etwa 3 Prozent der Gesamtbevölkerung Calbes darstellten und hier nach Quellenlage keine Pogrome zu erleiden hatten, dem Befehl des vertreibungswütigen Erzbischofs gehorchen und auswandern – damals meist in polnische, russische oder baltische Gebiete. Erst im 19. Jahrhundert tauchten wieder einige jüdische Bürger in Calbe auf.

Seit Anfang des 15. Jahrhunderts war man dabei, die seit dem 10. Jahrhundert existierende romanische Basilika „Sancti Stephani“ zu einer spätgotischen Hallenkirche umzuwandeln und zu erweitern. 1475 wurde das Kirchen-Langhaus eingewölbt, danach das Zwerch-Dach aufgesetzt und 1495 der Schlussstein eingefügt. Wahrscheinlich gab der pröpstliche Vorstand des sich schon in allgemeiner Stagnation befindlichen Prämonstratenserstiftes „Gottes Gnade“ als Inkorportions-Leitung den Auftrag, die neue Hallenkirche an der Trauflinie mit einem „Schutzgürtel“ von unechten Wasserspeier-Figuren zu umgeben.

Hass in Form von Figuren

Wer das Geld zu dieser meist nur für Bischofskirchen vorgesehenen Extravaganz hergab, ist nicht zu ermitteln. Möglicherweise flossen die Gelder vom Domkapitel in Magdeburg hierher. Die Menagerie der Drôles-Figuren fiel auch dementsprechend klerikal-reaktionär und bösartig aus. Der Hass auf die neue Renaissance-Kultur, auf Hexen, Beginen und Unangepasste sowie auf die als soziale Sündenböcke fungierenden jüdischen Menschen wurde den Kirchgängern und Betrachtern giftspeiend entgegengeschleudert.

In der Zeit der rationalistischen „Aufklärung“ im 18. Jahrhundert begann man die Drolerie kaum noch zu beachten und sie als das anzusehen, was sie ist: Eine Ausgeburt hasserfüllter klerikaler Fantasien und der Ängste einer untergehenden Epoche. Pfarrer Gotthelf Moritz Rocke schrieb als Pietist kurz vor seinem Tod 1873 sogar beruhigt, dass „der mittelalterliche Judenhass in der evangelischen Kirche mehr und mehr glücklich überwunden“ und der dargestellte Jude in seiner „undelikaten Weise“ dort als ein „Rückbleibsel“ des einstigen Hasses zu betrachten sei. Rocke konnte nicht ahnen, dass wenige Jahre später der rassistische Antisemitismus mit noch schrecklicheren Folgen den religiösen Antijudaismus ablöste.