Calbe l Die Stunden zählen Ute Storch und Ramona Karlstedt nicht, wenn sie zugewanderte Familien betreuen und ihnen helfen, sich zu integrieren. Die beiden Calbenserinnen nennen sich Soziallotsen. Ihre Zeit, welche die berufstätigen Frauen für diese Aufgabe aufwenden, wird - bis auf eine Aufwandsentschädigung - nicht vergütet. Wer als Lotse arbeitet, macht dies ehrenamtlich. Vier geflüchtete Familien werden von ihnen derzeit betreut. Zu Spitzenzeiten waren es etwa zehn, erinnert sich die 54-jährige Ramona Karlstedt. Insgesamt vier Soziallotsen sind die ersten Ansprechpartner vor Ort in der Saalestadt. Sie sorgen dafür, dass Anträge ausgefüllt und pünktlich an den richtigen Stellen abgegeben werden, erledigen zusammen mit den Familien Behördenwege, begleiten zum Arzt, machen mit wichtigen Institutionen wie Schule und Kindertagesstätte vor Ort bekannt.

Die Volksstimme hat die beiden Frauen zu einer ihrer betreuten Familien begleitet, bei der eine besondere Atmospäre herrscht. Ramona Karlstedt und Ute Storch führen sechs Treppen in einem Eckhaus in der Martin-Andersen-Nexö-Straße nach oben. Hier wohnt Familie Damash. Mutter, Vater sowie vier Kinder. Oben angekommen, beginnen die beiden Frauen ihre Schuhe vor Eintritt in die Wohnung auszuziehen. Das sei gang und gebe, erklärt die 56-jährige Storch, und gründe auf dem muslimischen Glauben der Damashs. Direkt hinter der Türschwelle erwarten die Frauen große Kulleraugen und lächelnde Gesichter. Kinder und Eltern bilden Spalier, um die Gäste zu begrüßen. Lange können sich die Kinder an das „Zeremoniell“ nicht halten und es folgen die ersten Umarmungen. Die Kleinen kennen die Frauen.

Wie die Oma

Vor allem Ute Storch verbringt viel Zeit mit ihnen. „Es hat sich eine besondere Freundschaft entwickelt“, begründet die Lotsin. Die achtjährige Sarah geht ohne Zögern auf Kuschelkurs mit der Frau. „Wir mögen Ute wie unsere Oma“, meint das achtjährige Mädchen. Sie lese den Kindern vor, lerne mit ihnen Deutsch und spiele mit ihnen. Meist Memory, sagt die älteste Tochter, welche die deutsche Sprache bereits gut beherrscht.

Seit zwei Jahren ist Ute Storch als Soziallotsin tätig. Seit einem Jahr und drei Monaten kennt sie die Damashs. Ihre „Kollegin“ hat ein halbes Jahr später angefangen. Der Kontakt zu Familie Damash war damals einer der ersten für die Frauen. Seit zwei Jahren, erzählt Familienoberhaupt Hatem, sei seine Familie nach Deutschland gekommen. Seit ungefähr anderthalb Jahren wohnen sie in Calbe. Die Verständigung am Anfang? Gar nicht einfach. Mit Händen, Füßen und Internetübersetzern wurde einander das Nötigste vermittelt. Inzwischen klappt die Kommunikation viel besser, wirft Ramona Karlstedt ein.

Besuch zweimal wöchentlich

Damals, am Anfang der Bekanntschaft wohnten Damashs noch im Fährweg. Dort seien sie von anderen abgeschnitten gewesen, meint Ute Storch. Mit Unterstützung des Bürgermeisters Sven Hause gelang es schließlich, die Familie in der Neuen Wohnstadt unterzubringen.

Ungefähr zweimal wöchentlich wird die syrische Familie besucht. Ansonsten auf Abruf. So, wie eben Probleme oder Fragen auftauchen. Zum Beispiel Fahrten ins Krankenhaus. Aus versicherungsrechtlichen Gründen sollten die Soziallotsen das vermeiden. Ute Storch ist in der Vergangenheit trotzdem gefahren. „Die kleine Hager war zweimal sehr krank“, erzählt Storch von einem Keim und einer Verletzung, die dringend behandelt werden mussten. Inzwischen hat sich das vierjährige Mädchen aber wieder erholt. Schwester Sarah kann seit Monaten schlecht sehen. Vielleicht braucht sie eine Brille, vielleicht ist eine intensivere Behandlung notwendig.

