Bernburg l Studenten sind pünktlicher, als es deren Ruf vermuten lässt. Das Seminar in der Lehrimkerei der Hochschule Anhalt beginnt auf die Sekunde genau. Auf dem Campus im Bernburger Ortsteil Strenzfeld sitzen die Damen und Herren rund um einen Tisch und auf Stühlen, die allesamt an Bienenwaben erinnern. Auch für das nahe Bienenhaus, das Handwerkszeug, Gerätschaften und einige Bienenvölker beherbergt, haben Absolventen des Designstudienganges Formen gewählt, die einen Bezug zur Imkerei haben. Die Grundform des Hauses soll so an den Hinterleib einer Biene erinnern. Der Unterricht findet bei herrlichem Sonnenschein unter freiem Himmel inmitten blühender Flächen statt, da lacht das Herz.

In diesem Teil ist das Hochschulareal besonders naturnah. Schwerpunkte in der Lehre unter anderem in den Bereichen Ökotrophologie, Umweltplanung oder Naturschutz machen das kleine Paradies möglich. Es geht an der Bildungseinrichtung keineswegs nur um die Vermittlung theoretischer Kenntnisse. Praxisnähe und begreifendes Lernen haben einen hohen Stellenwert, versichert Margot Steinel, Professorin im Fachbereich Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung.

Die Wissenschaftlerin hat sich selbst erst vor gut fünf Jahren der Bienenhaltung verschrieben. 2014 wurde dann von ihr die Idee aus der Taufe gehoben, ein eigenes Modul des Studiums der „Theorie und Praxis der Imkerei“ zu widmen, passend zum Profil der Hochschule. „Ich war dann selbst überrascht, wie groß das Interesse der jungen Leute daran war und bis heute ist“, berichtet sie. Teilweise habe es Wartelisten für das ganz besondere Seminar gegeben, die 20 Plätze sind begehrt.

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Imker werden immer jünger

Keine Spur davon, dass die Bienenzucht lange Zeit als „Altmännerhobby“ belächelt wurde. „Ein deutschlandweiter Trend belegt, dass die Imker wieder jünger werden“, sagt die Professorin. Die Gründe seien vielschichtig, hätten ihre Wurzeln aber auch im Wunsch, die Herkunft von Lebensmitteln zu kennen und selbst für die Erzeugung zu sorgen. Junge Leute gärtnern wieder zunehmend, wissen, dass beispielsweise die Möhre vom eigenen Beet besser schmeckt als die vom Großerzeuger.

Man wende sich von der Globalisierung der Produktion von Nahrungsmitteln ein stückweit ab. „Und selbstgemachte Geschenke wie ein Glas Honig oder auch Marmelade genießen heute eine zunehmende Wertschätzung“, lautet die Aussage von Margot Steinel.

Für ihre Studenten ist die Imkerei mehr als eines der üblichen Unterrichtsfächer. Da braucht es besonders große Verlässlichkeit. Die gegenwärtig zehn Bienenvölker verlangen ständig nach Pflege und Aufmerksamkeit. Entsprechend müssen freie Tage unter den Kommilitonen abgestimmt werden. Die Stärkung der Selbstverantwortung sieht die Professorin als positiven Nebeneffekt an. Für die Bernburger Hochschule bildet dieser Teil des Studiums zudem eine Art Aushängeschild, denn vergleichbare Projekte kennt sie deutschlandweit nicht.

Zurück zum Unterricht an diesem Vormittag. Die Kladde mit Aufgaben ist randvoll gefüllt. Neue Zuchtköniginnen sollen gefunden und später einem Volk zugewiesen werden. Dieses sogenannte Einweiseln erfordert große Konzentration und fachliches Können, denn das Überleben eines ganzen Bienenvolkes hängt davon ab. In einem Fall soll der Amtswechsel bei der Throninhaberin Ruhe in eine Beute – so heißt der Bienenstock – bringen. Die jetzige Königin sei aggressiv, das wirke sich auf deren ganzes Volk aus. Brutwaben gilt es zu entnehmen, um den Grundstock für neue Völker zu legen, Wachsstreifen sind auf einigen Waben aufzubringen. In kürzester Zeit sind die Studenten und ihre Professorin kaum noch zu unterscheiden. Alle tragen die gleiche weiße Schutzkleidung mit dem auffälligen Hut und der Gaze vor dem Gesicht.

