Berlin/Barby l Ein bisschen wunderten sich die Mitarbeiter im Kontrollcontainer des Reichstages schon. Dort gibt es eine Sicherheitskontrolle ähnlich der am Flughafen. Während die erwartungsfrohen Besucher Portemonnaie, Schlüssel oder Handy in die bereitgestellten Kunststoffschalen legten, kam ein Herr aus Barby mit einem großformatigen, flachen Weihnachtspäckchen daher. Der hieß Otto Bleich und hatte ein Leinwandfoto von der Barbyer Elbbrücke eingewickelt. „Das wollen wir nachher Tino Sorge überreichen, damit er die Probleme um unsere Brücke nicht vergisst“, lächelte er. Wie auch Klaus Bittrich war Bleich in ehrenamtlicher Doppelfunktion nach Berlin gefahren: als Mitglied des Tourismusvereins „Grafschaft Barby“ und der „Arbeitsgruppe Elbbrücke“. Tino Sorge hatte neben Ehrenamtlichen aus Eggersdorf und Magdeburg auch die Barbyer eingeladen.

Im schmucklosen, funktional eingerichteten Fraktionssitzungssaal der CDU nahm Sorge das großformatige Foto mit dem Versprechen in Empfang, es in seinem Büro aufzuhängen. „Wenn er das wirklich macht, hat er unser Problem quasi ständig vor Augen“, grinste Klaus Bittrich schelmisch.

Der Magdeburger Bundestagsabgeordnete hatte sich im Sommer mit der Dresdener „Sire“ in Verbindung gesetzt, die neuer Besitzer der Brücke ist. Vertreter der Firma hätten Sorge versichert, dass zu keinem Zeitpunkt eine Demontage des historischen Barbyer Wahrzeichens geplant gewesen sei.

Zuhörer im Plenarsaal

Der gebürtige Thüringer Tino Sorge nahm sich Zeit für Fragen rund um die Arbeit als Abgeordneter und zu aktuellen Themen. Dafür „schwänzte“ er kurz eine Debatte im Plenarsaal des Reichstages. Hier ging es um eine Ausweitung des Afghanistan-Einsatzes. In namentlicher Abstimmung votierten 480 Abgeordnete für einen entsprechenden Antrag der Bundesregierung. Damit erhöht sich die Zahl der einzusetzenden Soldaten im Rahmen der Nato-Ausbildungs-, Beratungs- und Unterstützungsmission „Resolute Support“ von bisher 850 auf bis zu 980.

Auch die Reisegruppe aus Sachsen-Anhalt durfte an der Sitzung teilnehmen. „Es ist sehr interessant, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen oder Wolfgang Schäuble von der Besuchertribüne im Plenum bei der Arbeit zuzusehen“, sagte eine Besucherin aus Bördeland. Auch den legendären RAF-Anwalt Hans-Christian Ströbele (B90/Grüne) sah man durch die Reihen staksen.

Von der Leyen nannte 2015 eine „hartes Jahr für Afghanistan“. Die ursprüngliche Ankündigung der ausländischen Truppen, sich aus der Fläche zurückzuziehen, sei nicht ohne Wirkung geblieben und habe die Taliban „teilweise ermutigt“, die afghanische Armee „teilweise entmutigt“.

Durchdringendes Geräusch

Für Verwunderung sorgte die Art und Weise, wie Parlamentarier zur Abstimmung gerufen werden. In allen Räumen des Reichstages und externen Abgeordnetenbüros ertönt dann eine nervende Hupe, die in Intervallen noch den letzten Volksvertreter aus seinem Büro treiben dürfte. „Ich habe im ersten Moment gedacht, hier ist Sicherheitsalarm“, gestand ein Besucher.

Tino Sorge äußerte sich nicht nur zu allgemeinen Themen wie Ärztemangel, medizinische Versorgung oder Ausländerproblematik. Der 40-jährige plauderte auch aus dem Nähkästchen. Dass er in Parlamentssitzungen vor Zwischenrufen keineswegs zurück scheut. Sie würden die Debatte schließlich beleben. Oder von Peter Altmaier zum Essen eingeladen wird, wenn der Bundesminister für besondere Aufgaben für seine Gäste selbst kocht. (Weil er damit Werbung für die saarländische Küche mache.) Oder wenn die Kanzlerin bei der CDU-Weihnachtsfeier Gedichte vorträgt … Themenwechsel: Nach einem Kneipenabend in Bonn rief der junge Abgeordnete Gerhard Schröder einst „Ich will da rein!“ und rüttelte am Zaun des Kanzleramtes.

Und wie ist es bei Tino Sorge, hat er denn auch schon gerüttelt?

„Nein, das noch nicht“, antwortet der Wahl-Magdeburger auf diese Frage, „aber dass die meisten Abgeordneten da rein wollen, ist doch klar.“