Schönebeck l Der Beruf der Pflegefachkraft ist immens wichtig. Und er wird in den kommenden Jahren sogar noch wichtiger werden, denn aufgrund des demografischen Wandels und einer immer älter werdenden Bevölkerung, werden auch mehr Pfleger benötigt. Doch es gibt ein Problem: Schon jetzt fehlen deutschlandweit rund 40.000 Pflegekräfte – das lässt sich auch in Schönebeck beobachten.

„Ausgebildete Pflegekräfte zu finden ist schwierig. Da die Anzahl vorhandener Pflegekräfte nicht ausreicht, entscheidet bei den Meisten das finanzielle Angebot – und wenn es nur 50 Euro Unterschied sind“, sagt Belinda Biging, Leiterin des Regionalverbandes Elbe-Saale der Volkssolidarität. Laut Biging sind bei der Volkssolidarität derzeit drei Stellen in Schönebeck und Calbe unbesetzt.

Offene Stellen

Doch auch in den Einrichtungen des Diakonievereins Burghof und der Arbeiterwohlfahrt (Awo) sind Stellen für Pflegekräfte offen. So teilt Annett Lazay, Vorsteherin beim Diakonieverein, mit: „Aktuell suchen wir drei Pflegefachkräfte. Bei uns kann sich jederzeit bewerben, wer eine neue Stelle in der Pflege sucht, sowohl im stationären als auch im ambulanten Pflegebereich.“ Und auch zwei Ausbildungsstellen sind noch frei. Bis Ende August könne man sich noch bewerben. Doch viele würden sich nicht für diesen Beruf entscheiden. Dabei sei die Branche absolut krisensicher und biete die Chance der beruflichen Weiterentwicklung, so Lazay.

Bei der Awo sind zwei Stellen für Pflegefachkräfte in Barby (vollstationäre Pflege) offen, informiert Ines Grimm-Hübner, Geschäftsführerin des Awo-Kreisverband Salzland. Auch die Awo-Chefin bezeichnet es als „sehr schwer“ Pflegekräfte zu finden beziehungsweise junge Menschen für eine Ausbildung in diesem Beruf zu gewinnen. „Bei uns kommt erschwerend dazu, dass Barby sehr schlecht an den ÖPNV angebunden ist. Somit ziehen nur Arbeitnehmer mit Fahrerlaubnis oder aus der unmittelbaren Umgebung Barby als möglichen Arbeitsort in Betracht.“

Einrichtungen werben für sich

Sowohl die Awo, der Burghof als auch die Volkssolidarität haben Maßnahmen ergriffen, um sich für Pflegefachkräfte oder potenzielle Azubis attraktiv zu machen. „Wir werben über Print, Web, Flyer, Postcard-Aktionen, auf diversen Stellenplattformen und mit Bannern. Viel läuft auch über Mund-zu-Mund-Werbung von Angehörigen, die sehr zufrieden mit der Pflege im Burghof sind“, sagt Annett Lazay. Darüber hinaus beteiligt sich der Diakonieverein an Messen oder Schulaktionen, um sich und das Berufsbild vorzustellen. Auch die Volkssolidarität setzt auf Öffentlichkeitsarbeit, teilt Biging mit.

Selbst Pflegekräfte auszubilden ist, wie bei Awo und Burghof, auch ein Grundpfeiler für die Rekrutierung neuer Pflegefachkräfte. Bei der Arbeiterwohlfahrt setze man zudem alles daran, ein zuverlässiger Arbeitgeber zu sein. Sprich: Mitarbeiter werden nicht aus ihren freien Tagen geholt, die Einhaltung des Dienstplanes hat einen hohen Stellenwert und es wird versucht, nur wenige Überstunden anfallen zu lassen, teilt Grimm-Hübner mit.

Ausländische Pflegekräfte

Um dem Mangel an Pflegekräften entgegenzuwirken, hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Sommer vergangenen Jahres eine Initiative gestartet, um ausländische Pflegekräfte anzuwerben. „Deutschland braucht mehr Pflegekräfte. Den hohen Personalbedarf können wir ohne Pflegekräfte aus dem Ausland nicht decken“, so Jens Spahn.

Annett Lazay bezeichnet dieses Vorhaben als „grundsätzlich richtig“. Deutschland brauche aktuell und in Zukunft verstärkt mehr „helfende Hände in der Pflege“. Aber: „Das Abwerben von ausländischen jungen Fachkräften dünnt deren eigenes Heimatland aus und zieht die Fachkraft-Elite ab. Die Sprachbarriere ist zudem echt hinderlich in sozialen Feldern, wo viel über zwischenmenschliche Kommunikation läuft“, teilt Lazay mit.

Forderung: Offensive des Bundes

Viel nachhaltiger wäre eine groß angelegte Pflege-Offensive des Bundes mit angemessener Bezahlung für alle, auch durch die privaten Träger, meint Lazay. Gute Bezahlung heiße aber dann, dass die Pflegekasse deutlich mehr Geld bereitstellen müsse. „Aktuell bezahlen die Bewohnenden selbst die jeweiligen Steigerungen und fallen bei stetig abfallenden Renten immer mehr in die Sozialhilfe beim Eigenanteil. Diese Spirale muss durch ein ausgewogenes Finanzierungssystem gestoppt werden“, so die Burghof-Vorsteherin.

Die sprachlichen Barrieren sind auch laut Awo-Geschäftsführerin Grimm-Hübner ein Manko. Für den Standort Barby sei die Initiative Spahns eher ungeeignet, findet sie.

Leben von Sozialleistungen

Belinda Biging betrachtet das Thema aus einem anderen Blickwinkel. Obwohl in der Gesellschaft genügend Menschen in der Lage wären, in der Pflege zu arbeiten, reiche es inzwischen vielen aus, von Sozialleistungen zu leben, statt sich dem täglichen Arbeitsstress auszusetzen, so Biging. „Und da das akzeptiert wird, Leistungen ohne Gegenleistung zu bekommen, ist es, wie es ist, und wir müssen auf ausländische helfende Hände zurück greifen.“