Mitteldeutsche Kammerphilharmonie

Schönebeck: Mitteldeutsche Kammerphilharmonie um Dirigent Jan-Michael Horstmann bringt neue CD raus

Mit einer Doppel-CD können sich Musikfreunde die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie nach Hause holen. Die Volksstimme hat reingehört.

Von Renate Bojanowski

Schönebeck - „Schattenrisse“ heißt die Doppel-CD, die von der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck im heimischen Dr.-Tolberg-Saal im April und Mai 2020 während der ersten Veranstaltungspause aufgrund der Corona-Pandemie aufgenommen wurde.

Ausgerechnet in der Zeit, als alle Klangkörper in Deutschland schweigen mussten, nahm das Schönebecker Orchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Jan Michael Horstmann sechs Werke von Komponisten auf, die zu Lebzeiten zu unliebsamen Personen erklärt oder vergessen wurden. Von ihren Kompositionen gab es bisher keine oder nur sehr wenige Tonaufnahmen.

Teils unbekannte Komponisten

Die Zahl der Komponisten, deren Namen kaum noch ein Konzertbesucher kennt, ist jedoch beinahe unüberschaubar. Die Stiftung Lichterfeld von Petra und Ralph-Robert Lichterfeld sorgt mit ihrem Engagement im Rahmen von „EchoSpore“ (www.echospore.de) dafür, dass sich dies ändert. Die Zusammenarbeit mit dieser Stiftung, die Durchführung der Konzertreihe und die Produktion der CDs wurden mit Hilfe der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Salzlandsparkasse möglich.

Die beiden Tonträger enthalten Kompositionen von Benno Uhlfelder (1868-1946), Maurice Jaubert (1900-1940), Vítêzslava Kaprálová (1915-1940), Darius Milhaud (1892-1874), Alexander Naumowitsch „Bob“ Tsfasman (1906-1971) und Nikolai Andrejewitsch Roslavets (1881-1944). Weil die aufgenommene Musik so vielfältig und unterschiedlich ist, bilden diese beiden Scheiben einmal mehr die große musikalische Bandbreite des Schönebecker Orchesters ab.

Mit LeidenschaftBeim Zuhören spürt man die außergewöhnliche Leidenschaft aller Beteiligten. Schon während des „Sangre Torera“ (Spanische Phantasie) von Benno Uhlfelder könnte man ein Fest feiern, fängt doch das Orchester das spanische Feuer mit Temperament und besonderer Verve ein.

Von Spanien nach Paris

Von Spanien zieht es die Kammerphilharmoniker nach Paris. In der Stadt der Liebe spielt der Film „Quatorze Juillet“ von René Clair, für den Maurice Jaubert 1933 die Musik schrieb. Da nur Klaviernoten für diese wunderbare Musik existierten, schrieb Jan Michael Horstmann eine Orchesterfassung und: Natürlich geht es in dem Film um die Liebe.

Eindrucksvoll fügen die Kammerphilharmoniker mit der Interpretation der „Suite en miniature op.1“ von Vitezslava Kaprálováden den Aufnahmen einen weiteren Charakter zu.

Jan Michael Horstmann lässt hier nicht nur im Präludium der Suite differenziert und plastisch musizieren. Sehr hörenswert auch die feinen Bläser während der Pastorale, die weit schwingenden Bögen in der Ukolébavka (Wiegenlied) und die unbändige Energie, die sich im letzten Satz entfaltet.

Wunderbar, dass die beliebte Pianistin Sofja Gülbadamova auf der zweiten CD zu hören ist. Mit der Interpretation der „Jazzsuite für Klavier und Streichorchester“ von Alexander Naumowitsch Zfasman offenbart sie eine ganze Bandbreite ihres Gestaltungsvermögens. Sofja Gülbadamova musiziert virtuos, gibt sich dem federnden Rhythmus hin und lässt rasante Läufe einfach so dahin rollen, flink, munter, hinreißend. Horstmanns Ensemble trägt die Pianistin auf Händen und begleitet weich, feinfühlig und vorausblickend. Was für ein abwechslungsreicher Ohrenschmaus!

18 solistische Musiker

Auch die Interpretation der Kammersinfonie Nr. 2 von Nikolai Andrejewitsch Roslavets lässt den Zuhörer die Begeisterung für diese Musik spüren. Hier malen 18 solistische Musiker in so vielen verschiedenen Farben, dass unweigerlich fantasievolle Bilder im Kopf entstehen. Die sind so zart wie energisch wild oder gar klirrend. Trotz vieler Dissonanzen und Akkordschichtungen wird der Hörer mit pulsierendem Rhythmus in eine Welt von zauberhaften Klangfarben entführt.

Jan Michael Horstmann hält auch im Herzstück des Albums durchgehend die Fäden des sich zeitweise andeutenden „Klangwirrwarrs“ in der Hand und löst es verlässlich und überlegen. Die gesamte Einspielung ist durchweg spannend und bis zum letzten Ton fein austariert.

Zudem hält der Rezipient ein Buch mit wissenswerten, interessanten Informationen und Hintergründen in der Hand, die vom Chefdirigenten des Orchesters, Jan Michael Horstmann, zusammengetragen und aufgeschrieben wurden.

Sahnehäubchen auf dem Cover

Die Skulptur auf der Vorderseite des Covers ist das Sahnehäubchen der äußerst ansprechenden Gestaltung. Sie trägt den Titel „Bent of Mind“ (Gedankenverloren), stammt von dem englischen Künstler Tony Cragg und ist im Original fünf Meter hoch. Sie sieht aus, als würde sie sich ständig verändern oder gar wachsen. Die vielfältigen Formen harmonieren mit dem abwechslungsreichen Hörerlebnis und erinnern an Schwerelosigkeit. Hals, Wangen, Lippen und Nase sind in Bewegung. Ein Gleichnis zum ständigen Wandel des menschlichen Geistes und den komplizierten Entscheidungen, mit denen wir in einer sich ständig verändernden Welt konfrontiert werden.

Es ist heute kaum vorstellbar, dass der Enkel von Benno Uhlfelder mit der Doppel-CD der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie erstmals ein gespieltes Werk seines Großvaters in den Händen hält. Und doch wird dabei deutlich, dass die freiheitlich-demokratische Rechtsordnung nicht selbstverständlich ist.