Apotheke

Medikamenten-Lieferdienst funktioniert

Für viele Menschen ersetzt die Apotheke den Arztbesuch. Trotz der Nachfrage kämpfen Apotheker auf dem Land ums Überleben.

Von Von Tom Szyja

Biere l Ulf Schimmer steht nicht gerne im Mittelpunkt. Bei ihm stehen die Kunden im Vordergrund. Er möchte anderen Menschen helfen, ihnen eine Freude bereiten. Da passt es gut, dass ihm das bei seinem Job regelmäßig gelingt. Schimmer arbeitet als Apotheken-Kurier in Biere.

Zurzeit trägt er selbstverständlich eine Maske, wenn er mit seinen Kunden in Kontakt kommt. Dadurch lässt sich das Lächeln unter dem Mundschutz nur erahnen. Auf alle Fälle wird die Begeisterung deutlich, mit der Schimmer seiner Arbeit nachgeht.

Die Leidenschaft für die Apotheke hat Schimmer von seiner Mutter geerbt. Christel Schimmer leitete ab 1968 über 40 Jahre lang die Apotheke in der Großen Straße 7 in Biere. „Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Wir leben Apotheke.‘ Und das versuche ich fortzusetzen“, erzählt Ulf Schimmer.

Nachdem seine Mutter verstarb, fand sich kein neuer Apotheker, der eine Filiale an dem Standort betreiben wollte. Stattdessen gibt es in Biere jetzt eine „Pick-up-Apotheke“. Wer ein Rezept vom Arzt bekommen hat oder ein rezeptfreies Arzneimittel benötigt, der hinterlegt bei Ulf Schimmer seinen Wunsch. Das geht über einen Zettel im Briefkasten oder per Telefon.

Seine Kunden melden sich aber nicht nur bei medizinischen Fragen. Schimmer erzählt, dass ihn die Kunden auch fragen, was im Dorf so passiere. So ist er immer bestens über den neuesten Klatsch und Tratsch informiert. Und das fast rund um die Uhr.

„Der Bedarf regelt meine Arbeitszeit. Ich schaue nicht auf die Uhr, wenn mich Kunden brauchen“, sagt Schimmer. Für Fragen aller Art ist er von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr abends erreichbar. Die Medikamente bekommt er von der Stern Apotheke in Magdeburg. Aber auch die werden nicht gebracht, sondern er muss sie abholen. Für Schimmer ist das kein Problem, er ist dankbar über die Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer der Stern Apotheke, Boris Ossmann.

Zurzeit dreht sich natürlich vieles um die Masken. Seit dem 25. Januar sind auch in Sachsen-Anhalt die medizinischen Masken beim Einkaufen Pflicht. An Vorrat mangelt es in der „Pick-up-Apotheke“ nicht. Wer einen Coupon von seiner Krankenversicherung erhalten hat, bekommt sechs FFP2-Masken.

An seiner Arbeit schätzt er vor allem die Abwechslung. „Jeder Tag ist anders und bringt neue Herausforderungen mit sich“, erklärt Schimmer. Er selber kann keine spezifische Beratung anbieten, da er keine pharmazeutische Ausbildung genossen hat. Schimmer ist gelernter Konditor, er hat einige Jahre bei Karstadt im Restaurant gearbeitet. Irgendwann zog es ihn aber wieder ins Bördeland und zur Apotheke.

Während der Corona-Pandemie hat sich seine Arbeit nicht groß verändert. Natürlich, der Mundschutz gehört jetzt dazu und „Desinfektionsmittel habe ich immer am Mann“, sagt Schimmer. Aber ansonsten geht er weiter seiner Arbeit nach, für die es kein Home-Office gibt. Am meisten nachgefragt seien Schmerzsalben oder -gele. „Es wird viel geschmiert in Deutschland“, sagt der Bierer mit einem Augenzwinkern.

Eine Sache ist Schimmer besonders wichtig: dass die kleinen Landapotheken nicht aussterben. Hierbei nimmt er die Politik, aber auch die Kunden in die Pflicht. „Jeder Bürger entscheidet mit seinem Einkauf, wie es bei ihm im Dorf weitergeht“, macht Schimmer klar. Vor allem die vielen Online-Angebote sind ihm ein Dorn im Auge. „Dort ist der Kunde nur eine Bestellnummer von vielen. Es gibt keine Beratungsangebote der Apotheker.“

Von der Politik erhofft sich Schimmer, dass sie mehr Anreize schafft, eine Apotheke zu eröffnen. Aktuell gebe es zu viele Beschränkungen, die Apotheker zu beachten hätten. Eine sei zum Beispiel, dass eine Apotheke barrierefrei sein muss. Bei dem alten Gebäude in der Großen Straße in Biere sei das nur mit großen Umbauarbeiten möglich. Selbstverständlich bedient Schimmer auch mobilitätseingeschränkte Personen. Vor dem Treppenaufgang ist eine Klingel angebracht, die können Rollstuhlfahrer betätigen.

Als Ulf Schimmer gefragt wird, wie lange er den Job denn noch machen möchte, muss er nicht lange überlegen. „So lange die Kunden noch zu mir kommen, mache ich weiter. Und bislang habe ich die Erfahrung gemacht: Wer einmal kommt, der kommt wieder.“ So hofft Schimmer, dass er das Erbe seiner Mutter noch lange weiterführen und er Menschen so weiterhelfen kann.