Sommerserie

Salzländer Kulturstempel: Verstecktes Idyll Gottesgnaden

Es zu finden, ist nicht ganz so einfach. Es zu entdecken, entschädigt aber für die Suche. Das ehemalige Stiftskloster Gottesgnaden, das den zweiten Halt in unserer Sommerserie bildet, hat etwas Märchenhaftes.

07.08.2021, 07:30
Hinter diesen Mauern stand vor Jahrhunderten das Prämonstratenser-Kloster Gottesgnaden. Wer durch das Tor geht, findet sich in einem verwunschenen Park wieder, der heute in Privatbesitz ist.
Hinter diesen Mauern stand vor Jahrhunderten das Prämonstratenser-Kloster Gottesgnaden. Wer durch das Tor geht, findet sich in einem verwunschenen Park wieder, der heute in Privatbesitz ist. Fotos: Sabine Lindenau

Calbe/Gottesgnaden - „Vorsicht! Jede Stufe ist anders.“ Heidelinde Matzke hat soeben die schwere Tür der kleinen Hospitalkirche St. Mariae und Johannis geöffnet und betritt die Treppe, die zur Empore führt. Die Dielen knarren unter ihren Füßen. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Draußen und im Inneren. Im Jahre 1207 geweiht, hat der einzige heute noch erhaltene Sakralbau, der vom einstigen Kloster übrig geblieben ist, schon viele harte Zeiten und Überflutungen überstanden. Aber bei Bauarbeiten wurde auch so mancher verborgener Schatz zu Tage befördert.

Auf der Empore angekommen, ist der Blick frei ins Innere des einfach gehaltenen, aber lichtdurchfluteten Kirchenschiffes. Die 65-Jährige, in Gottesgnaden aufgewachsen und von Kindesbeines mit der Klosteranlage verbunden, deutet auf zwei Nischen. Ewigkeiten zugemauert, wurden sie bei der Sanierung 2009 freigelegt. Und offenbarten so alte Malereien, die wohl noch aus dem 13. Jahrhundert stammen. Auch vom Altar, Taufstein und Lesepult weiß Heidelinde Matzke Geschichten zu erzählen. Sie erinnert sich noch, dass sie in den 1960er-Jahren restauriert wurden. Der Schönebecker Bildhauer Dario Malkowski hat sie gemacht. Als die Kirche nach der Sanierung 2009 noch einmal geweiht wurde, sei er noch einmal vorbeigekommen. „Das fand ich schon beeindruckend“, erzählt Heidelinde Matzke, während sie sich auf den Weg nach unten begibt. Im Eingangsbereich steht noch eine Glocke. Im Zweiten Weltkrieg sei sie schon in Hamburg gewesen. „Zum Einschmelzen.“ Doch dazu kam es nicht mehr, die Glocke kehrte nach Gottesgnaden zurück. Irgendwann soll sie an ihren Platz zurück. Dazu muss allerdings der Glockenstuhl saniert werden.

Die 65-Jährige ist froh, dass Putz und Fußboden erneuert wurden. Immer wieder gebe es hier, auf der beschaulichen Insel im Calbenser Ortsteil Schwarz, Probleme mit eindringender Feuchtigkeit. „Als der Fußboden erneuert wurde, hat man ein Gewölbe gefunden.“ Ein unterirdischer Gang nach Calbe, wie es die Legende sagt? „Nein“, sagt Heidelinde Matzke schmunzelnd. Es habe sich um eine Gruft gehandelt. Davon gebe es auch im Außenbereich der kleinen Kirche einige. Sie wurden entdeckt, als der Turm vor ein paar Jahren neu verfugt wurde.

Noch unscheinbarer als das Gotteshaus: das kleine Schild, das den Weg zum Ziel weist.
Noch unscheinbarer als das Gotteshaus: das kleine Schild, das den Weg zum Ziel weist.
Sabine Lindenau

Den verwunschenen Ort zu finden, gestaltet sich dagegen etwas kompliziert. Ein kleines rotes Schild, das Menschen aus dem Dorf aufgestellt haben, weist den Weg. In Calbe selbst findet sich kein Hinweis auf Gottesgnaden. Dass inzwischen öfter Besucher vor der Kirchentür stehen, habe ganz sicher mit dem Salzländer Kulturstempel zu tun. Heidelinde Matzke sieht das verstärkt an Einträgen ins Gästebuch. Nicht selten liest sie darin, wie versteckt das kleine Idyll liege. Und dass es zunächst der Reiz des Stempels gewesen sei, der sie hierher gelockt habe.

Doch spätestens beim Gang durch das alte Tor in den Klosterpark ist jeder fasziniert. Die alte Mauer ist in Teilen noch erhalten geblieben und lädt ein, hinter sie zu schauen. Dort, wo heute alte Bäume wachsen und etliche Tiere zu Hause sind, wurde 1131 der Grundstein für das Prämonstratenser-Kloster Gottesgnaden gelegt. Von der Stiftskirche, seinerzeit ein prächtiger romanischer Bau mit zwei runden Türmen und sechs Glocken, ist kein Stein mehr übrig. Dabei galt es zu seiner Hochzeit als sehr angesehen und hatte eine große kulturelle Ausstrahlung. Der Niedergang des Klosters begann im 16. Jahrhundert, als Klosterbrüder während der Glaubenskriege flohen. Im Jahr 1548 brannte das Kloster nieder. Was blieb, war die Mauer. In zweierlei Hinsicht ein Glück für die Insel. Denn sie hat nicht nur historischen Wert, sondern dienst auch ein Stück weit als Hochwasserschutz. Als die Flut 2013 kam, „wurde uns gesagt, dass sie saniert wird. Bislang ist nichts passiert“, bedauert Heidelinde Matzke, der die zunehmenden Schäden nicht entgangen sind. Beim Rundgang durch den Park deutet sie auf die bröckelnden Stellen.

Die Hospitalkirche St. Mariae und Johannis vor den Toren der einstigen Klosteranlage ist der einzige noch erhaltene Sakralbau.
Die Hospitalkirche St. Mariae und Johannis vor den Toren der einstigen Klosteranlage ist der einzige noch erhaltene Sakralbau.
Sabine Lindenau

Nahezu täglich radelt sie durch die Grünanlage, um dann die Kirche aufzuschließen. „Ich mache das gern“, ist ihr ehrenamtliches Engagement für sie normal. Wer ihr zuhört, wenn sie in die Geschichte des Klosters eintaucht, erkennt ihre Leidenschaft. „Es ist ein verwunschener Ort und das wird er auch immer bleiben“, sagt sie und schließt die schwere Kirchentür. Diese einmalige Atmosphäre, die sie schon seit Jahrzehnten inhaliert, begeistert auch die Besucher. Sie verweilen und halten längst nicht nur am roten Briefkasten, um sich ihren Stempel zu sichern.

Von Gottesgnaden aus ist es nicht weit zu den anderen Kulturstempel-Stationen in Calbe. Wer mit dem Rad kommt, ist mit der Gierseilfähre schnell zurück im Zentrum, um den Roland und die Kirche St. Nicolai genauer in Augenschein zu nehmen.