Biere l Die Kinder der Kita „Zwergenland“ in Eggersdorf bekommen große Augen, als Sylvio Gebser und sein Kollege Holger Scholz die Einrichtung betreten. Normalerweise, erzählt Gebser, besuchen sie die Kinder im Bördeland regelmäßig. Zu Corona-Zeiten ist das aber leider nicht möglich. Bei ihren Besuchen klären sie die Kleinen nicht nur über den Straßenverkehr auf, sondern zeigen den Kindern auch, wie man einen Notruf absetzt. Aufgrund der Pandemie-Maßnahmen fällt der Besuch der beiden Regionalbereichsbeamten (RBB) kurz aus, natürlich mit Maske und unter Wahrung der Abstandsregeln.

Seit mittlerweile sechs Jahren macht Gebser den Job im Bördeland. Anfangs seien ihm die Menschen mit Zurückhaltung und Respekt begegnet. „Viele Ältere hatten noch aus DDR-Zeiten das Bild des Abschnittsbevollmächtigten (ABV) im Kopf. Damals bedeutete ein Polizei-Auftritt automatisch: Es gibt Stunk“, so Gebser.

Nähe der Bevölkerung gesucht

Diese Denkmuster versuchten die RBB zu durchbrechen. Inzwischen hätte sich die Wahrnehmung der Beamten grundlegend geändert. Die beiden Polizisten werden von (fast) allen im Bördeland gemocht und freundlich gegrüßt. Die RBBs seien eine Idee des früheren Innenministers Holger Stahlknecht gewesen, berichtet Gebser. Die neu geschaffene Einheit sei mit dem Ziel an den Start gegangen, den Abstand zwischen Polizei und Bevölkerung zu verkleinern.

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Für Sylvio Gebser scheint diese Vorgabe wie maßgeschneidert zu sein. „Meine ganze Polizei-Karriere über war mir immer wichtig, dass wir weg vom Image kommen, dass wir nur drauf hauen würden.“ Bevor er die Stelle im Bördeland antrat, arbeitete Gebser unter anderem als Konflikttrainer in Magdeburg, nachdem er zuvor Familienpsychologie studierte.

Zurück zum Polizei-Alltag in der Corona-Krise. Dadurch, dass viele Menschen mehr Zeit zu Hause verbringen als sonst, sinke die Frustrations-Toleranz bei den Menschen. Es komme zum Beispiel vermehrt zu Nachbarschaftstreitigkeiten, berichten die RBB. Wenn Sie mit solchen Problemen konfrontiert würden, hätten die beiden Polizisten immer ein offenes Ohr, würden die Leute aber meist an die zuständige Ordnungsstelle verweisen, weil es ihre Zuständigkeiten übersteigt.

Zwei von vier Einbrüchen aufgeklärt

In den letzten Jahren war deutschlandweit oft die Rede davon, dass die Einbruchzahlen deutlich angestiegen sind. Dazu hätten Einbruchsdelikte eine sehr niedrige Aufklärungsquote. Diese Aussagen können Gebser und Scholz, zumindest fürs Bördeland, nicht bestätigen. Im bald zu Ende gehenden Jahr hätte es vier Wohnungseinbrüche in ihrem Einsatzgebiet gegeben. Zwei der Taten wurden komplett aufgeklärt, bei zwei anderen gebe es zumindest Tatverdächtige, berichtet Gebser. Auf diese Statistiken können ihre Kollegen in den großen Städten wahrscheinlich nur neidisch sein.

Mit ein Grund für die niedrige Zahl: regelmäßige Einbruch-Präventionsarbeit. Entweder rufen Leute die Polizei selber oder die RBB bieten diese von sich aus an. Dabei geht es darum, den Menschen zu zeigen, wie es Einbrechern schwerer gemacht werden kann, in ihr Haus oder ihre Wohnung einzusteigen. Bei einem Termin bei einer Eggersdorfer Familie gibt die Polizei einen simplen wie wichtigen Tipp: „Aufstiegsmöglichkeiten beseitigen“. Dazu zählen nicht nur offensichtliches wie Leitern, sondern auch Tische können eine Einstiegshilfe sein.

