Schönebeck l Wer Ursula Stammer kennenlernt, mag kaum glauben, dass sie heute schon 100 Jahre alt wird. Denn die rüstige Seniorin ist ziemlich lebhaft und geistig topfit. Das eine oder andere körperliche Wehwehchen ist ihr nicht anzumerken. „Ich wünsche mir zu meinem Geburtstag nur, dass alles bleibt, wie es ist. Dazu gehört natürlich auch die Gesundheit“, sagt die Schönebeckerin, die locker für 20 Jahre jünger durchgehen könnte.

Als Jahrgang 1919 hat Ursula Stammer vom Zweiten Weltkrieg bis hin zur Wiedervereinigung ein Großteil der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert in Schönebeck miterlebt. Ihr Vater war Direktor des Schönebecker Lyceums für Mädchen. „Das war ziemlich streng. Ich konnte mir nichts erlauben, sonst hätte es mein Vater innerhalb einer Viertelstunde erfahren.“ Auch der Matheunterricht bei ihrem Vater war kein Vergnügen.

Zahnarztfrau statt Abitur

Ihr Abitur sollte sie als junges Mädchen in Magdeburg ablegen, jedoch brach sie die Schule kurz vor der Prüfung ab, um 1937 im Alter von 18 Jahren ihren Verlobten Herbert zu heiraten. Der junge Zahnarzt wollte das gemeinsame Haus an der Leipziger Straße bauen, in dem sie bis heute lebt, und da gehörten Hochzeit und Familie einfach dazu. Kennengelernt hatten sich die beiden, als sie während eines Praktikums in einem Kinderheim einen Jungen zum Zahnarzt begleitete. Der gutaussehende junge Mediziner sollte sie bald ins Kino einladen. Bei einer Einladung ist es nicht geblieben.

Während des Zweiten Weltkrieges war ihr inzwischen verstorbener Ehemann als Zahnarzt in Norwegen stationiert. Später war er in Kriegsgefangenschaft in der US-amerikanischen Besatzungszone in Göppingen. Ursula Stammer musste damals einen russischen Offizier in ihrem Haus beherbergen. Nach seiner Freilassung wurde ihrem Mann in Göppingen eine Stelle als Zahnarzt angeboten. „Aber er wollte zurück in die Leipziger Straße nach Schönebeck, weil dort das Haus mit seiner Praxis war“, erzählt Ursula Stammer. Dass die Russen nach Ende des Krieges noch so lange im Osten bleiben würden, sei damals noch nicht absehbar gewesen.

Zu DDR-Zeiten arbeitete Ursula Stammer in der Praxis ihres Mannes im Souterrain ihres Hauses mit. Ansonsten war sie Hausfrau und kümmerte sich um die beiden Kinder. „Wir haben auch oft Abendgesellschaften gegeben, bei denen mein Mann den Gästen auf unserem Flügel vorgespielt hat. Er war sehr musikalisch“, erzählt sie.

Ein Trecker als Gastgeschenk in Kuba

Besonders gut in Erinnerung geblieben ist ihr eine Reise nach Kuba 1961. Es war die Jungfernfahrt des Urlaubsschiffes Völkerfreundschaft, das mit 450 Passagieren den Atlantik überquerte. „Das war ein richtiger Staatsbesuch. Als Gastgeschenk haben wir einen Trecker aus dem Schönebecker Traktorenwerk mitgebracht.“

Zu Wendezeiten ist Ursula Stammer montags mehrmals von der katholischen Kirche zum Büro der SED mitmarschiert. „Wir wollten schließlich, dass sich etwas verändert“, sagt sie. Auch dass Deutschland wieder ein Land wird, war ihr damals wichtig.

Ihren 100. Geburtstag feiert Ursula Stammer heute mit rund zwei Dutzend Freunden und Verwandten im Gasthof Zwei Linden in Eggersdorf. „Zu dem Lokal habe ich eine besondere Verbindung, weil mein Ehemann in jungen Jahren dort immer Tanzmusik für die Gäste gespielt hat“, sagt Ursula Stammer.