Großmühlingen l Blätter rauschen, Vögel zwitschern und aus der Entfernung sind leise Stimmen zu vernehmen – mehr hört man vor dem Renaissanceschloss in Großmühlingen nicht. Man hat das Gefühl, je näher man an das Schloss heran tritt, desto leiser wird alles um einen herum. Trotz der einstigen, noch zu erahnenden Schönheit des Schlosses, strahlt es jetzt beinahe etwas unheimliches aus. Es steht leer und seit mehreren Jahren zum Verkauf.

„Werden Sie zum Schlossherren“, lautet der Anzeigenname auf einer gängigen Immobilienplattform im Internet. Diese Anzeige ist seit zwei Jahren online. Das Schloss selbst steht aber bereits länger zum Verkauf, genau genommen sechs Jahre und drei Wochen.

Das Schloss wird seit den ganzen Jahren über eine hanseatische Immobilienfirma angeboten. Eine Anfrage der Volksstimme zu dem Objekt lehnten sie ab.

Dennoch geben sie auf der Internetseite recht genaue Daten zu dem Objekt. So sei es etwa in „einem gepflegten Zustand“. Eine fragwürdige Beschreibung, wenn man heute vor dem Bau aus dem 12. Jahrhundert steht. Insgesamt soll das Schloss 741 910 Euro kosten – ohne Nebenkosten versteht sich. Die Beschreibungen der Anzeige malen ein anderes Bild als jenes, welches man vor sich hat, sobald man vor dem verschlossenen Tor steht. Vielleicht einer der Gründe, warum bisher kein Verkauf zustande gekommen ist.

Dass der „Jahrhunderte alte Baumbestand“ gelobt wird, ist nur verständlich, wenn man sich den trockengelegten Wassergraben vor dem Schloss anschaut: Die Natur hat hier die Überhand gewonnen. Vor dem abbröckelnden Putz blühen Rosen, die Pflanzen strotzen nur so vor Vitalität nach dem Regen der letzten Wochen. Wie sich die Natur hinter dem Schloss ausgebreitet hat, kann man nur erahnen.

Diese Anzeige ist aber nicht der erste Versuch, das Schloss zu verkaufen: Bereits vor sechs Jahren berichtete die Volksstimme über Kaufversuche des Schlosses. Schon damals lag der Verkauf in Händen der hanseatischen Immobilienfirma. Im Gespräch mit der Volksstimme hieß es: „Jede Immobilie ist verkaufbar, es ist immer eine Frage des Preises.“ Der damals zuständige Makler Nils Endrejat war zuversichtlich, einen Käufer zu finden. Ob er heute noch so denkt, kann leider nicht gesagt werden.

Dass das Schloss noch immer nicht verkauft ist, tut in der Seele weh. Es verwittert zusehends. Die letzte Sanierung fand in den 1990er Jahren statt.

Bevor es in seinen jetzigen Zustand verfiel, war das Schloss ein viel genutzter Kulturort. Krista Frank war für die Kulturveranstaltungen zuständig. Sie veranstaltete zahlreiche Ausstellungen und Auftritte. „Etwa 100 Veranstaltungen wurden – seitdem wir 1994 erstmals ins Schloss einluden – organisiert“, sagte sie der Volksstimme 2005, als das Schloss noch genutzt wurde.

Es wurde etwa Malerei von Margerita Jerzykiewicz gezeigt oder Gesangsaufführungen vom Grinman-Ensemble aus Berlin veranstaltet. Auch der Viktoria-Chor aus Schönebeck trat dort auf. Es gab auch ein kleines Heimatmuseum, in dem die Dorfgeschichte von Großmühlingen anhand zahlreicher Exponate dargestellt wurde.

Doch der Kulturbetrieb lief nicht eigenständig – das Schloss war und ist seit 1994 in Privatbesitz von Michael Rösch aus Dessau. Auch dieser war für eine Auskunft nicht erreichbar. Warum er das Schloss verkaufen will und ob es Interessenten gibt, bleibt also unklar.

So bleibt das Schloss weiter leer. Besichtigungen sind für Besucher nicht mehr möglich – zumindest ohne Kaufabsicht.