Sechs Jahre in Schönebeck waren keine Ewigkeit aber trotzdem eine ereignisreicher Abschnitt in Ihrer künstlerischen Laufbahn. Wie sieht Ihr ganz persönlicher Rückblick aus?
Gerard Oskamp:
Es war eine sehr, sehr volle, aber trotzdem eine schöne Zeit. Ich fand ein Orchester vor, dass in einer sehr guten Verfassung war. Mein Vorgänger Christian Simonis hatte hart mit den Musikern gearbeitet und sie auf einen Stand gebracht, von dem aus man viele musikalische Wünsche umsetzen konnte. Also lassen Sie mich sagen: Es war absolut keine verlorene Zeit an der Elbe, ganz im Gegenteil. Ich habe mich über jeden Auftritt gefreut. An die 100 Konzerte dirigierte ich im Jahr. Das bedeutete zugleich viele unterschiedliche Programme. Gelegenheit zum Luftholen blieb da wenig. Ich würde es aber nicht anders machen wollen.

Wir sind gerade beim Bilanzziehen. Die Frage nach dem schönsten Moment, können Sie die beantworten?
Schwer. Wenn man sich mit einem Projekt beschäftigt, ist das im Moment stets das Wichtigste, das Schönste und Interessanteste. Eine Woche danach besteht ein anderes Programm aus der besten Musik, die es gibt. So setzt sich das fort. Ich konnte viele internationale Gäste nach Schönebeck holen. So entstanden spezielle Momente, wenn man mit den Musikern musizierte. Diese Zwiesprache von Orchester und Solist, mehrfach in jeder Spielzeit, wecken in mir Dankbarkeit auch dafür, dass diese Musiker Lust hatten, hierher zu kommen.

Geben Sie uns doch einen kurzen Einblick in ihr Schaffen vor dem Zusammengehen mit der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie?
Ich dirigiere inzwischen mehr als 40 Jahre. Als junger Mann begann ich in England, weil ich dort einen Wettbewerb gewonnen hatte. Dann folgten Skandinavien, Portugal und Ungarn, insgesamt sind es wohl an die 30 Ländern, in denen ich vor einem Orchester stand. Ich gastierte bei mehr als 120 Orchestern von Seoul bis Mexico City, produzierte rund 25 Schallplatten und CD. Mitte der 1990er Jahre führte mich mein Weg nach Deutschland.

Von 1994 an war ich drei Jahre Operndirektor am Rostocker Volkstheater Rostock, später von 2002 bis 2007 folgte ich dem Ruf als Generalmusikdirektor an das Landestheater Schleswig-Holstein in Flensburg und arbeitete gleichzeitig zum Beispiel regelmäßig am Grazer Opernhaus. Langeweile kam da nicht auf. Die Liebe zum Theater hat in solchen Engagements ihre Ursache. Und deshalb möchte ich in den kommenden Jahren wieder mehr Opern dirigieren. Dafür fehlte mir bislang die Gelegenheit. Ich sagte schon, ich mag Theater sehr. Es passiert immer etwas auf der Bühne. Mozart Verdi, Puccini schrieben tolle Stücke mit unglaublichen Emotionen. Sie spüren, wo mein Herz schlägt.

Dann entdeckten Sie Schönebeck für sich. Nach so vielen Stationen ging es nun an die Elbe …
Der Operettensommer war schon wichtig für die Entscheidung. Dreimal hatte ich bei der Kammerphilharmonie gastiert. Ich war damals freischaffend, wollte aber wieder etwas aufbauen, eigene Ideen umsetzen. Für Christian Simonis wurde ein Nachfolger gesucht. Ich fand, dies wäre etwas für mich, bewarb mich um die Stelle und wurde angenommen. Mit Sack und Pack ging es nun von Schleswig nach Eggersdorf. Dort fanden wir einen kleines Häuschen, das wir herrichten mussten. Und unser Sohn Maarten, der ist jetzt sieben Jahre alt, fühlt sich wohl, kam zu vielen Konzerten als Zuschauer, stand oft am Rand mit seinem Dirigentenstäbchen. Mancher wird ihn beim Operettensommer mit seinem zum Stück passenden Kostüm gesehen haben. Musik ist ein Teil seines Lebens.

Verlassen Sie nun mit Wehmut die Kammerphilharmonie?
Verabschieden muss man sich immer, auch nach einem Gastspiel von nur einer Woche, es entstehen meist enge Beziehungen. Das Gefühle bleibt, egal ob nach sechs Jahren oder drei Monaten. Das ist eben Teil meines Berufs.

Sprechen wir noch über Ihre Pläne, oder wollen Sie sich als Rentner zur Ruhe setzen?
Ich fühle mich keinesfalls für den Ruhestand geboren. Einiges steht schon fest wie eine Tournee durch Holland, meine Heimat. Und hoffentlich ergibt sich die Möglichkeit, eine Oper zu dirigieren. Verdis „La traviata“ wäre ein Glück. Mit meiner Familie bleiben wir Eggersdorf treu, wir wohnen da wunderbar, haben viele Freunde dort gefunden. Es gibt künftig mehr Zeit für meinen Sohn, den ich wohl oft zur Schule bringen werde.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihrem Nachfolger?

Jan Michael Horstmann will ich keineswegs hineinreden. Er versteht sein Geschäft, und mein Vorgänger hielt sich mit Ratschlägen auch zurück. Und es ist kein Geheimnis, dass ein neuer Führungskopf einem Orchester gut tut, er wird es auf seine Weise tun, jeder hat seinen eigenen Stil, da mische ich mich nicht ein. Außerdem ist die Kammerphilharmonie dabei, sich zu verjüngen.