Frohse l Wer ihr zuhört, merkt schnell: Dr. Annika Michalski ist eine Tübke-Kennerin. Sie hat sich mit seinem Leben, seinen Werken beschäftigt, will seine künstlerischen Phasen verstehen. Sie überzeugt fachlich – und herzlich. Sie referiert fundiert, aber nicht hochwissenschaftlich.

Johannes Schulz, Pfarrer im Ruhestand, hat sie nach Schönebeck eingeladen, zu einem Themenabend in St. Laurentii Frohse. Am Freitag spricht sie über den berühmten Sohn der Stadt, der von 1929 bis 2004 – bis 1948 in Schönebeck – gelebt hat. Etwa 90 Besucher lauschen gebannt.

Annika Michalski weiß, wovon sie spricht. Die Kunsthistorikerin, die in der Tübke Stiftung Leipzig und der Stiftung Haus der Geschichte arbeitet, hat in Leipzig studiert. 1999, als die gebürtige Weimarerin ihr Studium begonnen hat, habe sie Werner Tübke durch die Straßen gehen sehen und in der Zeitung von ihm gelesen. „Er war eine enorme Größe“, sagt sie. Er fasziniert sie. 2004 verstarb er, 2005 begann sie, ihre Magisterarbeit zu schrei-ben – über Werner Tübke. Später auch ihre Doktorarbeit. Der Maler und Zeichner ließ sie nicht los ... Das Beschäftigen mit Tübke ist für sie eine Herzensangelegenheit geworden.

Bilder

Bauernkriegspanorama

„Er ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler nach 1945“, betont sie. Mit dem Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen habe er einen der größten Staatsaufträge der DDR erhalten, die je an einen Künstler vergeben worden waren. Elf Jahre hat er mit seinen Mitarbeitern daran gearbeitet – 1722 Quadratmeter Leinwand. „Schon zu DDR-Zeiten hat er eine besondere Rolle gespielt. Und doch war sein Weg steinig und geprägt von Kritik“, so Annika Michalski. Das geben die Tagebücher aus 50 Jahren wieder – mit Skizzen, aber auch persönliche Details. Erst nach seinem Tod sind sie entdeckt worden. Mit Dr. Eduard Beaucamp, langjähriger Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), hat sie diese entziffert und 2017 in einem Buch veröffentlicht.

Werner Tübke sei vom künstlerischen Ursprung her sehr seiner Heimat verbunden gewesen, merkt sie an. Das beweist zum Beispiel eine Schönebeck-Postkarte aus den 1940er Jahren, die sich in seinem Nachlass befand und nun im Archiv der Tübke Stiftung ist. Er wuchs im Haus Markt 13 in Schönebeck auf. In einer Kaufmannsfamilie. Seine Eltern hatten ein Geschäft für Fahrräder, Näh- und Waschmaschinen, sein Großvater Karl Sandau im gleichen Haus einen Schuhladen. Mit vier Jahren sollen erste Zeichnungen entstanden sein. „Aus eigenem Antrieb“, betont Annika Michalski. Die Familie förderte sein Talent, er erhielt Zeichenunterricht von Karl Friedrich aus Magdeburg. Mit neun Jahren malte Tübke sein erstes Aquarell – ineinander geschachtelte Häuser in Schönebeck. Seine wohl bekannteste Arbeit aus Kindheitstagen ist der Blick auf den Marktplatz um 1938. In höchster Akribie habe er alles festgehalten. Vom Flachdach des Elternhauses hatte er einen guten Überblick: Schirme, Stände, reges Treiben, am Horizont die St.-Jakobi-Türme.

Werner Tübke fertigte mehr als 4500 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Grafiken. Darunter zahlreiche Selbstbildnisse – entstanden in Höhen und Tiefen, „ein Atlas seines Lebens“. Sein erstes in Öl malte er mit elf Jahren. Weitere folgten. Viele. Sehr viele. Fast 300 an der Zahl, sagt Annika Michalski. „Es erstaunt zunächst, dass ein Künstler der DDR sich selbst und so oft porträtiert. Denn das Kollektiv stand ja eigentlich im Vordergrund.“ Von Rembrandt gebe es etwa 60 Selbstbildnisse, Vincent van Gogh 40, Max Beckmann 100, Pablo Picasso weitaus mehr.

