Felgeleben l Es ist ein Stück DDR-Kuriosität. Im alten Gebäude der Kindertagesstätte Am Gänsewinkel, die vom Verein Nestwärme getragen wird, führt eine Treppe ins – Nichts. Beim Bau des Hauses muss der Stadt damals das Geld ausgegangen sein. Nach der zweiten Etage war plötzlich Schluss. Eine Treppe in das nächste Stockwerk führt andeutungsweise dorthin. Die Zwischendecke wurde zum Dach.

Mehr zum Schmunzeln haben Besucher des alten Hauses nicht. Es versprüht den Charme einer längst vergangenen Zeit, abgesehen davon, dass energetische Zahlen mit der ins Nichts führenden Treppe nach oben gehen. Moderne, sozialpädagogische Arbeit mit Kindern altersübergreifend ist nur eingeschränkt möglich.

Kindertagesstätte 4.0

Doch das wird sich bald ändern. Was der Verein Nestwärme plant, ist nichts weniger als ein Quantensprung: Nicht nur die Kindertagesstätte selbst erlebt einen Wandel von der muffigen Karteikartenzeit in eine „Kita 4.0“, sondern auch die Betreuung der Kinder wird vollkommen neu aufgestellt sein. Der Verein Nestwärme wird Wege gehen, die es so noch nie in der Region gab.

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Was bleiben wird, ist eine Kindertagesstätte mit Kind-Eltern-Zentrum und einem Kneipp-Konzept. Doch das war‘s dann auch schon. Was bei einem Rundgang über die Baustelle des Neubaus auffällt, ist der fast kathedralenartige Eingangsbereich, helle, lichtdurchflutete Räume, die alle zur Innenseite des als Winkel gebauten Gebäudes angeordnet sind, verbreiterte Türrahmen, die ein offenes, sozialraumorientiertes Konzept ermöglichen und breite Gänge, die zum Spielen und Toben einladen. „Im Eingangsbereich wird es ein Café geben, zu dem die Eltern jederzeit am Tag kommen können“, berichtet Silke Bauer vom Verein Nestwärme.

Mit diesem Anspruch weichen die Mitglieder von „Nestwärme“ ziemlich deutlich von Althergebrachten ab. Sie wollen die Kindertagesstätte als Zentrum für Felgeleben etablieren, als Dorfmittelpunkt, wo sich ältere und jungen Einwohner treffen, wo sie sich über ihre Kinder austauschen und womöglich auch Rat holen können. „Wir werden bestimmt nicht alle Probleme lösen können, aber wir können mit Hinweisen und Kontakten weiterhelfen“, ist sich Silke Bauer sicher, die der Kopf der neue Idee ist.

Keine flexiblen Gruppen

Die Kinder werden in der Kita flexible Gruppen vorfinden. Es wird kein starres Gruppenkonzept geben, sondern eine inhaltliche Weiterentwicklung. Jeden Tag können die Mädchen und Jungen aus einer Vielzahl von Spiel- und Erlebnisangeboten auswählen: ob im Atelier, im Bau- und Konstruktionsraum, in der Kinderküche ... Oder sie ziehen sich in ein ruhiges Zimmer zurück. „Die Stimmungen der Kleinsten, die wie bei Erwachsenen jeden Tag anders sind, werden angenommen. Wir holen sie dort ab und nehmen sie mit“, so Silke Bauer.

Schon seit mehr als zehn Jahren steht der Neubau der Kindertagesstätte auf der Agenda. „Über Stark V, dem Programm zur Strukturentwicklung, hat die Förderung dann endlich geklappt“, berichtet der Geschäftsführer des Nestwärme-Vereines, Remo Kannegießer. Er lobt im Gespräch mit der Volksstimme vor allem das Handeln der Politiker, die sich über Parteigrenzen hinweg gemeinschaftlich für den Neubau eingesetzt haben. Auch Architekt und Bauamt der Stadt bleiben nicht unerwähnt.

Land, Bund und EU bezahlen nun das 2,8-Millionen-Euro-Projekt. Im Herbst, so Remo Kannegießer, soll der Neubau bezugsfertig sein. Damit ändert sich dann auch die Betriebserlaubnis der Kita von derzeit 84 auf dann 100 Kinder. Welche Wertschätzung die Kindertagesstätte und das pädagogische Konzept jetzt schon haben, beweist die Warteliste: Die ist nämlich fast genauso lang wie die alte Treppe ins Nichts.