Schönebeck l Jedes Mal wenn Iris Czech die Dr.-Martin-Luther-Straße vor ihrer Haustür überquert, bekommt sie es mit der Angst zu tun. „Die Autos fahren immer viel zu schnell“, so die 61-Jährige. Denn die Fahrzeuge nehmen den Schwung von der Brücke an der Bahnhofstraße mit und fahren oft schneller als die vorgeschriebenen 50 Kilometer in der Stunde. Rücksicht würden die Autofahrer nicht nehmen.

Rentnerin Iris Czech ist gehbehindert und geht am Stock, so dass sie die Straße nur noch sehr langsam überqueren kann. Auch viele andere Senioren an der Dr.-Martin-Luther-Straße sind ebenfalls nicht mehr besonders gut zu Fuß und fürchten sich auch beim Überqueren der Straße. Ihr Mann Gerold Czech ärgert sich hingegen besonders über den Lärm den schnellen Autofahrer. „Wir können im Sommer nicht mit offenem Fenster schlafen, weil die Autos so laut sind“, sagt der Schönebecker. Andere Anwohner berichten sogar, dass bei ihnen das ganze Wohnzimmer vibrieren würde, wenn die Autos vorbeifahren.

Unterschriften gesammelt

Um etwas gegen das Problem zu unternehmen, hat das Ehepaar Czech im  November 2018  in der Sprechstunde vom Schönebecker Oberbürgermeister Bert Knoblauch (CDU) vorgesprochen. Dabei präsentierten ihm die beiden eine Unterschriftensammlung für die Einrichtungen einer Tempo-30-Zone in der Dr. Martin-Luther-Straße, an der sich rund 50 Anwohner beteiligt hatten. Denn in den Nebenstraßen gebe es eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung schließlich auch zum Schutz der Anwohner, begründete das Ehepaar Czech ihre Forderung.

Große Hoffnung hatte der Oberbürgermeister den beiden damals zwar nicht gemacht. Aber: „„Er hat sich alles genau angehört und uns erklärt, welche rechtlichen Probleme es geben könnte“, sagte Gerold Czech damals im Gespräch mit der Volksstimme. Immerhin sollte die Stadtverwaltung den Fall noch einmal prüfen, was die beiden damals auch erst einmal zufrieden stellte.

Doch fast fünf Monate später hat das Ehepaar immer noch nichts aus dem Rathaus gehört. Dabei sollte die Verwaltung eigentlich spätestens innerhalb von vier Wochen auf Anfragen reagieren. „Das ist typisch“, sagt Czech verärgert. Auch auf Nachfrage der Volksstimme kann die Verwaltung nichts über die mögliche Einrichtung einer Tempo-30-Zone sagen. Personalmangel, die entsprechende Abteilung sei überlastet, heißt es. Zumindest der Stadtrat sei informiert worden, dass es mit der Geschwindigkeitsbegrenzung nichts wird, teilte der Oberbürgermeister am Rande mit.

Neue Regeln seit 2017

Dabei wurden die Hürden für die Einrichtung von Tempo-30-Zonen vor rund eineinhalb Jahren deutlich gelockert. Kommunen können seit 2017 leichter entsprechende Geschwindigkeitsbeschränkungen vor sozialen Einrichtungen wie Kitas, Schulen oder Pflegeheimen beim Land beantragen. Auch in der Dr.-Martin-Luther-Straße befindet sich eine Einrichtung für betreutes Wohnen für Senioren.

Mit der Neuregelung hat sich das Verfahren umgekehrt. Jetzt muss vor allem das Land begründen, warum es eine Tempo-30-Zone ablehnt. Nach Angaben des Landesverwaltungsamtes von Sachsen-Anhalt wurden im vergangenen Jahr 212 entsprechende Anträge gestellt. Davon wurden 125 Anträge genehmigt, 73 wurden abgelehnt und 14 befinden sich derzeit noch in Bearbeitung. Im gesamten Salzlandkreis wurden bis August vergangenen Jahres zehn Anträge gestellt, davon wurden neun angenommen.

Zum Vergleich: Magdeburg hat im vergangenen Jahr 13 Tempo-30-Zonen beantragt, davon wurden acht genehmigt. Im Jerichower Land wurden alle drei Anträge genehmigt. Spitzenreiter in Sachsen-Anhalt ist der Bördekreis mit 41 gestellten Anträgen und immerhin 20 Zusagen.

Unterdessen hofft das Ehepaar Czech immer noch, dass sich an der Dr.-Martin-Martin-Luther-Straße doch noch etwas bewegen können. Iris Czech überlegt sogar, vielleicht noch einmal in die Sprechstunde vom Oberbürgermeister zu gehen. „Vielleicht bringt es ja etwas“, sagt sie.