Schönebeck | An Superlativen spart Georg Plenikowski nicht. Seine Heimatstadt Schönebeck, da lässt er im Gespräch keine Zweifel aufkommen, habe eine Industriegeschichte, die deutschlandweit ihresgleichen sucht. Auf einem Blatt Papier hat der umtriebige Mann die wichtigsten Etappen dieser Historie notiert. Gleichsam ein Konzept en miniature für das Industrie- und Kunstmuseum „iMUSEt“ liegt vor ihm.

Mit dem Ende der DDR brach für die Betriebe der Stadt und des Altkreises Schönebeck eine bittere Zeit an. Vor allem durch den wegbrechenden osteuropäischen Markt sanken in fast allen Branchen die Fertigungszahlen, Arbeitsplätze wurden in Größenordnungen abgebaut. In dieser Zeit dachte kaum jemand daran, Erinnerungen an Vergangenes und Vergehendes zu bewahren. Manches Stück Geschichte landete schlicht und einfach im Container. Plenikowski erzählt beispielhaft von den unzähligen Fahrzeugmodellen und Zeitzeugnissen des früheren Traktorenwerks der Stadt. Die umfangreiche Sammlung stand im Rahmen der Privatisierung des Unternehmens zur Disposition, mit einer Versteigerung der Devotionalien sollte daraus noch etwas Rendite geschlagen werden. Die Auktion sei eine Farce gewesen. Ein Bieter kaufte das Konvolut als Ganzes und verschwand damit. Das Nachsehen hatten auch alte Traktorenwerker, die gehofft hatten, einige Erinnerungsstücke erwerben zu können.

Industriemuseum aufbauen

Bereits in den 1990er Jahre überlegten Menschen in der historischen Salzstadt, ein Industriemuseum aufzubauen. Diesen Ehrennamen verdankt der Ort den reichen Vorkommen des „weißen Goldes“, das bereits im 12. Jahrhundert gefördert wurde. Mit ihm gewannen die Pfänner großen Einfluss. Im 17. Jahrhundert wurde durch den Preußenkönig Friedrich I. eine Saline unmittelbar am Elbestrom errichtet. Man könnte diese Geschichte durchaus als Vorläufer späterer industrieller Entwicklung sehen.

Bilder

Diverse Varianten für ein technisch geprägtes Museum blieben auf der Strecke, acht potenzielle Standortvarianten waren schließlich nur Illusion. Mancher Firmenchef hatte in wirtschaftlich schwierigen Zeiten andere Sorgen, als sich um „alten Krempel“ zu kümmern. Plenikowski, zu DDR-Zeiten unter anderem Direktor für Forschung und Technik im Sprengstoffwerk, konnte dort nach der Wende als einer der leitenden Mitarbeiter wenigstens einiges retten, das an die älteste Munitionsfertigung Deutschlands erinnert, die 1829 begann. Diese Sachzeugnisse sind heute musealer Bestand. Der sei wichtig, sagt der 71-Jährige, schließlich beherbergte Schönebeck einst als einziger Ort der Welt drei Munitionsfabriken.

Vor knapp einem Dutzend Jahren suchte Plenikowski kurz vor dem Rentenbeginn eine Aufgabe für den Ruhestand. Geschichte lag ihm und einige Gleichgesinnte zogen mit am gleichen Strang. Der Zufall wollte es, dass der örtliche Energieversorger Erdgas Mittelsachsen (EMS) sein Firmengelände neu strukturierte. Da waren Gebäude regelrecht überflüssig und suchten nach einer anderen Nutzung. „Da hakten wir ein“, erinnert sich der heutige Präsident des Trägervereins des Industriemuseums. Mit dessen Gründung war ein langgehegter Wunsch erfüllt. Für einen symbolischen Euro wechselte das Grundstück den Eigentümer. „Wir hatten damals jede Menge Ideen und kaum finanzielle Mittel“, sagt er.