Jenny Förster studiert Naturschutz und Landschaftsgestaltung. Für sie ist diese Beschäftigung mit der Imkerei „richtig gut“, man lerne dabei, die Pflanzenwelt mit den Augen der Bienen zu sehen. Als sich Sandra Krumbholz für das Studium der Ökotrophologie in Bernburg bewarb, waren die Bienen ein durchaus wichtiger Aspekt, der diese Entscheidung beeinflusste. „Der Kurs war ein Grund, nach Anhalt zu kommen“, erzählt sie. Familiäre Erfahrungen spielten bei Anna Pravmann eine Rolle. „Schon von meinen Großeltern kannte ich die Imkerei, auch mein Vater beschäftigt sich mit Bienen. Diese Tradition möchte ich aufrecht erhalten“, berichtet die junge Frau aus Niedersachsen.

Die Imkerei zum Hobby gemacht

Sie sieht dieses Modul im Studium als einen „tollen Zusatznutzen“. Die Begeisterung für die Honigsammlerinnen hat Holger Bickel längst gepackt. Der Landwirtschaftsstudent aus Weimar hat für sich mit einem Freund die Imkerei zum Hobby gemacht. Fünf Völker bewirtschaften die beiden seit diesem Jahr in einer Kleingartensparte. „Ich habe mich schon immer für Bienen interessiert. Wie kann ich besser Erfahrungen sammeln, als in diesem Modul des Studiums“, bringt er seine Meinung auf den Punkt.

Professorin Steinel spürt man die Begeisterung an der Imkerei augenscheinlich an. An diesem Vormittag packt sie selbst mit zu, steht ihren Studenten zur Seite, gibt Tipps für die vielen handwerklichen Dinge, die bei der Pflege eines Bienenstocks zu beachten sind. Gerade das Umweiseln der Königinnen verlangt viel Fingerspitzengefühl, da ist der Rat der Expertin gefragt. Ihre Hoffnung ist, dass die neuen Herrscherinnen von ihren Völkern angenommen werden. Das sei nicht immer der Fall, erläutert sie. Für die Studenten muss nach der Ausbildung innerhalb eines Semesters mit der Imkerei keineswegs Schluss sein. Sie erwerben unkompliziert und in Zusammenarbeit mit örtlichen Imkervereinen die Befähigung, selbst im kleinen Rahmen Bienen zu halten.

Margot Steinel freut sich über das Interesse ihrer Studenten. Einige werden sicher auch später den Bienen treu bleiben. In Sachsen-Anhalt summen sie wieder intensiver als kurz nach der Wende. Nachdem 2008 mit gerade einmal 1200 Imkern zwischen Altmark und Burgenland die Talsohle durchschritten wurde, gebe es gegenwärtig wieder 1700 Mitglieder im Imkerverband des Bundeslandes. Anfang der 1990er Jahre widmeten sich knapp 6000 Frauen und Männer der Imkerei. Sie hielten damals 38 000 Völker, heute sind es rund 12 000. Doch reich werde niemand von der Honigproduktion, auch wenn bis zu 20 Völkern das Finanzamt davon ausgeht, dass kein Gewinn erzielt wird. Zu hoch sind die Einstiegs- und Unterhaltungskosten bei der Bienenhaltung, berichtet Margot Steinel. Der goldgelbe Brotaufstrich habe eben seinen Preis. So reicht die relativ geringe Menge des Strenzfelder Campushonigs nicht aus, um alle Wünsche von Studenten, Hochschulmitarbeitern und Gästen erfüllen zu können. „Wir müssten dreimal so viel wie zurzeit produzieren, um den Bedarf zu decken“, sagt die Wissenschaftlerin. Ganz Professorin ergänzt sie, dass für ein Glas mit 500 Gramm Honig drei Millionen Blüten angeflogen werden müssen. Die emsigen Tiere legen dafür durchschnittlich 120 000 Kilometer zurück.