"Leute hören besser mit dem Portemonnaie"

Neben Einbruchs-Prävention gehört auch die alltägliche Verkehrskontrolle zur Arbeit der RBBs. Bei der Art und Weise, wie Gebser und Scholz auf ein Fehlverhalten reagieren, hätten sie einen gewissen Spielraum. „Meistens reicht eine Ermahnung, manche Leute hören aber mit dem Portemonnaie besser als mit den Ohren“, gibt Gebser schmunzelnd zu Protokoll. Damit meint der Polizist, dass gerade bei Vergehen im Straßenverkehr, ein Strafzettel manchmal mehr helfe. Ein häufiges Problem sei das unberechtigte Fahren auf Feldwegen, dass eine Strafgebühr von 20 Euro nach sich ziehe.

Eine Thematik, die Gebser und Scholz auch sehr viel beschäftigt, ist illegale Müllentladung im Gemeindegebiet. Besonders häufig käme es zwischen Welsleben und Schönebeck vor. „Bei den Müllsündern handelt es sich meist um Leute von außerhalb. Menschen von hier trauen sich das allein schon deshalb nicht, weil wir wissen wo die wohnen“, sagt Gebser mit einem Augenzwinkern. Eine unerlaubte Müllentsorgung sei nicht nur für die Beamten nervig, sondern koste den Steuerzahler jedes Mal auch knapp 400 Euro.

Polizisten, die auch Beistand leisten

Zu der Arbeit als RBB gehört nicht nur leichte Kost. Vor einiger Zeit sei eine Frau mittleren Alters plötzlich verwitwet. Gebser betont, dass sie daraufhin versuchten, ihr und den Angehörigen Beistand zu leisten. Als sie nach einiger Zeit vom Suizid der Dame erfuhren, sei das ein schwerer Schlag gewesen. „Da wird einem bewusst, dass wir nicht Jesus sind, sondern schlussendlich nur die Polizei.“

Polizei-Puppe Lucy bekannt

Durch seine vorherige Station als Konfliktmanager in Magdeburg liegt die präventive Arbeit Gebser besonders am Herzen. Früher hätten sich Kinder bei den Maßnahmen eher gelangweilt. Dann kam Gebser die Idee, die Inhalte spielerisch in Form von Puppen zu vermitteln. Seitdem würden die Kinder viel aufmerksamer zuhören und die Dinge besser behalten. „Die Polizei-Puppe Lucy kennt heute jedes Kind im Bördeland“, berichtet Gebser stolz.

Wenn es um Schulen geht, ist Gebser ein Thema besonders wichtig. Der Kampf gegen Mobbing. „Einmal musste ein Unterricht sogar abgebrochen werden, weil es der Lehrerin zu heftig war.“ In den „Mobbing-Stunden“ an den Schulen versucht Gebser die Täter in die Lage zu versetzen, wie es sich anfühlt, gemobbt zu werden. Wenn es gelingt, dass diejenigen, die andere Kinder mobben, nachempfinden wie es sich für ihre Opfer anfühlt, sei ein großer Schritt getan. Die Installation einer „Mobbingpolizei“, wo sich Opfer und Täter mit einer unbeteiligten dritten Person treffen, helfe ebenfalls.

Wertschätzung vermisst

Was die Wertschätzung angeht, fällt das Urteil von Gebser und Scholz zwiegespalten aus. „Von den Bürgern bekommen wir nahezu nur positive Rückmeldungen. Von unserer Dienststelle wäre es aber auch mal schön, wenigsten ein kleines Lob für unsere Arbeit zu bekommen“, merkt Gebser an. Dagegen funktioniere die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Bördeland sehr gut.

Als Beispiel nennt Gebser einen kaputten Bürostuhl. „Innerhalb von einer Stunde hatten wir einen neuen über den kurzen Dienstweg aus der Verwaltung bekommen. Hätten wir diesen über unsere Dienststelle geordert, hätte das sicher Wochen gedauert.“ Auf der anderen Seite würden sie sich aber auch gegenseitig kritisieren, wenn sie mit Maßnahmen der anderen Partei nicht zufrieden sind.