Maschinenhaus im Jugendstil

Das 1908 im Jugendstil errichtete historische Maschinenhaus wurde zum Zentrum der Einrichtung und präsentiert sich inzwischen in einem tollen Zustand. 2013 öffnete der riesige Raum für die Öffentlichkeit, er beherbergt einen Teil der Sammlung. Ein Traum wurde wahr. Gleich nebenan wartet noch viel Arbeit und eine Etage der alten Lagerhalle ist bereits saniert, im Erdgeschoss bleibt noch viel zu tun. Im Wartestand befindet sich die 1901 gebaute Direktorenvilla. Plenikowski verweist auf die immense Aufgabe, der sich die 35 Vereinsmitglieder angenommen haben. Mehr als die Hälfte von ihnen beteiligt sich aktiv an der Gestaltung des Museums. Das sei „das wichtigste Kapital“. Rund 750.000 Euro an Eigenleistungen und Spenden kamen bislang zusammen. Fördermittel das Landes – insgesamt rechnet man mit 2,5 Millionen Euro – machten unter anderem die Sanierung der Gebäudehülle möglich.

Zu den aktiven Vereinsmitgliedern gehört Erich Zacharias. Der Fernmeldespezialist und Ur-Schönebecker, der nach einem „Berlin-ausflug“ seit sechs Jahren wieder an der Elbe lebt, hilft bei der Aufsicht, übernimmt Reparaturen und bereitet gerade eine kleine Fernmeldeanlage vor, damit künftig auch Telefone in Aktion vorgeführt werden können. „Mir macht das hier einen riesigen Spaß. Im Moment bereite ich ein Heftchen mit historischen Kochrezepten aus dem Barbyer Maisanwerk für die Vervielfältigung vor. Wir wollen es unseren Besuchern als Souvenir anbieten“, sagt der 72-Jährige. Dazu habe er alles aus der Frakturschrift in die heute übliche Form übertragen, die jeder lesen kann. Axel Dopp kam durch einen Ein-Euro-Job zum Museum und gehört heute zur Stammmannschaft. Sein handwerkliches Geschick ist an allen Ecken und Enden gefragt. Im alten Lagergebäude packte er beispielsweise mit zu, als alte Zwischenwände herausgerissen wurden.

Längst habe man sich vom Gedanken, allein Industriegeschichte auszustellen verabschiedet, erläutert Plenikowski. Er verweist auf die etwa 50 Künstler aus der Region, die seit drei Jahren mit einer eigenen Dauerausstellung im Haus vertreten sind. „Bislang fehlte eine solche Möglichkeit im Landkreis, die Lücke wollen wir unkompliziert schließen.“ Von jedem zeige man allerdings nur ein Werk. Eine eigene ständige Präsentation bekam der blinde Schönebecker Bildhauer Dario Malkowski.

Modelle im Traktorenwerk

Zu den interessanten Bereichen in der Exposition gehört die Präsentation von Modellen der Fahrzeugproduktion im Traktorenwerk. Jahrzehnte bestimmten die Traktoren aus Schönebeck wie der ZT 300, von dem mehr als 90.000 gebaut wurden, ebenso wie der legendäre RS 09 das Bild auf den Äckern der DDR. Sie gehörten zur Standardausrüstung der LPG und Volkseigenen Güter, gingen in den Export.

Seinen Ursprung hatte auch das Modeimperium von Heinz Bormann in der Salzstadt. Als „Roter Dior“ war er bekannt geworden und betrieb ab 1958 bis zur Verstaatlichung 1972 sein Unternehmen in Magdeburg.

Beim Verweis auf das ganz besondere findet Georg Plenikowski kein Ende. „Wo gab es die erste amerikanische Aktiengesellschaft in Deutschland?“, fragt er eher rhetorisch und liefert die Antwort gleich selbst mit. Ab 1902 lieferte die NARAG, die Nationale Radiator Gesellschaft mbH, einer Tochter des 1892 in den USA gegründeten Unternehmens American Radiator Company, Gussheizkeller und Heiz-körper.