Geschichte

Herr Zwanzig sponsert einen Silberteller

Ein silberner Abendmahlsteller, der im Rosenburger Pfarrhaus aufbewahrt wird und regelmäßig in Gebrauch ist, erinnert an den „Sponsor“ von 1704. Stifter war der königlich preußische Chef der Salzfaktorei im Saalhorn, an die heute nur noch wenige Ruinenreste erinnern.

Von Thomas Linßner 09.08.2021, 17:43
Diesen silbernen Abendmahlsteller stiftete der Chef der Salzfaktorei. Die Inschrift lautet: „Heinrich Siegmund Zwanzig / Königl. Preusi. Factor am Saalhorn: Anno 1704“. Seitdem ist der Teller im kirchlichen Gebrauch. So auch kommenden Freitag in Zuchau bei einer Hochzeit.
Diesen silbernen Abendmahlsteller stiftete der Chef der Salzfaktorei. Die Inschrift lautet: „Heinrich Siegmund Zwanzig / Königl. Preusi. Factor am Saalhorn: Anno 1704“. Seitdem ist der Teller im kirchlichen Gebrauch. So auch kommenden Freitag in Zuchau bei einer Hochzeit. Foto: Rödiger/Linßner

Groß Rosenburg/Breitenhagen - Auch ein Seelsorger kann im Zuge seiner Arbeitsvorbereitungen kleine Überraschungen erleben. Pfarrer Ulf Rödiger hielt vor wenigen Tagen eine Andacht zur Silberhochzeit in Breitenhagen und bereitet sich am kommenden Freitag (13.08.2021) auf eine Hochzeit in Zuchau vor. „In der Vorbereitung habe ich für die Eheringe eine der Patenen geputzt, die bei uns im Pfarramt aufbewahrt werden.“

Was sind Patenen?

Um zu erklären, was das ist, muss weiter ausgeholt werden. Mit dem Begriff „Pa-tene“ (griechisch für Schüssel) wird der Abendmahlsteller bezeichnet. Dafür gibt es sogar eine Art kirchliche Dienstvorschrift. Die allgemeine Einführung in das Römische Messbuch schreibt vor, dass alle liturgischen Gefäße aus „haltbarem und - nach dem Empfinden des jeweiligen Kulturbereichs - als edel geltendem Material“ herzustellen seien. Damit das „Brot Christi“, also die Oblaten, des Abendmahls nicht durch Rostspuren verunreinigt werden, sollen oxidierende Metallgefäße in der Regel „innen vergoldet“ sein. Besser noch, sie sind aus Silber. Wie es in Groß Rosenburg der Fall ist.

Pfarrer Ulf Rödiger
Pfarrer Ulf Rödiger
Foto: Thomas Linßner

Schriftzeichen des Stifters entdeckt

Aber auch Eheringe werden auf die silbernen Teller gelegt. Pfarrer Ulf Rödiger sagt: „Normalerweise kommen die Ringe ja von dort, wo ansonsten das ,Brot' liegt, das Christi Leib verkörpert.“ Vorausgesetzt, die Paare würden nicht auf die Idee kommen, sie in ein Ringkissen zu stecken. Von wegen die Ehe als sanftes Ruhekissen und so. Als Rödiger also in Vorbereitung der Andachten die silbernen Patene putzte, fielen ihm Schriftzeichen auf der Unterseite auf. Hier hatte sich der Stifter, heute würde man ihn als Sponsor bezeichnen, verewigen lassen: „Heinrich Siegmund Zwanzig / Königl. Preusi. Factor am Saalhorn: Anno 1704“. Zwanzig, so sein Familienname, hatte den punzierten Teller der Kirche spendiert.

Nur noch Grundmauern

„Wenn wir das Abendmahl abhalten, erinnert uns die Patene jedes Mal an das Saalhorn bei Breitenhagen. Dessen Grundmauern sind längst überwuchert und der Schafstall aus den roten Klinkersteinen verfällt immer mehr“, weiß der Pfarrer. „Vielleicht findet sich ja jemand, der unsere Patene und den Kelch mal restaurieren beziehungsweise neu versilbern und vergolden lässt, um sich ein ähnliches ,Denkmal' zu setzen“, fügt er hinzu. Allerdings dürften Denkmalspflege und Kirchenamt in Schnappatmung verfallen, wenn ein Sponsor des 21. Jahrhunderts seinen Namen zusätzlich eingravieren würde.

