Schönebeck l Überlegen, wo er das Stativ mit der Kamera platziert, muss Krisztian Seress nicht lange. Schnell ist zwischen den Kirchbänken im Zentrum des Mittelschiffs der Schönebecker St.-Jakobi-Kirche der passende Platz gefunden, an dem er die vergleichsweise doch recht zierliche Fotoausrüstung platziert. (Die Reporterin war mit ihrer Spiegelreflexkamera und dem Aufsteckblitz doch deutlich bepackter.) „Wichtig ist, dass man darauf achtet, dass die Kamera nicht gerade genau an einem kunstvollen Fenster platziert ist. Dann könnte die Kamera Probleme bekommen, die Bilder zusammenzurechnen“, erklärt der Schönebecker.

Passend zum Advent improvisiert

Die Kamera, die Krisztian Seress verwendet, erinnert allerdings eher an einen USB-Stick früherer Generationen oder wahlweise auch an einen MP3-Spieler der 2000er-Jahre. Doch handelt es sich um hochmoderne Technik. Denn der Schönebecker fotografiert nicht einfach nur. Seine Leidenschaft gilt der 360-Grad-Fotografie, durch die die sogenannten Kugelpanoramabilder entstehen. Und ein solches gibt es jetzt auch von der Schönebecker St.-Jakobi-Kirche – wobei es sich bei der Aufnahme, die der Schönebecker kürzlich erstellt hat, genauer gesagt sogar um ein Video handelt. Denn im Hintergrund ist das Orgelspiel von Organist Sven Koch zu hören.

Schließlich ist die Aufnahme im Rahmen des Online-Adventskalenders der Evangelischen Kirchengemeinden in Schönebeck entstanden und in diesem auf der Videoplattform Youtube seit Mitternacht abrufbar. Ein bestimmtes Stück habe Sven Koch nicht gespielt. „Ich habe einfach improvisiert. Passend zum Advent habe ich feierlich-kräftige Klänge gewählt“, erklärt er.

Bilder

Besondere Kamera nötig

Und während die adventliche Orgelmusik erklingt, bleibt dem Betrachter des Videos ausreichend Zeit, sich in der St.-Jakobi-Kirche ausgiebig umzusehen. Wer nicht gerade über eine VR-Brille (die Abkürzung VR steht für Virtual Reality, zu deutsch virtuelle Realität), die man aufsetzen und so scheinbar in der Kirche steht und sich umschauen kann, verfügt, kann sich dennoch in dem Gotteshaus umsehen. Moderne Smartphones beispielsweise zeigen das Kircheninnere vom Standpunkt der Kamera aus, indem der Nutzer sein Smartphone in der Hand bewegt – eben dahin, wo er in der Kirche gerade schauen will. Denn die Aufnahme zeigt das Innere des Gotteshauses als 360-Grad-Aufnahme. Auch am Computerbildschirm kann man sich in der Kirche umsehen.

Um solche Bilder oder Videos zu erstellen, ist eine 360-Grad-Kamera nötig. Diese wiederum verfügt genau genommen über zwei Kameras, die jeweils mehr als 180-Grad-Aufnahmen erstellen, die dann automatisch zusammengefügt werden und so den virtuellen Rundum-Blick ermöglichen. Seine erste solche Kamera habe sich Krisztian Seress 2010 gekauft, ist 2018 aber auf ein qualitativ hochwertigeres Modell umgestiegen. „Die habe ich mir von meiner Frau schenken lassen“, merkt er grinsend an.

Bereits 100 000 Nutzer

Dass das neue Video jetzt Teil des Online-Adventskalenders ist, verdankt Krisztian Seress auch St.-Jakobi-Pfarrer Johannes Beyer. Der hatte es näm- lich erlaubt, in der Kirche zu drehen. Und nicht nur in dieser.

Auch in Elbenau war Krisztian Seress nach Absprache mit Johannes Beyer kürzlich unterwegs, hat in der kleinen Kirche St. Pankratius ebenfalls 360-Grad-Aufnahmen gemacht. Und diese Bilder kann sich jeder Internetnutzer kostenfrei anschauen. Möglich ist das im Google-Dienst „Streetview“. Den aktiviert man innerhalb von Google-Maps, nachdem man den Ort gesucht hat, den man virtuell erkunden möchte. Ein Klick auf das kleine gelbe Männchen unten rechts reicht aus. Dann erscheinen blaue Punkte, hinter denen sich Aufnahmen vom Ort des Punktes verbergen.

Datenschutz ist wichtig

Und von denen hat der 43-jährige Schönebecker mittlerweile über 250 hochgeladen. Angeschaut haben sich die Bilder bereits über 100 000 Nutzer. Klickt der Internetnutzer das Profil des Schönebeckers an, so ist zu sehen, dass er in der Region beispielsweise auch schon in und auf der St.-Johannis-Kirche, auf dem Ostfriedhof in der St.-Marien-Kirche und in St. Laurentii in Frohse unterwegs war. Und auch in seiner ungarischen Heimat, aus der auch sein Vorname stammt, hat der Schönebecker schon mit seiner 360-Grad-Kamera fotografiert und die entstandenen Aufnahmen hochgeladen, um sie mit der Welt zu teilen.

Dabei muss er aber eines beachten: den Datenschutz. „Das ist wichtig“, erklärt Krisztian Seress. Denn auf den Bildern dürfen weder Personen sein, die den Fotos nicht ausdrücklich zugestimmt haben, noch Kennzeichen oder beispielsweise Firmenlogos.

Ganz besonders gern hält er aber Orte fest, die für die Öffentlichkeit meist verborgen bleiben. So hat es sich Krisztian Seress bei seinem Termin in St. Jakobi gemeinsam mit Organist Sven Koch nicht nehmen lassen, einfach mal einen Blick in das Innere der imposanten Orgel zu werfen – und diesen natürlich auch bildlich festgehalten und die entstandenen Bilder in dem Google-Dienst für alle Internetnutzer einsehbar hochgeladen.

Plötzky soll noch folgen

Im Gegensatz zu den Aufnahmen aus der Orgel ist der Schönebecker selbst auf den Aufnahmen in der Regel nicht zu sehen. Manchmal hocke er zwischen den Kirchenbänken und verstecke sich – bei der Aufnahme in der St.-Jakobi-Kirche war es eben die Orgelempore. Denn gesteuert wird die Spezialkamera über das Smartphone des 43-Jährigen. Auf dieses wird das, was die beiden Kameras gerade sehen, in Echtzeit übertragen – und auch die entstandenen Bilder und Videos. Deren Übertragung dauert allerdings ein paar Momente, sind die Datenmengen je nach Auflösung doch recht hoch.

Als Nächstes plant der Schönebecker einen Foto-Ausflug nach Plötzky, will die dortige Kirche St. Maria Magdalena fotografieren und die Bilder – wie sollte es auch anders sein – mit der Welt teilen.