Calbe l Wolken trüben den Genuss des gärtnerischen Kleinods in den Kleingartenanlagen „Grüne Aue“, „Fasanengrund“ und „Gribehne“. Das Flurstück mit einer Gesamtfläche von 48.475 Quadratmetern kommt unter den Hammer. Am Sonnabend, 25. August, soll der Grund und Boden versteigert werden. Die Ungewissheit bei den Gartennutzern ist groß. „Eine Frau fragte mich, ob sie noch Erdbeeren pflanzen kann, wenn man im nächsten Jahr räumen muss“, gibt Kurt Vaupel von der Grünen Aue Befürchtungen der Gärtner wieder. Derartige Ängste würden seit Bekanntwerden der Versteigerung immer häufiger laut. Unsicherheit besteht auch bei dem Vorsitzenden Vaupel selbst. „Ich habe Angst, dass wir unsere Gärten loswerden“, begründet der den Gang ins Büro zu Karin Libbe.

Sie ist die Vorsitzende der Schönebecker Gartenfreunde, in dem alle elf Calbenser Kleingartenanlagen organisiert sind. „Wir müssen etwas Wichtiges klarstellen“, leitet sie ihre Erklärungen ein. Erster Punkt: Die Kleingärtner können nicht einfach enteignet werden. Zweitens: Eine Umnutzung der Fläche ist nicht so einfach möglich und bedarf zahlreicher Schritte. Zu diesen würde letztlich auch ein Stadtratsbeschluss gehören. Drittens: Fände sich ein neuer Eigentümer, könnte dieser die Gärtner nicht einfach zum Rückbau der Anlagen auffordern. „Der neue Eigentümer muss in den bestehenden Pachtvertrag eintreten“, verweist Libbe auf die rechtliche Situation, falls sich ein Bieter findet.

Kein Kleingarten musste weichen

Natürlich ist es möglich, dass der potenzielle Käufer andere Ideen für die Grundstücksnutzung vorhält. Dann allerdings müsste dieser einen Stadtratsantrag auf Änderung im Nutzungsplan ansetzen.

Und genau der müsste im Nachhinein auch noch mehrheitlich von den Räten beschieden werden. Warum das Prozedere so genau dargestellt wird? Um zu zeigen, dass bis zu einer möglichen Umnutzung sprichwörtlich noch viel Wasser den Rhein hinabfließen wird. Karin Libbe versucht aber nochmals zu beruhigen: „Es gab im Altkreis Schönebeck noch keinen Kleingartenverein, der weichen musste“, sagt sie.

Klar muss auch sein: Es geht nicht per se um die Versteigerung der Kleingartenanlagen, sondern um den Eigentümerwechsel für den Grund und Boden. Alles, was darüber gebaut ist, bleibt im Eigentum des Kleingärtners. Dass ein Neueigentümer die Anlagen platt machen möchte, hält Libbe für unwahrscheinlich. Gute Gründe gibt es für dieses Denken. So seien die knapp 50.000 Quadratmeter im aktuellen Flächennutzungsplan als „Dauerkleingarten“ vorgesehen. Grüne Flechen, die also auch perspektivisch als solche vorgesehen sind. Auch die gute Auslastung spreche gegen die „Planier-Variante“.

Nicht zu Lasten der Gärtner

Müssten die Anlagen trotz allem Hoffens oder Zuversicht weichen, dann in keinem Fall zulasten der Gärtner. Sie werden entschädigt. Für alles, was in der Parzelle vorhanden ist wie beispielsweise die Laube. Dazu erfolgt eine individuelle Wertermittlung. Libbe kennt auch solche Beispiele und spricht aus Erfahrung, als sie sagt, „dass man für eine Parzelle mit bis zu mehreren Tausend Euro entschädigt werden kann“. Es ist ein unwahrscheinlicher Gedanke. Schließlich sehen Libbe, Kurt Vaupel und Manfred Petes, der stellvertretende Vorsitzende der Schönebecker Gartenfreunde gerade bei klimatisch trockenen Sommermonaten die grünen Oasen der Städte als überaus bedeutungsvoll an.

Die Saalestadt verfügt allein über elf Kleingartenanlagen - sie stechen heraus. Denn während der durchschnittliche Leerstand der Kleingartenanlagen im Altkreis Schönebeck bei durchschnittlich 30 Prozent liegt, pendet er in Calbe durchschnittlich zwischen zehn und fünf Prozent. Überdurchschnittlich gut.