Dieses Gebäude wurde 1904 errichtet. Gelagert wurde hier die Braunkohle für die Maschinen des Schöpfwerkes Breitenhagen.
Dieses Gebäude wurde 1904 errichtet. Gelagert wurde hier die Braunkohle für die Maschinen des Schöpfwerkes Breitenhagen.
Foto: Thomas Linßner

Saalhorn vor 300 Jahren wirtschaftlich bedeutend

Seit Ende des Mittelalters vermied man es übrigens, die Abendmahlsgeräte mit aufwendigem, die Reinigung behinderndem Schmuck, wie Edelsteinen oder Perlen, zu versehen. Meist wurde in ihrem Außenrand nur noch ein kleines Kreuzchen eingraviert. Neue Patene (so etwas gibt es auch) werden vor der ersten Verwendung innerhalb einer Messfeier im Anschluss an die Fürbitten geweiht. Das Saalhorn war vor 300 Jahren wirtschaftlich bedeutend. Wie im Buch „Spurensuche“ nachzulesen ist, das von der Kreissparkasse herausgegeben wurde, förderte der preußische Staat den Salzhandel erheblich. Bereits in den Jahren 1695/96 waren an der Saale mehrere Schleusen zur Förderung der Schifffahrt ab Halle gebaut worden. Sie ermöglichten den Abtransport des Salzes von der staatlichen Saline Halle auf dem billigen Wasserweg.

Bomätscher zogen

Mit Kähnen wurde das „weiße Gold“, das dank der Salzsteuer dem Staat hohe Einnahmen brachte, bis zum Saalhorn transportiert. Die Schiffe fuhren nicht leer nach Halle zurück. Sie transportierten Holz, das zum Sieden gebraucht wurde. Treidelknechte, die sogenannten Bomätscher, zogen die schweren Schiffe stromaufwärts. Um es auf den Punkt zu bringen:?Das Saalhorn war ein Umschlagplatz für Salz. In der „Königlich preußischen Salzniederlage“, die auch als Salzfaktorei bekannt war, wurde die Fracht auf Elbkähne umgeladen und nach Berlin und andere preußische Provinzen gebracht.

Fundamente der Salzfaktorei muss man suchen

Am Saalhorn sollen in jener Zeit rund 40 Menschen gelebt haben: außer dem Salzfaktor auch etliche Treidler, Schiffer, Böttcher und Salzknechte. Letztere lebten in „Baraquen“. Der Salzfaktor und seine Familie wohnten in einem zweistöckigen Haus, von dem, wie auch von allen anderen Gebäuden, heute nichts mehr zu sehen ist. Die Fundamente der Salzfaktorei, die man suchen muss, bestehen aus Bruch- und klosterformatigen Ziegelsteinen. Sie wurden mit Weißkalk vermauert, der durch Feuchtigkeit immer fester wird. Unweit davon erhebt sich ein rotes Klinkergebäude aus der grünen Auenlandschaft, das hier so gar nicht hinzu- gehören scheint. Es wird oft irrtümlich mit dem Salzumschlagsplatz in Verbindung gebracht, was aber falsch ist. Das war ein Kohlelagerschuppen, der 1904 auf den Fundamenten der Salzfaktorei errichtet wurde.

Fundamentreste des Saalhorns. Sie stammen aus dem 18. Jahrhundert, als die Faktorei gebaut wurde.
Fundamentreste des Saalhorns. Sie stammen aus dem 18. Jahrhundert, als die Faktorei gebaut wurde.
Foto: Thomas Linßner

Kohle für die Lokomobilen

Hier wurde böhmische Rohbraunkohle zum Betreiben der beiden Lokomobilen des Schöpfwerks Breitenhagen gelagert. Im Hochwasserfall musste sie mit Handkähnen über den Landgraben vom Schuppen zum Schöpfwerk transportiert werden. Nach 25 Jahren wurde keine Kohle mehr gebraucht, weil Ende der 1920er-Jahre die Lokomobilen durch Dieselmotore ersetzt wurden. Mitte der 1950er-Jahre wichen die beiden Diesel dann Elektromotoren. Später nutzte man das Gebäude als Rinder- und Schafstall. Heute verfällt es.