Hirschkäfer

Rivalenkampf mit Geweih in Schönebeck

Deutschlandweit gelten sie als „stark gefährdet“. Jetzt wurden gleich vier männliche Hirschkäfer in Schönebeck entdeckt.

Schönebeck l Regelmäßig arbeitet der Schönebecker Leonhard Frommann in seinem großzügigen Kleingarten in der Sparte „Abendfrieden“ in Frohse. Doch so einen Fund habe er in all den mehr als 45 Jahren, die er den Garten nun schon bestellt, noch nicht gemacht, berichtet der 84-Jährige. Zwei große Hirschkäfer hat der Schönebecker Ene Mai 2020 in seinem Garten entdeckt und die Volksstimme umgehend über den Fund informiert.

Zwei männliche Hirschkäfer und keineswegs ein Pärchen, wie an den Geweihen zu erkennen ist. Denn so ein Geweih, das rund drei Zentimeter lang ist, tragen nur männliche Hirschkäfer. Das weiß auch Michael Wunschik. Er ist der Vorsitzende der Ortsgruppe Schönebeck des Naturschutzbundes (Nabu) und ist ganz begeistert, als er die Bilder von den beiden Hirschkäfern sieht. „Was für ein toller Fund“, findet der Ortsgruppenvorsitzende des Nabu in Schönebeck.

Er erklärt: „Der Hirschkäfer ist der größte heimische Käfer und kann bis zu neun Zentimeter – Männchen, einschließlich geweihartig verlängerter Mandibeln – groß werden, es gibt aber kleinere Tiere. Das hängt davon ab, wie sich die Larven in den fünf bis acht Jahren ernährt haben.“

Zu spüren bekommen hat Leonhard Frommann diese Mandibeln, also die beim männlichen Hirschkäfer sehr ausgeprägten Mundwerkzeuge des Oberkiefers, auch. Und das, obwohl der 84-Jährige extra Handschuhe angezogen hat, als er die Tiere vom Fundort weggetragen hat. Zum Einsatz kommen die Mundwerkzeuge des Hirschkäfers, auch als „Geweih“ bekannt, nicht bei der Nahrungsaufnahme, sondern nur bei Rivalenkämpfen und zum Festhalten der Weibchen während der Paarung.

Doch nicht nur in Frohse wurden kürzlich die laut bundesweiter Roter Liste, Kategorie 2, als „stark gefährdet“ eingestuften Tiere gefunden, sondern auch in Pretzien von Anna-Maria Meussling. „Eben hatte ich in unserem Garten an unserem uralten Grafen-steiner-Apfelbaum, der dick mit Efeu bewachsen ist, eine spektakuläre Begegnung mit dem Hirschkäfer. Erst musste ich ihn retten, weil unsere Katze ihn auch köstlich fand und herumrollte. Aber eben kam ein weiterer dazu. Das ist selten so schön zu sehen. Beide haben sich rasch wieder versteckt. Die Hirschkäfer leben schon viele Jahre in dem Baum“, berichtet Anna-Maria Meussling per Mail und hat es sich nicht nehmen lassen, die beiden Käfer – ebenfalls zwei Männchen – abzulichten und der Volksstimme zu schicken.

In Deutschland war der Hirschkäfer früher weit verbreitet und überall im Flach- und Bergland, wo Eichen stehen, nicht selten. „Heute kommen Hirschkäfer auch noch mehr oder weniger flächendeckend vor, sind aber fast überall selten“, erklärt Michael Wunschik.

In Sachsen-Anhalt konzentriere sich das Vorkommen vor allem auf das auenwaldreiche Mittelelbegebiet. „Aber auch im Fläming, im Harz und in der Dübener Heide werden alljährlich Tiere beobachtet“, berichtet der Nabu-Ortsvorsitzende. Es werde davon ausgegangen, dass aufgrund der Vielzahl der in den letzten Jahren gemeldeten Funde gesicherte Bestände des Hirschkäfers in Sachsen-Anhalt vorkommen. Dennoch gilt er in Sachsen-Anhalt laut Roter Liste, Kategorie 3, als „gefährdet“.

Innerhalb der Nabu-Ortsgruppe Schönebeck gibt es mit Marcel Majchrzak einen beim Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt eingetragenen Kartierer für Rote-Liste-Arten wie dem Hirschkäfer. Funde des Hirschkäfers mit Angaben des Fundortes, wenn möglich sogar Koordinaten, Funddatum, Name des Finders und falls möglich Foto können Leute, die Hirschkäfer finden, per Mail an m.majchrzak@freenet.de schicken. „Auch tote Tiere oder Überreste nimmt er gern entgegen“, sagt Michael Wunschik.

Und noch ein Schönebecker sammelt seit Jahren Informationen zum Vorkommen der Art, wie Michael Wunschik berichtet. Dr. Werner Melchau ist Vorsitzender der Entomologen-Vereinigung Sachsen-Anhalt und freue sich ebenfalls über Meldungen an wernermalchau@aol.com. Aus diesen werde die landesweite Bestandsentwicklung in der Roten Liste für die Familie der Schröter, zu denen der Hirschkäfer gehört, erfasst.

Weitere Funde des Hirschkäfers seien Michael Wunschik in der Region aus Schönebeck bekannt. Nämlich solche in den Ortsteilen Grünewalde, Elbenau, Ranies, Plötzky und an der Elbe beim Bootshaus „Delphin“.