Schönebeck l „Eine Kostbarkeit, die sogenannten „Magdeburger Schöppensprüche“, konnten mit dem Einsatz von Fördermitteln der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) in nicht unerheblicher Höhe restauriert werden“, teilt Britta Meldau, Leiterin des Schönebecker Stadtarchivs, stolz mit. Schöppen, oder auch Schöffen, waren Personen, die mit der Rechtssprechung, aber auch mit Aufgaben der Verwaltung betraut waren.

„Die Sprüche der Magdeburger Schöppen für ihre Amtskollegen in Groß Salze – dem heutigen Bad Salzelmen – sind ein wichtiges Zeugnis der Rechtsgeschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. Es sind 52 Urkunden aus dem Jahr 1350 bis zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts“, erklärt Britta Meldau. Die Groß Salzer Schöppen baten in bestimmten Rechtsstreitigkeiten den Magdeburger Schöppenstuhl um Unterstützung. Dieser antwortete dann, so dass sich mit der Zeit allmählich ein Schriftverkehr entwickelte. Inhalt der Streitigkeiten seien viele Situationen gewesen, die auch heute noch von Gerichten verhandelt werden, darunter Eigentumsdelike, Beleidigung, Schulden, Zufügung von Schaden, Meineid.

Material war säurehaltig

In Groß Salze wurde das Magdeburger Recht angewandt, auch der „Sachsenspiegel“ von Eicke von Repgow habe hier großen Einfluss gehabt, wie Britta Meldau berichtet. Die Leiterin des Stadtarchives nennt ein Beispiel: „Wer kennt nicht das geflügelte Wort ‚Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!‘ – Der Bauer, der zuerst an der Mühle eintraf, war auch berechtigt, als erster sein Getreide mahlen zu lassen.“ Anfang des 20. Jahrhunderts wurden diese Sprüche – auch zum Beispiel aus Zerbst und Naumburg – in einem Buch für das interessierte Publikum veröffentlicht.

Die hiesigen Schöffensprüche hätten sich bereits damals fest eingeheftet in einer starken Mappe befunden. „Das verwendete Material entsprach aber nicht mehr den heutigen Anforderungen. Es war säurehaltig. Die Urkunden waren zum Teil unsachgemäß ausgebessert worden. Durch die Heftung war es unmöglich, die einzelnen Schriftstücke ordentlich abzufotografieren. Die Sprüche gehören aber zu dem wichtigen Bestand der Rechtspflege, der in Kürze im Rahmen der Bundessicherheitsverfilmung abfotografiert und so für kommende Generationen gesichert werden soll“, erläutert Britta Meldau.

Deshalb habe man Fördermittel für die fachgemäße Restaurierung beantragt und bewilligt bekommen. Im vergangenen Jahr konnte dann eine sächsische Werkstatt die erforderlichen Arbeiten durchführen.

„Die Urkunden wurden aus der Mappe entnommen, gesäubert und entsäuert. Die Verklebungen wurden entfernt, das fehlende Material wurde sozusagen nachgegossen“, erklärt Britta Meldau. „Nun liegt jede Urkunde einzeln in einer Umhüllung aus archivspezifischem Material. Die Sprüche warten nun gemeinsam mit den Akten zu den Hexenprozessen sowie den Gerichts- und Handelsbüchern auf ihre Reise nach Potsdam zur Verfilmung.“ Dank der Fördermittel der Koordinierungsstelle sei es möglich gewesen, in Schönebeck ein wichtiges Zeugnis der örtlichen Vergangenheit vor dem schleichenden Zerfall und dem Vergessen zu retten. „Diese Praxis will das Team des Stadtarchivs nach Möglichkeit weiter verfolgen – im Interesse unserer einmaligen Bestände und für die Bewahrung der geschichtlichen Überlieferung“, gibt Britta Meldau zu verstehen.

Archiv nimmt weiter teil

„Um unsere Zukunft zu sichern, müssen wir die Vergangenheit erhalten“. Das ist der Leitspruch der KEK. Diese Stelle ist an der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingerichtet und bei der Staatsbibliothek Berlin angesiedelt. Sie sorgt sich um die Erhaltung des nationalen Erbes, das in Form schriftlicher Überlieferung in Einrichtungen wie Archiven, Museen und Bibliotheken vorliegt. „Es sind nicht nur die großen Katastrophen wie der Brand der Herzogin Amalia Bibliothek in Weimar im Jahre 2004 oder der Absturz des Kölner Stadtarchivs im Jahre 2009, die eine Gefahr für das oft Jahrhunderte alte Schriftgut darstellen. Auch fast unbemerkter Zerfall der Substanz durch Schimmel, Schädlinge, säurehaltige Materialien, verblassende Farben und Schriften oder Tintenfraß machen den einstigen Datenträgern sehr zu schaffen“, erklärt Britta Meldau.

Die darauf enthaltenen Informationen und somit das nationale Gedächtnis könnten unter besagten Umständen verloren gehen. Um dem entgegenzuwirken, stelle die Koordinierungsstelle ein jährliches Budget zur Verfügung. Das sind Fördermittel für Erhaltungsarbeiten an Schriften. Unter anderem können sich Archive um den Erhalt von Fördermitteln bewerben - den Einsatz einer gewissen Eigenbeteiligung vorausgesetzt. Jährlich werden die Maßnahmen unter ein eigenes Motto gestellt.

Im vergangenen Jahr erfolgte der Aufruf unter dem Titel „Vergessene Kostbarkeiten“, dem das Schönebecker Stadtarchiv folgte.