Warum Rehkitze auf Wiesen liegen und wie gemäht werden sollte

Wiese als Ablageort:

Rehmütter legen ihre neugeborenen Kitze als Feindvermeidungsstrategie, vor zum Beispiel Wolf und Fuchs, an geschützten Orten, bevorzugt in Wiesen, ab. Gerade weitläufige Feldkulturen, insbesondere Wiesen, bieten zur Frühjahrszeit optimale Versteckmöglichkeiten. Die Ricken suchen ihren Nachwuchs lediglich drei bis vier Mal am Tag direkt auf. Die übrige Zeit bleiben die Kitze allein versteckt und werden von ihren Müttern aus sicherer Entfernung beobachtet. Evolutionär gesehen ist dieses Verhalten ein Vorteil. Das Liegen des Jungtiers an einer Stelle ist für die Mutter- als auch das Jungtier energetisch sinnvoll. Die Ricke kann in Ruhe Nahrung aufnehmen und Kitze verbrauchen wenig von der aufgenommenen Nahrung für Bewegung, wachsen entsprechend schnell. Bei Gefahr flüchten die Kitze insbesondere in den ersten Lebenswochen nicht: ihre angeborene Schutzstrategie besteht im Liegenbleiben und dem sogenannten Drücken. Da sie keinen Eigengeruch verbreiten und nahezu unsichtbar sind, wirkt dieser Schutzmechanismus gut gegen Beutegreifer – aber natürlich nicht gegen Mähtechnik. Moderne Mähmaschinen sind so schnell und haben so große Arbeitsräume, dass den Maschinenführenden ein Erkennen der Kitze und rechtzeitiges Stoppen der Maschinen während der Mahd unmöglich ist.

Fluchtmöglichkeit lassen:

Das Grünland sollte grundsätzlich von innen nach außen gemäht werden, dies bietet Rehen, Feldhasen oder Fasanen während der Mahd die Möglichkeit zur Flucht. Bei der Ernte der Ganzpflanzensilage verspricht die Begrenzung der Schnitthöhe auf etwa 15 bis 20 Zentimeter in der kritischen Aufzuchtzeit zusätzlichen Erfolg – gerade bei Rehkitzen, die sich instinktiv ducken, oder auch bei Bodenbrütern.

Quellen: Umweltministerium, Landesjagdverband Sachsen-Anhalt e.V. und Bauernverband Salzlandkreis

Schönebeck/Staßfurt l Die ersten Felder sind bereits gemäht worden – auch im Salzlandkreis. Und wie in jedem Jahr kommen dabei junge Rehkitze zu Tode – unbeabsichtigt, denn sie liegen versteckt auf den Feldern im hohen Gras. „Der erste Schnitt des Grünlandes Anfang Mai fällt genau in die Brut-, Setz- und Aufzuchtzeit von Rehkitzen, Junghasen und zahlreichen Wiesenbrütern“, wird in einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung des Landesjagdverband Sachsen-Anhalt erklärt.

Das Todesurteil für deutschlandweit jährlich tausende Kitze. „Statistiken werden darüber nicht geführt“, berichtet Katharina Elwert, Geschäftsführerin des Bauernverband Salzlandkreis. Schätzungen gehen aber von jährlich 100.000 Rehkitzen aus, die durch die Mahd getötet werden.

Mahd mit tödlichen Folgen

Denn fest steht: Gegen Großflächenmähwerke mit Geschwindigkeiten von bis zu 15 Kilometern pro Stunde und Arbeitsbreiten von bis zu elf Metern haben Jungtiere und Gelege, die sich oft auf landwirtschaftlich genutzten Feldern im hohen Gras befinden, keine Chance. Und so hat die Überlebensstrategie vieler Wildtiere gegen Fressfeinde, das bewegungslose Ausharren, bei der Mahd teils tödliche Folgen.

Doch es gibt Mittel und Wege, wie Landwirte Rehkitze und andere Wildtiere, die im Feld verharren, retten können. Zumindest die, die entdeckt oder vertrieben werden.

Richtige Mähweise

Entscheidend für die landwirtschaftlichen Betriebe ist in puncto Wildtierschutz, die anstehenden Grünschnitt-Termine – für Silage als Futtermittel oder zur Biomasseproduktion – rechtzeitig mit dem Jagdpächter abzustimmen und die Mähweise dem Tierverhalten anzupassen.

„Sobald die Wiesen in den Revieren im Salzlandkreis gemäht werden, sollten sich die Landwirte mit den Jagdpächtern im Vorfeld verständigen“, sagt Kreisjägermeister Jens Hennicke. Dann können die Jäger die Wiesen nämlich kurz vor der Mahd (mit Jagdhunden) absuchen und die Kitze mit Gras aus der Wiese tragen. Mit Gras deshalb, damit sie den Geruch der Menschen nicht annehmen und die Ricke (weibliches Reh) ihr Kitz nicht verstößt.

