Volksstimme: Ich falle einfach mal mit der Tür ins Haus. Was will die Jugend von heute eigentlich?

Jana Dosdall: Es gibt zeitlose Bedürfnisse, die alle Jugendlichen haben. Dazu gehören das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und die Möglichkeit, seine Grenzen auszutesten. Wichtig ist es auch, Jugendlichen Verantwortung, aber auch Schutzräume zu geben.

Und was sind die spezifischeren, individuelleren Wünsche von Jugendlichen?

Die haben oft viel mit aktuellen Trends und Veränderungen zu tun. Das kann die Kleidung betreffen, aber auch Musikstile und Technik wie Smartphones. Aber da sollten Sie am besten die Jugend selbst fragen. Sie werden sicher eine Antwort erhalten.

Glauben Sie, dass junge Menschen zu wenig nach ihren Wünschen gefragt werden?

Das kann ich weder klar mit Ja noch mit Nein beantworten. Genauso wie Erwachsene die Jugend fragen sollten, müssen auch von der Jugend Impulse kommen. Eine positives Beispiel ist da der Jugendbeirat, den es seit einiger Zeit in Schönebeck gibt.

Und welche Aufgabe haben Jugendclubs heute? Oder dienen Jugendclubs nur noch als eine bessere Bushaltestelle?

Nein, ganz im Gegenteil. Wenn wir nach dem Sozialgesetzbuch gehen, dann ist das gemeinsame große Ziel, für Jugendliche möglichst positive Lebensbedingungen zu schaffen. Unsere Arbeit war schon immer sehr anspruchsvoll. Und heute ist sie anspruchsvoller denn je. Heute sprechen wir von sogenannten Multiproblemlagen.

Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, das liegt daran, dass Jugendlichen auf vielen Ebenen der sichere Anker wegbricht. Das schulische System wird immer instabiler, Eltern trennen sich immer häufiger. Dazu kommt noch die Digitalisierung. Die sorgt dafür, dass die Kommunikation untereinander wegbricht.

Welche konkreten Probleme bringen Smartphones und Co. mit sich?

Ich möchte hier generell nichts verteufeln. Aber viele Jugendliche gehen schon sehr leichtsinnig mit sozialen Netzwerken um. So entstehen beispielsweise über WhatsApp mehr Missverständnisse als bei einem richtigen Gespräch. Eine weitere Gefahr sind teils sehr private Fotos, die Jugendliche teilen und es später bereuen, wenn diese weiterverbreitet werden.

Sie sprachen vorhin von einem sicheren Anker. Was kann ein solcher Anker für Jugendliche sein?

Der Anker, der am sichersten ist, ist und bleibt die Familie. Sind beide Elternteile wacklig, sind auch die Jugendlichen stark gefährdet. Dann fangen die Probleme meist schon in der Kindheit an. Aber ein guter Anker kann auch ein guter Freundeskreis sein. Oder eben Jugendclubs.

Wie haben die sich in Schönebeck in den letzten 30 Jahren verändert?

Da hat sich viel getan. In der „wilden Nachwendezeit“ mussten die Strukturen noch erkämpft werden. Kämpfen mussten wir beispielsweise auch 2012 und 2014, als unklar war, ob wir die nötigen Fördermittel bekommen, um unsere Arbeit weiter fortsetzen zu können. Diese Unsicherheit hat sich damals selbstverständlich auch auf die Kollegen ausgewirkt. Heute bin ich mit der Entwicklung sehr zufrieden. Die Zusammenarbeit mit der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und dem Christlichen Verein junger Menschen (CVJM) klappt super und beim Verein Rückenwind haben wir drei Clubs mit drei ganz unterschiedlichen Schwerpunkten.

Wie sehen die aus?

Der Club „Young Generation“ steht für die „bunte Vielfalt“, die die Straße der Jugend zu bieten hat. Hier finden Jugendliche aus unterschiedlichen Herkunftsländern zusammen. Den Club „Future“ zeichnet die enge Kooperation mit der Sekundarschule Am Lerchenfeld aus. Und die Arbeit für Menschen mit Behinderung. Das „Piranha“ hat inzwischen eine sehr kreative Note bekommen. Mit dem Künstler Jan Focke finden hier oft Kunstprojekte statt und mein Kollege Stefan Meier bearbeitet jugendpolitische Themen unter anderem mit dem Jugendbeirat.

Was ist mit den Jugendlichen, die nicht den Weg in die Jugendclubs finden? Sehen Sie in Schönebeck ein Potenzial für Streetworker?

Angesichts der leeren Finanzierungstöpfe finde ich, dass die Anlaufstellen, die Jugendclubs bieten, in Schönebeck wichtiger sind als klassische Streetworker. Die Mitarbeiter in den Jugendclubs bekommen da aber auch einiges mit über das soziale Umfeld der jungen Menschen, die die Clubs besuchen. Wenn die Mitarbeiter es für nötig halten, gehen sie dann auch mal zu den anfangs von Ihnen angesprochenen Bushaltestellen und holen Jugendliche da ab.

Und wenn die Stadt im Geld schwimmen würde...

... dann würde ich mir als erstes eine feste Finanzierung von Jugendclubs wünschen. Uns würden beispielsweise mindestens zwei Personalstellen mehr sehr helfen. Und auch im Sachkostenbereich wären wir über ein angemessenes Budget dankbar.

Wie sieht es mit einem Freizeitangebot außerhalb der Jugendclubs aus? Kino? Shopping? Freibad?

Ein Kino ist wirtschaftlich einfach schwer zu etablieren in einer Stadt wie Schönebeck. Ich finde, dass da die Nähe zu Magdeburg ausreicht. Außerdem kann sich auch eine Kinokarte längst nicht jeder leisten. Wir bieten bei uns beispielsweise ein Kinderkino für den symbolischen Euro an. Etwa einmal im Monat verwandeln wir dann den Jugendclub in ein Kino, zeigen einen kindergerechten Film und machen im Vorfeld sogar Popcorn selbst. Und zum Freibad: Das ist natürlich traurig, dass es dieses Jahr geschlossen bleiben musste. Ein herber Verlust. Aber ein noch größerer Verlust wäre es, wenn die Schwimmhalle schließen müsste. Man muss aber auch immer gucken, was die Stadtkasse hergibt und was sich aus wirtschaftlicher Sicht lohnt. In Schönebeck ist man gut damit bedient, Alternativen wie das Naherholungsgebiet Plötzky-Pretzien oder den Seepark Barby im Auge zu behalten.

Nur die Fahrt dorthin kann sich nicht jeder leisten...

Es trifft in der Tat immer die selben. Die, denen die nötige Mobilität fehlt. Aber auch hier schauen wir in den Jugendeinrichtungen, dass wir beispielsweise regelmäßig eine gemeinsame Fahrt ermöglichen.

Verraten Sie zum Schluss noch Ihre Zauberformel? Wie schafft man es, Jugendliche mit Problemen erfolgreich abzuholen?

Für mich gibt es da tatsächlich eine Zauberformel, nicht darauf zu schauen, was die Jugendlichen nicht können und das dann aufzulisten. Ich drehe das um. Ich schaue bei jedem Kind, bei jedem Jugendlichen danach, welche Kompetenzen da sind. Da gibt es bei jedem etwas. Einem kompetenzlosen Menschen begegnen? Das habe ich noch nie erlebt. Und ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich das auch nie erleben werde. Auf diese Kompetenzen muss man aufbauen.

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