Keine reine Geschäftsbeziehung

Sich von Facharzt zu Facharzt telefonieren, um einen Termin zu bekommen? Das übernimmt die Soziallotsin ute Storch. Ganz glücklich ist diese mit dem Ergebnis allerdings auch nicht. Seit Juni hat sie probiert, einen Termin für das Mädchen zu bekommen. Im November soll es soweit sein. „Sie ist doch aber noch ein Kind“, senkt Ute Storch bedauernd den Kopf über die monatelange Wartezeit. Nicht immer sind die Arztbesuche einfach, beteuern sie und Ramona Karlstedt. Aufgrund von Verständigungsproblemen sei es keine Seltenheit, dass Ärzte beim Besuch zugleich einen Dolmetscher einforderten, erzählt Ramona Karlstedt. Ein Problem, um dessen Lösung sich die Soziallotsinnen in der Vergangenheit gekümmert haben.

Auch die zwei Jungen Younas (7) und Omar (2) gehen mit Ute Storch und Ramona Karlstedt vertrauensvoll um. Keine reine „Geschäftsbeziehung“. Wer die Syrer mit den Lotsen beobachtet, stellt fest: An diesem Punkt sind Kulturen zusammengewachsen.

Gesten der Dankbarkeit

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Familie Damash zum Geburtstag Ute Storchs Kuchen backt. Einen mehretagigen mit Schokolade, Ananas und Banane. „Bara kann gut backen“, blickt sie zu der 28-jährigen syrischen Mutter, die das wiederum von ihrer Mutter in Syrien gelernt habe. Syrische und deutsche Lieder folgen zu Storchs Ehrentag. „Sogar mein Name stand darauf“, freut sie sich über diese Geste.

Zum Weihnachtsfest verteilt die Soziallotsin einen Puppenwagen, Spiele, Malsachen, ein Spielauto und Kleidung an alle Familienmitglieder und bekommt selbstredend mehr als eine Aufmerksamkeit zurück. „Wir möchten sie nicht mehr missen“, sagt Vater Hatem (33). Er macht dereit seinen Führerschein in Deutschland und möchte später arbeiten. Im Hilfefall haben Ute Storch und Ramona Karlstedt ihre Unterstützung bereits kundgetan.

Zugang finden

Die Integration bei der syrischen Familie sei erfolgreich verlaufen. Die Kinder besuchen Kitas und Schule, die Eltern lernen Deutsch, der Vater befindet sich bald auf Arbeitssuche als Klimatroniker, Kontakte zu anderen Familien wurde aufgebaut. Doch es gebe auch Familien, an welche die Soziallotsen nicht so gut herankämen. Bei einem Clan aus Saudi-Arabien müsse das Eis noch gebrochen werden. „Uns wird nicht die Hand geschüttelt, Kinder werden einfach aus der Kita abgemeldet“, zählt Ramona Karlstedt Sachen auf, mit denen sich die Lotsen dort konfrontiert sehen. Aufgeben werden sie nicht. Ihre helfende Hand strecken sie auch dann noch aus, wenn der Anfang schwer scheint.

Ramona Karlstedt und Ute Storch können zahlreiche Geschichten erzählen. Von rekordverdächtigen Telefonmarathons, um beispielsweise einen Frauenarzt für schwangere, geflüchtete Frauen zu finden oder bereits einen Hausarztbesuch zu arrangieren. Der war bei einer Familie dringend notwendig. Das Telefonieren, Nachfragen, Bitten begann. „Letztlich kam meine Hausärztin“, erinnert sich Ramona Karlstedt an den Fall zurück. Die anderen Praxen in Calbe haben es nach ihren Worten nicht einrichten können.

Regelmäßige Weiterbildungen

Insgesamt bleiben diese Ausnahmesituationen genauso wie die positiven Momente im Gedächtnis hängen. Die passieren nicht selten Revue. Beispielsweise bei den regelmäßigen Weiterbildungen, die ein- bis zweimal im Monat stattfinden. „Wir wollten und wollen helfen. Vor allem wegen der Kinder zuliebe engagieren wir uns hier“, setzt Ute Storch zum Schlusswort an. Das Vertrauen sei bereits derart gewachsen, dass die älteren Kleinen bereits vereinzelt Zeit bei „Oma“ Ute verbringen darf oder man als Duo einen Ausflug plant. „Ich war mit Ute schon in der Zoohandlung“, erzählt Sarah. Mit der Begeisterung im Blick sagt das Mädchen, wie man dort Mäuse beobachtet hätte.

Soziallotsen gibt es seit 1. Juni 2015. Damals waren es 25. Die Blütezeit gab es 2016. Damals waren es 46 für den Salzlandkreis. Per 1. August sind 31 Lotsen im Kreis unterwegs.