Rehe beunruhigen

Grundsätzlich ist nämlich nur der Jagdpächter berechtigt, Wild nachzustellen. Das gehe aus dem Jagdgesetz hervor, wie Jens Dedow, Vorsitzender der Jägerschaft Schönebeck, erklärt. Doch der Jäger kann der Suche nach Rehkitzen vor der Mahd durch andere Personen zustimmen.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Wiese sozusagen zu beunruhigen. „Knistertüten, Flatterbänder oder Kofferradios, die bereits am Vorabend aufgestellt werden, sind ebenfalls effektiv und kostengünstig“, heißt es seitens des Landesjagdverband Sachsen-Anhalt.

Rehe zum Beispiel seien beunruhigt und bringen ihren Nachwuchs in Sicherheit. Elektronische Wildscheuchen, die unterschiedliche Töne wie Menschenstimmen, klassische Musik oder Motorengeräusche aussenden, hätten sich laut Landesjagdverband genauso im Praxiseinsatz bewährt. Dabei gilt: Bereits eine Maßnahme pro Hektar zur Vertreibung wirkt, wie Erfahrungen aus der Jägerschaft zeigen.

Freiwillige Helfer und Drohnen

Doch nicht nur Jäger unterstützen die Landwirte bei der Suche nach Wildtieren in Feldern, sondern auch ehrenamtliche Helfer. „Mittlerweile haben sich zahlreiche Gruppen und Vereine gegründet, die in Zusammenarbeit mit den Jagdpächtern vor Ort alljährlich Landwirten bei der Rehkitzsuche helfen“, berichtet der Landesjagdverband Sachsen-Anhalt. So hat sich in Sachsen-Anhalt vor einigen Wochen der Verein „Wildtierretter Sachsen-Anhalt e.V.“ gegründet und will sich schon bald dem Schutz und der Hege der freilebenden Tierwelt widmen und auch bei der Rehkitzsuche mitwirken.

Aber auch moderne Technik kommt auf den Wiesen von immer mehr Landwirtschaftsbetrieben mittlerweile zum Einsatz – in Form von Drohnen. „Nach Ergebnissen des Konjunkturbarometer Agrar sind die Multikopter in mittlerweile fast jedem zehnten landwirtschaftlichen Betrieb im Einsatz“, teilt der Landesjagdverband Sachsen-Anhalt mit. In Kombination mit Infrarot-Technik und abhängig von der Witterung helfen die Drohnen, Jungtiere auf großen Flächen zu lokalisieren. Die Technik dafür ist allerdings kostenintensiv. Doch alle diese Varianten von Maßnahmen sind für Landwirte wichtig, um tierschutzrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen.

Tierschutzgesetz als Grundlage

Denn: Neben dem Hauptaspekt, dem ethischen, Kitze nicht im Mähwerk umkommen zu lassen, kann es für Landwirte auch rechtliche Folgen geben, die sich aus dem Tierschutzgesetz ergeben. „Wenn der Landwirt keine geeigneten Maßnahmen ergreift, um Kitze zu vergrämen, nimmt er den Mähtod billigend in Kauf und macht sich damit strafbar“, erklärt Bauernverband-Geschäftsführerin Katharina Elwert. Deshalb findet Kreisjägermeister Jens Hennicke: „Ein Miteinander ist hier zum Wohle der Kitze unerlässlich.“

Nicht zuletzt geht von Tierkadavern, die in Futtersilage gelangen, aber auch ein hohes Gefahrenpotenzial für die Vergiftung von Rindern aus. „Der sogenannte Botulismus wird durch die Aufnahme von Toxinen hervorgerufen, die das Bakterium Clostridium botulinum produziert. In eiweißreichem organischem Material, das unter Sauerstoffausschluss verwest (z. B. Kadaver in Grassilage) kann der Erreger seine Giftstoffe bilden, die zu den stärksten überhaupt in der Natur gehören“, sagt Katharina Elwert.

Unfälle melden

Zudem weist die Geschäftsführerin des Bauernverband Salzlandkreis darauf hin, dass wie jeder Wildunfall im Straßenverkehr auch Unfälle bei landwirtschaftlichen Arbeiten an den Jagdpächter gemeldet werden müssen.

Insgesamt sei der durch die Mahd entstehende Verlust an Rehkitzen aber nicht bedrohlich für den Bestand, erklärt Jens Dedow, Vorsitzender der Jägerschaft Schönebeck.