Groß Rosenburg l „Wer kann es sich leisten, die Überzeugung und nicht die eigene Person an die erste Stelle zu stellen?! Wer kann es sich leisten, in Beruf und Gesellschaft nicht die erste Geige spielen zu müssen, sondern anderen den Vortritt zu lassen?!“ Mit diesen provokanten, rhetorischen Fragen hieb Pfarrer Ulf Rödiger auf die Auswüchse der heutigen Leistungsgesellschaft ein. Als Gegenbeispiel nannte er das Wirken von Johannes dem Täufer vor 2000 Jahren. Der habe den Mut gehabt, seinen Zeitgenossen ein paar unbequeme Wahrheiten und Handlungsanweisungen mit auf den Weg zu geben. Was ihm dennoch großen Erfolg beschert habe.

„Je höher die Erwartungen an einen Menschen, um so tiefer und schneller wächst das Misstrauen, wenn dieser plötzlich nicht mehr als die Nummer Eins erscheint.“

Wo bleibt die Menschlichkeit?

„Je höher die Erwartungen an einen Menschen, um so tiefer und schneller wächst das Misstrauen, wenn dieser plötzlich nicht mehr als die Nummer Eins erscheint“, sagte Rödiger. „Deshalb haben die, die so hoch gestiegen sind, so viel Angst abzustürzen.“ Man könne oft beobachten, dass sich diese Menschen verbiegen ließen, um ihren Stand zu sichern. Und auch die Weisheit, dass wahrer Erfolg ein Geschenk des Himmels ist, sei nicht ungefährlich, weil die Menschen viel zu schnell auf kurzfristige Erfolge schielten. Was sie dann am liebsten als Gottesgeschenk verkauften. „Hauptsache, wir mindern die Zahl der Flüchtlinge - egal, ob die Menschlichkeit dabei den Bach runter geht. Das kotzt einen an ...“

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Ulf Rödiger schleuderte aber nicht nur so leidenschaftliche und drastische Worte in den Raum. Er schlüpfte nach dem Gottesdienst in die Rolle eines Auktionators, der im Festzelt Kunst und Krempel versteigerte. Dabei war sich der Pfarrer nicht zu schade, den Mund fusselig zu reden oder die Stücke in komischen Posen zu präsentieren. Je nach Käufer-Interesse schraubte Rödiger das Mindestangebot schon mal herunter, was bei öffentlichen Auktionen eigentlich undenkbar ist. Damit hatte er zwar weniger Geld in der Kasse, die Lacher aber auf seiner Seite. Die Stücke hatten Gemeindemitglieder bereit gestellt. Das Geld fließt in den Sanierungstopf.

Beim Festgottesdienst in der Kirche überzeugte die Schönebecker Kantorei unter Leitung von Carsten Miseler mit Unterstützung von Akener und Groß Rosenburger Sänger stimmgewaltig. Für die Menschen im Publikum war es zuweilen schwer, nicht zu applaudieren. Weil das in Deutschland während Gottesdiensten unüblich ist. Am Ende löste der Pfarrer diesen Emotionsstau, in dem er sagte: „Dafür wollen wir jetzt aber mal applaudieren.“

Reichlich Beifall für Schüler

Beim Konzert der Musikschule Fröhlich war das anders. Hier spendeten die Besucher von Anfang an reichlich Beifall, als der musikalische Nachwuchs am Ende des Sommerfestes in der Kirche ein Konzert gab.

Die Groß Rosenburger Kirche - die anders als Gotteshäuser im Umfeld keinen Namen hat - gilt bis auf die Nordfassade als „durchsaniert“. Daran haben die Pastorin Eva-Maria Wassersleben und ihr Ehemann Ulf Rödiger einen großen Anteil. Unterstützung erfuhren die Seelsorger in all den Jahren durch den Kirchbauverein, der 2004 gegründet wurde. Die Zielstellung: Nutzung als christliche Begegnungsstätte für Gottesdienste beider Konfessionen und auch für kulturelle Ereignisse.

„Um den Wiederaufbau zu vollenden, fehlt noch der Außenanstrich an der Rückseite der Kirche und die Erneuerung der Fenster im Altarraum“, sagte Kirchbauvereinsvorsitzende Regina Schöne. Die Begegnungsstätte, Kirche in Groß Rosenburg, sei aber schon jetzt gelungen. Damit sei der Auftrag – das Dorf brauche einen kirchlichen und kulturellen Mittelpunkt - geglückt, urteilte die Vorsitzende in der Hoffnung, dass das die Gemeinde ebenso sehe.