Duales Lernen – Praxislerntage

„Während der Praxislerntage werden allgemeinbildende Unterrichtsinhalte und die praktische Tätigkeit in einem Unternehmen, einer sozialen Einrichtung oder einem anderen Arbeitgeber der Region verbunden“, heißt es auf der Internetseite des Landesbildungsministeriums zum Modellprojekt Praxislerntage. Dabei gehe es darum, dass die Lernenden fachliche, personelle und soziale Kompetenzen außerhalb der Schule erwerben sollen. Die Praxislerntage würden auf der Grundlage des Lehrplans stattfinden: Fächer der Stundentafel werden zu fächerverbindendem Unterricht zusammengefasst.

Als besondere Merkmale des Modellprojekts führt das Ministerium auf:

• Lernen in Theorie und Praxis

• Erlernen von auf dem Arbeitsmarkt wichtigen Schlüsselqualifikationen

• spezieller Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung

• Anwendung erworbener Kompetenzen in der Praxis

• Stärkung der Berufswahl

• Konkretisierung der Vorstellung von Berufen

• Schaffen von Erfolgserlebnissen

• Stärkung der Motivation aus eigenem Antrieb

Schönebeck l Eine tolle Idee, finden Kerstin Gundlach, Leiterin der Sekundarschule „Maxim Gorki“ Schönebeck, und ihr Stellvertreter Jürgen Heß. Beide hatten den Idealfall schon vor Augen: Ein Achtklässler absolviert für ein Schulhalbjahr in einem Betrieb seine Praxislerntage. Nach der Zeit ist er von seinen Arbeitsaufgaben und dem Arbeitsklima begeistert. Mit Freude absolviert er diese Tage auch in der neunten Klasse für ein Halbjahr dort. Ebenso ist das Unternehmen vom Engagement des Schülers angetan, stellt ihm eine Ausbildungsstelle in Aussicht. Beide Seiten wissen somit schon vorab recht gut, auf was sie sich einlassen.

Eine perfekte Situation, die zu diesem Zeitpunkt, Ende vergangenen Jahres, noch Zukunftsmusik war. Und das wird sie auch bleiben. Denn auch wenn das Modellprojekt „Duales Lernen in Form von Praxislerntagen“ in Sachsen-Anhalt stattfinden wird – die Gorki-Schule Schönebeck wird nicht wie geplant ab kommendem Schuljahr dabei sein. Das steht seit Anfang März fest. Denn die Schulleitung ist davon ausgegangen, dass die Acht- und Neuntklässler alle 14 Tage für einen Tag in Betrieben sind. Jedes Schulhalbjahr wechseln sie, um mehrere Berufe kennenzulernen. Die Praxislerntage könnten – so haben Kerstin Gundlach und Jürgen Heß die Projektunterlagen gelesen und verstanden – das zehntägige Praktikum in einem Betrieb ersetzen oder zusätzlich zu diesem angeboten werden. „Wir hatten uns dann im Kollegium beraten und gesagt, wir wollen nur die Praxislerntage, sie sollen das Praktikum ersetzen“, sagt die Schulleiterin und erklärt die Gründe: „Für die Praxislerntage müssten wir pro Schuljahr den Stoff von rund 35 Unterrichtstagen kompensieren. Das hätten wir noch irgendwie geschafft.“ Doch dann habe sie erfahren, dass das zweiwöchige Praktikum sein muss. Somit fallen weitere zehn Unterrichtstage mit durchschnittlich sechs Stunden an. So viel Lernstoff könne nicht umverteilt werden. „Das können wir gegenüber den Schülern und den Eltern nicht vertreten“, betont Kerstin Gundlach. Und: Zum Zeitpunkt dieser Überlegungen ist die Corona-Krise und die damit einhergehende Schulschließung noch gar kein Thema gewesen. Das komme nun noch dazu.

Neue Wege

Die Situation ärgert sie, denn das Ansinnen der Praxislerntage findet sie gut und hätte ihre Schule gern dabei gesehen. „Ich sehe uns in der Verantwortung, was die Berufsorientierung betrifft. Und hier könnten wir neue Wege beschreiten und das Interesse der Schüler, das immer mehr abnimmt, neu wecken.“

Doch schon jetzt müsse der Unterricht für die derzeit 498 Schüler in 21 Klassen gestrafft werden, weil Lehrer fehlen, so die Schulleiterin. Auf Anfrage heißt es aus dem Landesschulamt, dass es aktuell 40 Lehrkräfte sowie eine Pädagogische Mitarbeiterin gebe. Eine Stelle für das Fach Musik sei ausgeschrieben. Hierzu komme das Verwaltungspersonal (Sekretärin, Hausmeister), das vom Kreis als Schulträger gestellt werde.

Unternehmen geworben

Dabei hatte die Schule bereits Unternehmen geworben, die Schüler für die Praxislerntage bei sich aufnehmen wollten. „13 Interessenten haben wir schon. Das würde natürlich nicht ausreichen, wir brauchen ja für 70 Schüler Plätze“, so Kerstin Gundlach. Den Firmen müsse man nun absagen, wolle den Kontakt aber halten für Ausbildungsbörse und Schulbetriebspraktikum, denn für dieses brauche man ja auch jährlich um die 70 Plätze. „Unsere Schule bietet weiterhin das Produktive Lernen an, auch da benötigen wir Praktikumsplätze“, merkt sie an. Beim Produktiven Lernen ist das Schuljahr in Trimester unterteilt, die Woche in drei Tage Betrieb und zwei Tage Schule. „Auch Acht- und Neuntklässler, mindestens 30 Schüler. Aktuell sind es 35 Schüler, nicht nur aus unserer Schule, auch aus Calbe.“

Kein Ersatz für Praktikum

Auf Nachfrage räumt das Landesbildungsministerium ein, dass es im Vorfeld eine Abfrage bei den Schulen gegeben habe, ob Interesse am Modellprojekt Praxislerntage bestehe und ob diese das Schülerbetriebspraktikum ersetzen oder ergänzen sollen – auch mit Blick auf das Finden von potenziellen teilnehmenden Unternehmen. Generell sei aber klar gewesen: „Da die Praxislerntage keine vertiefende Berufsorientierungsmaßnahme darstellen, sind sie von Beginn an nicht in der Lage gewesen, das Schülerbetriebspraktikum zu ersetzen“, betont Patricia Müller, zuständige Referentin für dieses Modellprojekt im Ministerium. Mehrheitlich hätten sich die abgefragten Schulen dafür entschieden, dieses Projekt ergänzend zum Praktikum anzubieten. Darunter im Kreis die Seelandschule Nachterstedt und die Förderschule Pestalozzi Schönebeck. Den Schulen sei seit dem offiziellen Start des Modellprojekts bekannt, dass das Praktikum nicht durch die Praxislerntage ersetzt werden könne. „Die Praxislerntage basieren auf dem Lehrplan und verbinden allgemeinbildende, fächerverbindende und fächerübergreifende Unterrichtsinhalte des Lernortes Schule mit den praktischen Tätigkeiten am Praxislernort. Praxislerntage sind somit Unterricht. Ein Unterrichtsausfall geht damit also nicht einher“, teilt die Referentin weiter mit. Das Modellprojekt sei als Form des Dualen Lernens und nicht als direkte Maßnahme zur Berufsorientierung zu verstehen.

Das Modellprojekt, das bis 2024 läuft, ist im Land mit dem Schuljahr 2019/20 mit 16 Schulen gestartet, weitere 17 Schulen steigen voraussichtlich mit dem Schuljahr 2020/21 ein.