Barby l „Ich verspreche Euch“, blickt Paul Dörfler in die Runde, „wir werden ein Schatten-Hopping machen.“ Die Sonne hat ihren Zenit gerade überschritten. Schattige Örtchen sind gefragt. In der Aue ist es 33 Grad heiß.

Eine lange Exkursionstour braucht es nicht, um auf das Thema „Ausgesummt und ausgezwitschert?“ einzugehen. In Blickweite liegt die Elbe - ein Storchennest, vertrocknetes Wiesengras und ein mageres Maisfeld sind zu sehen. Der Doktor der Naturwissenschaften spricht akzentuiert, lässt seine Worte wirken. Er will Zusammenhänge unkompliziert vermitteln.

Vitamine aus der Fabrik

„Politiker in Regierungsverantwortung haben die Energiewende lange Zeit, die Agrar- und Verkehrswende vollkommen verschlafen“, zitiert Dörfler den führenden deutschen Klimaexperten Mojib Latif. Dabei öffnet der Steckbyer eine Eierpackung. Darin liegen Früchte: Pflaumen, Pfirsiche, ein Apfel. Schnell wird klar, dass es kein Picknick werden soll. Dieses Obst symbolisiert die Arbeit von Bestäubern wie Bienen oder Hummeln. „Die Insekten sind die Basis unseres Lebens“, sagt der Naturschutz-Mann. Wenn es sie nicht mehr gäbe, gäbe es kein Obst, kein Gemüse, viele Nahrungsmittel nicht. Das Vitamin C käme aus der Chemiefabrik.

„Wie kommt es“, blickt Dörfler in die Runde, „dass sich so viele Insekten und Vögel davon geschlichen haben?“ Die Frage ist rhetorisch gemeint. Ein junger Singvogel stirbt, wenn er einen Tag lang nicht mit Insekten gefüttert wird. Da helfen auch episodisch auftretende Mückenplagen nicht.

Ökologische Wüsten

Damit ist Ernst Paul Dörfler bei den Lebensräumen angekommen. Er zeigt auf ein Maisfeld, das hinter dem kleinen Deich infolge der Trockenheit vor sich hin mickert. „Mais- und Rapsäcker sind vergiftete ökologische Wüsten. Da kann kein Insekt mehr leben.“ Die Anwesenden nicken still.

Am Feldrand findet man noch ein paar Wildpflanzen, ein paar Meter weiter hinein sieht es steril aus. „Sie müssen wissen: Von einer Pflanzenart leben zehn Insekten, wenn sie verschwindet, verschwinden auch sie.“

800 Gifte zugelassen

Hinter dem Maisacker nimmt Dörfler den nächsten Punkt seines Vortragsspaziergangs ins Visier. Es sind trocken gefallene Tümpel, in denen früher der Kanuten-Nachwuchs das Paddeln erlernte. Nun sind sie gelb. „Dass die Auen braun sind, ist nicht gottgewollt, sondern menschgemacht.“ Man könne diesen Zustand beklagen, aber auch als Warnsignal sehen. Verbunden mit der Hoffnung, dass mehr Menschen als bisher wach werden. Wir müssten weniger Energie, weniger Natur in Anspruch nehmen.

„Pflanzenschutzmittel schützen die eine Pflanze, die wachsen soll. Aber alle anderen töten sie ab. Damit auch die Insekten.“ 800 auf landwirtschaftlichen Nutzflächen zugelassene Gifte gäbe es in Deutschland, zitiert Dörfler aus einem Beitrag der Mitteldeutschen Zeitung. „Werden denn Wirkung und Grenzwerte nicht von staatswegen streng überprüft?“, will ein Exkursionsteilnehmer wissen. „Naja“, antwortet Dörfler, „die Prüfung der Toxizität erfolgt durch den Hersteller.“

Glyphosat in Brot und Bier

Es ist unvermeidlich, dass das Wort „Glyphosat“ fällt. Der Unkrautvernichter wird weltweit so häufig verwendet wie kein anderer. Er gehört zu den sogenannten Totalherbiziden, der auch Problemunkräuter wie Ackerwinden und Disteln dahin rafft. Ehe Dörfler dazu weiter ausholen kann, meldet sich ein Mittvierziger aus dem Hintergrund: „Man kann kurz vor der Ernte das Getreide mit Glyphosat tot spritzen, damit es gleichmäßig reif und trocken ist. Das landet dann im Brot oder im Bier.“ „Ist alles in unserem Blut nachgewiesen“, ergänzt der promovierte Naturschutz-Experte. Die Fern- und Kombinationsauswirkungen erkenne man erst Jahrzehnte später.

Dazu hakt Angela Stephan, Chefärztin Schmerztherapie der Fachklinik Gommern ein. „Krebs braucht eine Entstehungszeit von 10 bis 20 Jahren. Selbst wenn Glyphosat vom Markt genommen wird, meldet der Hersteller ein noch potenteres Gift an.“

Gülle und Gift im Essen

Auch Themen der Massentierhaltung, der Grundwasserbelastung durch Gülle oder Giften in Lebensmitteln werden diskutiert. Annemarie Lorfing, Camp-Besucherin aus Bad Salzelmen, verzieht mehr und mehr das Gesicht. „Jetzt habe ich aber mal eine generelle Frage“, meldet sie sich zu Wort. „Hat sich bisher überhaupt mal was geändert!?“ Dörfler weiß, was sie meint. Es ist mühsam, in einer satten Gesellschaft Dinge zu bewegen, die noch nicht so richtig weh tun. „Naja, ein bisschen“, sagt Dörfler, „zum Beispiel die Kennzeichnungspflicht bei Eiern.“ Die habe letztendlich der Verbraucher durchgesetzt.

Mittlerweile ist eine knappe Stunde vergangen. Wie versprochen schlenderte die Gruppe bisher von Schatten zu Schatten. Paul Dörfler, der vor einem viertel Jahrhundert das Polit-Happening Elbe-Saale-Camp mit aus der Taufe hob, beschließt die Tour nicht mit negativen Erkenntnissen. Sein Fazit: „Wir können zuversichtlich sein. Es gibt ja Wege aus der Misere.“ Die schwitzenden Teilnehmer spitzen die Ohren. „Wir müssen hinterfragen: Wie leben wir, was nehmen wir in Anspruch?! Wenn wir Produkte kaufen, die mit viel Chemie auf den Feldern erzeugt werden, dann geben wir unser Geld letztenendes den Chemiekonzernen und der Agar-Industrie.“ Die Alternative wären ökologisch erzeugte Produkte. Auch wenn die ein bisschen teurer sind. Man müsse eben Prioritäten setzen: Ein großes Auto, zweimal Urlaub im Jahr – oder gesünder leben.