Elbenau l Wenn Frank Faust Besuch empfängt, muss er das Fenster in seinem Büro schließen. Denn sonst ist der Lärm zu groß, den Lastwagen verursachen, wenn sie durchs Dorf fahren – beziehungsweise „rattern“, wie der Schulleiter der Freien Waldschule Elbenau zu sagen pflegt.

Wer sich für einige Zeit im Lehrerzimmer aufhält, merkt schnell, dass Frank Faust nicht übertreibt. Denn immer wieder ruckeln die Schränke, wenn ein Auto oder Lastwagen an der Schule vorbeifährt. Frank Faust behauptet, dass er mittlerweile sogar ohne aus dem Fenster zu schauen erkennen kann, wie schnell ein Fahrzeug in etwa ist und ob es sich um ein Auto, Lastwagen oder Sattelzug handelt. Letztere seien die schlimmsten. Faust: „Da wackeln nicht nur die Schränke, sondern das ganze Schulgebäude.“

Begehren seit 10 Jahren

Seit zehn Jahren, also seit die Waldschule gleich hinter dem Ortseingang von Elbenau ihren Standort bezog, hat der Schulleiter für die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Kilometer pro Stunde (km/h) gekämpft. Denn die Lärmbelästigung ist für den Schulchef noch das geringere Problem. Es geht ihm um die Sicherheit der Kinder, der Schulweg vieler läuft entlang der Straße.

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Doch seine Anregung wurde immer wieder abgelehnt. Der Grund: Es handelt sich bei der Elbenauer Straße um eine Kreisstraße, laut Straßenverkehrsgesetz ist eine Tempo-30-Begrenzung auf Bundes-, Landes- und Kreisstraßen nicht erlaubt. Das hat sich im Oktober 2017 jedoch geändert. Kommunen in Sachsen-Anhalt können jetzt in einem vereinfachten Verfahren eine Tempo-Begrenzung beantragen. Mit der Neureglung ist es jetzt auch möglich, dass auf kurzen Strecken (maximal 300 Meter) vor sozialen Einrichtungen Tempo 30 beantragt werden kann.

Ausnahmen damals nur an Unfallschwerpunkten

Davon machen in Sachsen-Anhalt bereits viele Kommunen Gebrauch, 132 Anträge sind seit Januar eingegangen, sagt Denise Vopel vom Landesverwaltungsamt. Auch in fünf weiteren Kommunen im Salzlandkreis – in Rathmannsdorf, Aderstedt, Nienburg, Bernburg und Schadeleben – wurde seit Januar Tempo 30 vor sozialen Einrichtungen beantragt.

Dass Faust mit seinem Wunsch nicht allein war, bestätigen nicht nur die Zahlen, sondern auch Thomas Pleye, Präsident des Landesverwaltungsamtes. „Immer wieder hatten Eltern, Bürger oder Kommunen um eine Geschwindigkeitsdrosselung vor sozialen Einrichtungen gekämpft. Doch bislang lagen die Hürden dafür sehr hoch“, sagt er. So musste man etwa nachweisen, dass es sich um einen Unfallschwerpunkt handelt und die Strecke somit eine besondere Gefahr darstellt. Das war vor der Grundschule in Großmühlingen der Fall, wie Bördelands Ordnungsamtsleiter Bernd Möhring berichtet. Er erzählt: „Hier steht schon seit über zehn Jahren ein Tempo-30-Schild.“

Im Altkreis Schönebeck ist die Waldschule Elbenau bisher die einzige Einrichtung, die von dem neuen Gesetz Gebrauch macht. So sagt Calbes Bürgermeister Sven Hause, dass vor den meisten Einrichtungen in der Stadt bereits Tempo 30 gilt. Die Kitas „Märchenland“ und „Haus Sonnenschein“ liegen zwar an Landestraßen und hier gelte kein Tempo 30. Mit dem grundhaften Ausbau der Barbyer Straße sollen Fahrzeuge jedoch durch Haltebuchten vor der Kita „Haus Sonnenschein“ ausgebremst werden, so der Bürgermeister. Auch in Barby liegen derzeit keine Anträge vor, bestätigt Ordnungsamtleiterin Karin Knopf auf Anfrage der Volksstimme.

Tempo 30 nicht dauerhaft

Doch zurück nach Elbenau. Bei Frank Faust war die Überraschung groß, als die Schilder Ende vergangener Woche aufgestellt wurden. Ende des Jahres hatte er nochmal die Stadt angeschrieben, im Januar sagte Schönebecks Oberbürgermeister Bert Knoblauch dann bei einer Bürgerversammlung in Elbenau: „Die Geschwindigkeitsbegrenzung ist längst beantragt, ab März wird sie dort vermutlich gelten.“ Er hielt sich an sein Wort. Denn, so Faust: „Mir wurde weiter nichts mehr gesagt – plötzlich standen die Schilder da.“ Von Montag bis Freitag zwischen 6 und 16 Uhr gilt hier jetzt Tempo 30.

Doch bringt ein Schild allein die Fahrer dazu, abzubremsen? Geblitzt wurde an der Stelle seit der Volksstimme-Nachfrage im Januar nicht mehr, Polizeisprecher Marco Kopitz sagt jedoch: „Bürger können sich gerne bei uns melden. Wenn sie vermuten, dass dort zu schnell gefahren wird, dann schicken wir Kollegen zum Messen hin.“

Vor Tempo 30 auch Tempo 60?

Einen Punkt kann Frank Faust schon mal von seiner imaginären Wunschliste mit Überschrift „Schritte zu einer sicheren und ruhigen Schule“ abstreichen. Trotzdem steht da noch immer einiges geschrieben. So wünscht er sich, dass bereits einige 100 Meter vor dem Ortseingang ein Tempo-60- Schild aufgestellt wird. Und dann ist da noch die digitale Tempoanzeige am Ortseingang, die seit Monaten kaputt ist.

Sein größter Wunsch: Dass Fahrer die neue Tempo-30-Regelung ernstnehmen. Faust: „Vielleicht können meine Kollegen und ich in diesem Sommer nach langer Zeit wieder mit geöffnetem Fenster arbeiten.“