Barby l „Das ist wie vor der Wende, nach der Wende. Die Leute hier in Breitenhagen sagen immer nur vor der Flut und nach der Flut, das ist wie eine Zeitenwende“, so illustriert Erhard Kretzmann, dass das Hochwasser von 2013 in Breitenhagen immer noch ein Gesprächsthema ist.

Das 420-Einwohner-Dorf war damals zu 100 Prozent überflutet. Der Ur-Breitenhagener Kretzmann weiß, wovon er spricht. Sein Haus stand, wie das vieler anderer Familien, komplett unter Wasser. So gut wie alle Häuser in dem Dorf sind bis heute noch von der Flut gezeichnet.

Schäden noch zu sehen

Die Schäden sind auch in seinem Haus noch zu sehen. Als Kretzmann nach dem Hochwasser seinen Anspruch bei der Versicherung geltend machte, wurde ihm alles, was er angegeben hatte, ersetzt. Andere, die nicht versichert waren, hätten Geld vom Staat erhalten. „Das kann man nun ungerecht finden“, sagt Kretzmann beim Gang durch sein Haus, das glücklicherweise damals recht schnell komplett saniert werden konnte.

Bilder

Was ihm jedoch noch bis heute zu schaffen macht, ist die Feuchtigkeit, die nach dem Wasser im Haus verblieben ist, und die sich an den Wänden im Keller hochzieht. Auch an der Außenwand seines Hauses sind Risse entstanden. Für diese Folgeschäden komme die Versicherung nicht auf. Das Heizöl aus seinem Keller schwamm im gesamten Raum, die Spuren sind bis heute an der Styropordecke seines Kellers zu sehen.

Und, für ihn ebenfalls sehr wichtig: „Alle Fotoalben sind damals abgesoffen, meine Tonbandaufzeichnungen, all die persönlichen Dinge, die einem niemand zurück geben kann.“ Schade, sagt er, obwohl er immer wieder betont, dass die Zusammenarbeit mit der Versicherung damals sehr gut gelaufen wäre, dass in der Stunde der Verzweiflung, in der Stunde der Flut damals einfach nicht an alles gedacht werden konnte, was dort anzugeben war.

Und dann bricht der Deich

So wie ihm war es vielen Familien ergangen, in den dramatischen Ereignissen des Hochwassers im Juni des Jahres 2013. Über Stunden hatten die Einwohner von Breitenhagen damals beobachten können, wie der Deich weggebrochen sei. Das ganze Dorf ist nach Zuchau evakuiert worden. Zuvor meldete die Deichwache am 8. Juni einen rund 100 Meter langen Riss auf der Deichkrone am Schöpfwerk. Christian Jung, Flussbereichsleiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft, forderte Überseecontainer an, die auf der Landseite den Deich verstärken sollten.

Nur noch Hubschrauber waren in der Lage, sie dort abzusetzen. Es erfolgte eine Absage: Alle Helikopter wurden anderenorts gebraucht. Am Abend des 8. Juni kamen zwei kleine Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes, die Big-Bags zum Dämmen absetzten. Bei Dunkelheit durften sie nicht mehr fliegen, weil sie keine Nachtflugerlaubnis hatten. Mittlerweile war das Dorf evakuiert. Am 9. Juni war der Deich gebrochen. Der Pegel in Barby fiel danach innerhalb von 24 Stunden um 42 Zentimeter.

Kretzmann und seine Frau fanden damals allerdings bei Verwandten im etwa 30 Kilometer entfernten Dessau Zuflucht. Als sie das Dorf betreten konnten, seien damals alle jungen Leute unterwegs gewesen, um mit Sandsäcken zu retten, was noch zu retten war. Stark getroffen hatte es damals neben Breitenhagen vor allem Groß Rosenburg, Klein Rosenburg und Lödderitz. Doch auch in Glinde waren viele Bürger stark vom Hochwasser erwischt worden.

Deichlückenschluss

Dort ist Mitte Dezember der jüngste Deich in der Region eingeweiht worden. „Ich bin sicher, dass die Bürger dies sehr begrüßen“, sagt Kretzmann. Grundsätzlich hat er jedoch einige Kritik an den gegenwärtigen Hochwasserschutzmaßnahmen. „Nur aufgrund unseres Drängens gab es eine Deicherhöhung in Breitenhagen“, so Kretzmann, „ohne die Einwohner wäre das damals nicht zustande gekommen“. Vernünftig fände er es, wenn die Deichpflege mit Schäfern wieder betrieben würde. „Doch die Schäfer sind inzwischen lieber woanders hingezogen“.

Er sieht in Breitenhagen immer noch eine große Gefahr durch Hochwasser, die Angst sei bis heute im ganzen Ort geblieben. „Breitenhagen ist wie ein Trichter, deshalb sehen wir hier immer noch eine große Gefahr“, so Kretzmann.

Der 68-Jährige hatte früher ein hölzernes Fährhaus betrieben, das den Radlern auf dem Elbe-Radweg als Raststätte diente. In der ehemaligen Schmiede hatte er einen Imbiss angeboten. Wegen der Dammbaustelle sei dann aber keiner mehr gekommen.

Geblieben ist die Raststätte

Seitdem der Pachtvertrag der Stadt Barby vor rund fünf Jahren nicht mehr verlängert worde, ist Kretzmann Rentner, ebenso wie seine Frau. Geblieben ist ihm von seiner Existenz, die er sich kurz vor der Flut aufgebaut hatte, nur das hölzerne Bio-Klohäuschen. Dieses hatte er damals vor der Flut gerettet, es steht jetzt im Garten. „Es ist immer noch voll betriebsfähig“, sagt er lachend. Denn seinen Humor hat sich Kretzmann trotz seines Schicksals bewahrt.

„Die Hoffnung sollte man nie verlieren“, sagt der Rentner. Denn nach der Flut, als beispielsweise das Dorfgemeinschaftshaus in Breitenhagen bis zur Wiedereröffnung vor etwa zwei Wochen im Ort fehlte, hatten sich die Landfrauen in seinem Keller getroffen. Jetzt hofft er, dass das Dorfgemeinschaftshaus wieder ein Treffen für Bürger wird. Doch viele Familien hätten nach der Flut Breitenhagen verlassen.