Schlüsselbild

Seine erste Selbstbildnis-Zeichnung 1948 sei als „Schlüsselbild“ zu sehen. Er verarbeitet darin seine Inhaftierung als 16-Jähriger. Ihm wurde vorgeworfen, östlich der Elbe einen Offizier der sowjetischen Armee erschossen zu haben. Nach mehr als achtmonatiger Haft in Schönebeck und Magdeburg musste er eine Schweigepflichtserklärung unterzeichnen. Dieses Ereignis hatte ihn sein gesamtes Leben beschäftigt, weiß die Tübke-Expertin. „Davon ausgehend lässt sich vieles erklären. Seine unbeschwerte Kindheit endete.“ Ein weiterer Einschnitt war die Wende 1990. Der politische Umbruch führte auch zu einem Umbruch in seiner Kunst. Er malte „Selbstbildnisse ohne Selbst“, ohne darauf sichtbar zu sein. Seine letzte Zeichnung entstand 2004, zwei Wochen vor seinem Tod. Der Titel: „Alter Friedhof“.

Annika Michalski betont, dass sich mit dem Vortrag in Frohse für sie privat ein Kreis schließt. Seit 2005 beschäftige sie sich mit den Werken Tübkes. Nun, nach 13 Jahren, hierher zu kommen, wo für Tübke alles anfing, „ist für mich eine große Ehre“. Die Gäste danken mit Applaus und lobenden Worten für den Abend mit so vielen neuen Einblicken. Und Karin Gulatz bringt eine Frage an, die immer wieder die Gemüter der Kunstfreunde in Schönebeck bewegt: „Wie können wir an ihn erinnern?“ Momentan gibt es am Geburtshaus nur eine Gedenktafel. Ein Museum ist im Gespräch gewesen, das Benennen von Straße oder Platz nach ihm. Die Idee mit dem Museum sei gut, aber aufgrund der Kosten unrealistisch. „Das mit Leben zu füllen, ist eine Nummer zu groß für uns“, schätzt Johannes Schulz ein, zumal keine Werke von Tübke frei zur Verfügung stehen. Manfred Pöschke (Stadtrat FDP, Rettet die Altstadt) erinnert an eine einstige Überlegung, Tübke mit der Ehrenbürgerschaft zu würdigen. Viele Stadträte hätten damals aber die Bedeutung seines Wirkens und seiner Werke nicht erkannt. Als ein „lebendiges Erinnern“ empfindet eine Besucherin den Themenabend und würde sich über weitere dieser Art freuen.

Zusammenarbeit mit Stiftung

Annika Michalski nimmt die rege Diskussion, dieses Würdigen-Wollen von Tübke wohlwollend auf und verspricht, auch im Namen der Tübke Stiftung: „Alles, was Sie planen und was hier passiert – ich stehe Ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Aber wir sind auf Ihr Engagement angewiesen.“ 2019 würde Werner Tübke seinen 90. Geburtstag begehen – ein guter Anlass, um etwas zu bewegen ... Mit ihrem Mann ist sie bis Sonnabend in Schönebeck geblieben. Um sich das Tübke-Bild im Industriemuseum anzusehen und mit Imuset-Präsident Georg Plenikowski zu überlegen, was vor Ort möglich wäre. Er gibt sich im Nachgang zufrieden, „will aber nicht so viel verraten. Die Tendenz ist sehr positiv.“ Es werde etwas passieren, aber er könne noch nicht sagen, was und wann. Die Zusammenarbeit mit der Tübke Stiftung habe begonnen. Erste Arbeitsschritte seien angedacht, müssten nun geprüft werden. Plenikowski schwärmt: „Ein ganz wunderbarer Besuch.“ Sie sei von den Ausstellungen der Schönebecker Künstler angetan, vor allem, als sie das Tübke-Selbstporträt gesehen habe.