Nachdem Vaupel in Vertretung für seine Mitglieder den Rat Libbes gesucht hat, bleibt allerdings noch ein Sorgenkind bestehen. Der „Fasanengrund“. Sie ist ebenfalls Bestandteil des Flurstücks, das ungestückelt an den oder die Neuen gebracht werden soll. Zu ihren Schwesteranlagen fällt dort ein Problem nach dem anderen an. Die Anlage verfügt über eine Gesamtfläche von 29.418 Quadratmeter. Große Parzellen, aber auch breite Wege (zum Teil laut Libbe etwa zwölf Meter). Insgesamt 65 Kleingärtner könnten hier ihr Gartenidyll aufbauen. 2017 wurden im „Fasanengrund“ noch 45 Parzellen bewirtschaftet. Heute, nicht einmal ein ganzes Jahr später, kümmert sich die geschrumpfte Mitgliederzahl nur noch um 27 Gärten - 18 Gartenbesitzer weniger in weniger als einem Jahr.

Leerstand durch Gerüchte?

Prozentual macht das einen Leerstand von rund 60 (genau genommen 59,5) Prozent aus. Ein alarmierender Zustand. Das hängt mit den Problemen der Anlage zusammen. So habe der Vorstand im April dieses Jahres seine Ämter niedergelegt. Der gesamte Vorstand. Finanzprobleme bilden einen der Hintergründe, die unter anderem zu dieser Situation geführt haben. Denn für die rund 29.000 Quadratmeter muss Pacht gezahlt werden. Für jeden Quadratmeter genau 7,2 Cent. Macht 2118,10 Euro. Eine Versammlung im Mai sollte die Bereitschaften abklären, inwiefern verbliebene Mitglieder bereit wären, einen neuen Vorstand für den „Fasanengrund“ zu stellen. Eine Nachfrage, die ergebnislos verlief. Von jetzt auf gleich wird die Anlage wegen des fehlenden Vorstandes nicht aufgelöst, aber es müssten sich dringend neue Mitglieder und auch Interessenten für das Vorsitzendenamt finden.

Findet der „Fasanengrund“ keine neuen Köpfe, sieht es düster aus. Dann wird er sich perspektivisch auflösen. Dann wird es auch wieder wahrscheinlicher, dass ein neuer Eigentümer andere Pläne mit den Grundstücken umsetzen will.

„Rund 20 Prozent des Leerstandes dort kommen durch Gerüchte“, weiß Karin Libbe. Gerüchte, die auf den Flächen bereits Solarparks entstehen sehen. Mit einem „So einfach ist das nicht“, verweist Libbe auf einzuhaltende Richtlinien. Auch wird davon gesprochen, dass das Calbenser Umwelttechnikunternehmen Doppstadt sich für die Gartenanlagen aus Erweiterungsgründen interessiert. Als die Volksstimme dort nachfragt, bestätigen die Leiter ein Interesse an den Gartenflächen nicht.

Bumerang-Effekt

Eine Tatsache, die Libbe selbst nicht loslässt, ist die Vermutung, dass man die Versteigerungs-Lawine selbst losgetreten habe. Auslöser könnte eine vor Monaten erfolgte Nachfrage beim aktuellen Eigentümer gewesen sein. Dort machten die Schönebecker Gartenfreunde auf die Notsituation im „Fasanengrund“ aufmerksam - verbunden mit der Nachfrage nach einer verminderten Pacht. Was die Gartenfreunde in bester Absicht getan haben, könnte so nun also als Bumerang zurückkommen. Der Pachtminderungsanfrage wurde eine Ablehnung erteilt, mit der sich die Calbenser und Schönebecker abgefunden haben. Etwas seltsam sei es allerdings schon, dass jahrelang Ruhe herrschte und nun eine Versteigerung auf der Agenda steht. Inwieweit hier ein Zusammenhang besteht, war bis Redaktionsschluss nicht in Erfahrung zu bringen.

Ein weiteres Gedankenspiel: Nachdem ein Bieter die Fläche ersteigert hat, könnte die Stadt Calbe von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch machen. Da es dabei teils um nicht vollkommen erschlossene Areale handelt, die zudem nicht öffentlich genutzt werden können, lässt Bürgermeister Sven Hause auf Nachfrage ebenfalls ein Desinteresse erkennen, ein mögliches Vorkaufsrecht zu beanspruchen. Allerdings verweist er alternativ genau wie Karin Libbe auf eine Bietergemeinschaft, die sich zusammenschließt, um die Fläche zu kaufen. Das folgende Beispiel soll die Funktionsweise veranschaulichen: Eine Anlage besitzt 100 Parzellen mit 100 Kleingärtnern. Eine beliebige Anzahl der Gartenfreunde - zum Beispiel 40 - könnten die Fläche käuflich erwerben. Mit den anderen 60 würden Pachtverträge abgeschlossen werden.

Die Kleingartenflächen westlich der Barbyer Chaussee der Saalestadt kommen am Sonnabend, 25. August, ab 11 Uhr im NH Hotel Leipzig Messe, Fuggerstraße 2, in Leipzig zur Versteigerung.