Arztpraxis

Egeln bekommt „Haus der Gesundheit“

Die Tage des Verfalls der Außenstelle des ehemaligen Gymnasiums auf dem Pestalozziplatz in Egeln sind gezählt. Der Kreistag hat das alte Schulgebäude an einen Investor veräußert. Was sie mit dem Gebäude vorhat, verriet die Medizinerin Julia Milbradt im Interview mit Volksstimme-Redakteur René Kiel.

Von René Kiel
Die Außenstelle des ehemaligen Gymnasiums Egeln auf dem Pestalozziplatz steht seit einigen Jahren leer. Das Haus wurde jetzt vom Salzlandkreis verkauft.
Die Außenstelle des ehemaligen Gymnasiums Egeln auf dem Pestalozziplatz steht seit einigen Jahren leer. Das Haus wurde jetzt vom Salzlandkreis verkauft. Foto: René Kiel

Egeln

Volksstimme: Der Kreistag des Salzlandkreises hat Ihnen in seiner jüngsten Sitzung am 5. Mai in Bernburg hinter verschlossenen Türen den Zuschlag für den Kauf der ehemaligen Außenstelle des Gymnasiums auf dem Pestalozziplatz in Egeln erteilt. Ausschlaggebend dafür war, neben dem besten Gebot, Ihr überzeugendes Konzept. Ist damit auch das Gerücht aus der Welt, dass Sie Egeln wieder verlassen wollen?

Julia Milbradt: Ursprünglich war ich nach Egeln gekommen, um die Schwangerschaftsvertretung für Frau Harms zu übernehmen, die im letzten Jahr schon in Egeln anfangen wollte. Schon nach kurzer Zeit war für mich aber klar geworden, dass hier meine berufliche Zukunft liegt. Ich bin in Egeln angekommen, fühle mich hier sehr wohl und auch von den Menschen in der Region angenommen.

Zurzeit laufen zum Beispiel die Vorbereitungen für die Einrichtung einer Außen-stelle von uns in Wolmirsleben.

Das zeigen unter anderem die steigenden Patientenzahlen. Mit dem Einzug in das neue Gebäude wollen wir nun im nächsten Schritt unseren Patienten in einem „Haus der Gesundheit“ ein noch umfassenderes medizinisches Angebot unterbreiten, um sie noch besser versorgen und ihnen auch lange Wege und Wartezeiten ersparen zu können.

Was kann man sich unter einem „Haus der Gesundheit“ vorstellen?

Das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) wird sich im neuen Gebäude zu einer Art Gesundheitszentrum, dem „Haus der Gesundheit“ entwickeln. Im Mittelpunkt des Ganzen steht natürlich weiter unsere Praxis für Allgemeinmedizin mit dem Schwerpunkt Diabetologie. Frau Harms und ich sind Internisten, ich bin dazu noch ausgebildete Diabetologin. Daneben ist daran gedacht, im Gebäude weitere Gesundheitsangebote zu unterbreiten. Wir stehen bereits seit einiger Zeit in Gesprächen dazu, mussten aber auf die Entscheidung des Kreistages warten, ehe wir konkrete Verhandlungen aufnehmen konnten.

Sie betreten damit völliges Neuland. Ist das wirklich so umsetzbar, wie Sie sich das vorstellen?

Völliges Neuland ist das ja nicht. Einiges von dem, was mir vorschwebt, wird jetzt auch schon vom MVZ Börde in Hadmersleben gemacht, zu dem wir bisher noch gehören. Mein Vater, von dem ich viel lernen konnte, hat schon mit dem MVZ einen interdisziplinären Ansatz gewählt. In Hadmersleben arbeiten neben mehreren Allgemeinmedizinern unter anderem auch ein Kardiologe, eine Ernährungsberaterin und ein Neurologe.

Ist das MVZ so etwas wie eine Poliklinik, wie wir sie aus DDR-Zeiten kennen?

Wenn, dann würde ich das MVZ eher mit einem Landambulatorium vergleichen – ein medizinisches Angebot im ländlichen Raum.

Sie sagten gerade: „noch gehören“. Wollen Sie sich vom MVZ Börde loslösen und wenn ja warum?

