Calbe l Einsicht statt einseitige Sicht: Emiel Herzig sitzt in einer kuschligen Leseecke mit den Knirpsen der großen Gruppe in der örtlichen Arbeiterwohlfahrt-Kita „Haus des Kindes“. Im Schneidersitz bequem gemacht, ruft und winkt er motiviert die Kinder zu sich. Sie sammeln sich flugs um ihn wie Motten um das Licht. Denn: Es ist Vorlesezeit! Diesmal ist der Geschichtenerzähler, der in die Welt des kleinen Drachen Kokosnuss entführt, noch blutjung. Selbst noch ein Kind. Wie ein Großer liest er den Kleinen die Geschichte vor und erhält so einen klitzekleinen Einblick in die Welt der Erzieher.

Emiel, der seinen Schulalltag ansonsten in der sechsten Klasse des Friedrich-Schiller-Gymnasiums verbringt, hat sich bewusst für den Tag in der Kindereinrichtung entschieden. Einst hat er sie selbst besucht. „Nun wollte ich gucken, wie sich die Kita und die Leute dort verändert haben“, gesteht er seine Neugier.

Stress und Verantwortung

Der Boys‘- und Girls‘-Day (Jungen- und Mädchentag) dient dazu, Schüler in sonst geschlechterunspezifische Berufe blicken zu lassen. Letztes Jahr war der Sechstklässler im Seniorenheim. Eine Affinität für das Soziale lässt sich nicht absprechen und er bestätigt: „Ich könnte mir vorstellen, in meinem Beruf später so etwas zu machen, aber ich schaue erstmal, was es sonst noch gibt“, formuliert der aufgeweckte Junge kurz vor Ende seines sechsstündigen Schnuppertages. Morgens war er Teil des Morgenkreises, in dem er die erste Bindung zu den Kleinen aufgebaut hat. Das Fangespiel zähle allerdings zu seinen persönlichen Höhepunkten im Tagesverlauf: Denn hier habe er intensiv bemerkt, wie wild und gleichermaßen anhänglich die Kinder seien, obwohl er erst wenige Stunden in der Einrichtung verbracht hat. Ein stressiger und verantwortungsvoller Beruf, wie er erkennen muss.

Für einen Tag sah sich das „Haus des Kindes“ in Sachen Männerquote gut aufgestellt. Herzig ist nämlich lediglich einer von insgesamt drei männlichen Schnupper-Schülern gewesen. Ansonsten gebe es im gesamten AWO-Kreisverband Salzland nur einen männlichen Erzieher-Azubi. Junge Männer, die hinter die Kita-Kulissen schauen, gebe es laut Leiterin Heike Espenhahn immer wieder. Ihre Erfahrung bestätige aber auch häufiger, dass die ausgebildeten Erzieher-Männer nach der Lehre vornehmlich mit Jugendlichen arbeiten wollten.

Wichtige Bezugsperson

Fest stehe: „Männer begleiten Kinder ganz anders als Frauen, unter anderem, weil sie viele Dinge gelassener sehen“, beruft sich Espenhahn auf ihre Berufserfahrung.

Gerade in jetzigen Zeiten von unterschiedlichsten Familienstrukturen, die vom Idealbild „Mutter, Vater, Kind“ abweichen, seien die Männer in der Kita - und vor allem im Krippenbereich bei den ganz Kleinen - wichtig. Wichtige Bezugspersonen. Das merke man vor allem bei Kindern alleinstehender Mütter. Sie bräuchten Erzieher-Männer besonders für ihre Persönlichkeitsentwicklung.

Natürlich lässt es sich leicht dahin sagen, dass Männer mit Kindern „anders bauen“ oder „anders Fußball spielen“. Ziel Espenhahns ist es aber, den Kindern schon von klein auf zu lehren, dass Klischees und Stereotypen à la „Typisch Mann oder Frau“ in einer modernen Gesellschaft nichts zu suchen haben. Stichwort: Geschlechtergleichheit. Vielmehr seien beide Geschlechter für die Kinder Vorbild.