Zum MVZ Börde gehören jetzt schon zehn Ärzte. Wenn ich meine Vorstellungen umsetzen kann, werden noch einige Ärzte und Mitarbeiterinnen hinzukommen. Das Ganze wäre dann nicht mehr überschaubar. Zurzeit laufen zum Beispiel die Vorbereitungen für die Einrichtung einer Außenstelle von uns in Wolmirsleben. Eine neue Kollegin interessiert sich bereits für diese Stelle. Sie ist einigen Patienten bereits durch ihre Mitarbeit im Impfzentrum Egeln bekannt. In Egeln hat sich mittlerweile ein fester Mitarbeiterinnenstamm entwickelt. Ganz so selbstverständlich ist dies auch nicht, denn der Start Anfang des letzten Jahres bedeutete für alle Neuland.

Mit dem Kauf des ehemaligen Schulgebäudes auf dem Pestalozziplatz gehen Sie natürlich große finanzielle Verpflichtungen ein. Hätte es nicht auch gereicht, wenn Sie die bisherige Praxis am Marktplatz ausgebaut hätten?

Wir platzen jetzt schon aus allen Nähten. In den jetzigen Räumen wären meine Vorstellungen nicht ansatzweise umsetzbar gewesen. Die Praxisräume am Markt sollen aber durch die Kinderarztpraxis weiter genutzt werden. Das alte Schulgebäude wird dann alles andere aufnehmen. Es passt hier einfach alles. Zum Beispiel wird es einen großen Parkplatz für unsere Patienten geben. Bei allen Baumaßnahmen achten wir außerdem auf Barrierefreiheit. Zurzeit ist es für unsere behinderten Patienten relativ schwer, in unsere Praxisräume zu gelangen. Diesen Missstand beseitigen wir mit dem neuen Gebäude gleich mit.

Wussten Sie eigentlich, worauf Sie sich eingelassen hatten, als Sie Anfang letzten Jahres nach Egeln kamen? Viele junge Ärzte zieht es in die Großstädte. Deswegen haben wir ja auch bundesweit einen großen Ärztemangel im ländlichen Raum zu beklagen. Ältere Hausärzte suchen händeringend nach jungen Nachfolgern für ihre Praxis, häufig erfolglos. Allein in Egeln sind in den letzten Jahren vier Hausärzte in Rente gegangen. Nur ein junger Arzt hat sich in der Vergangenheit in Egeln niedergelassen. Sollten Ihre Vorstellungen umgesetzt werden, müsste man sich in Egeln und in der Umgebung für lange Zeit keine Sorgen mehr um die medizinische Versorgung machen.

Natürlich wusste ich, was mich erwarten würde. Ich bin in einem Hausarzthaushalt in Hadmersleben aufgewachsen. Ich selbst bin überzeugte Landärztin und fühle mich in Egeln richtig wohl. Im ländlichen Raum hat man als Hausarzt einen ganz anderen Zugang zu seinen Patienten. Man kennt ihr Umfeld, häufig auch ihre Angehörigen.

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit Ihren Kollegen in der Region?

Das Verhältnis zu meinen Vorgängern in der Praxis und zu den anderen Kollegen in der Region hat sich wirklich positiv entwickelt. Insgesamt eine gute Basis für eine erfolgreiche Arbeit im Interesse der Bürger in der Verbandsgemeinde Egelner Mulde.

In den jetzigen Räumen wären meine Vorstellungen nicht ansatzweise umsetzbar gewesen.

Zu der guten Zusammenarbeit hat in letzter Zeit vor allem auch die gemeinsame Arbeit im Impfzentrum beigetragen, wo unter anderem auch Dr. Sens und Herr Rössner mitgemacht haben. Gemeinsam ist es uns gelungen, in kürzester Zeit allen Berechtigten ein ortsnahes Impfangebot zu unterbreiten. Im Rahmen von Hausbesuchen haben wir sogar die Patienten geimpft, die selbst nicht in der Lage waren, ins Impfzentrum zu kommen. An dieser Stelle möchte ich auch noch positiv die gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Verbandsgemeinde Egelner Mulde erwähnen. Sie hat uns einen großen Teil des bürokratischen und organisatorischen Aufwands abgenommen. Dafür bin ich ihnen auch sehr dankbar.

Julia Schukow, heute Milbradt, will sich in Egeln stärker engagieren. Unser Bild zeigt sie bei einer Teddy-Sprechstunde in der Kindertagesstätte "Rappelkiste" in Etgersleben.
Julia Schukow, heute Milbradt, will sich in Egeln stärker engagieren. Unser Bild zeigt sie bei einer Teddy-Sprechstunde in der Kindertagesstätte "Rappelkiste" in Etgersleben.
Foto: Kita Etgersleben