Fachkräftemangel

Erzieher: Wachsende Personalprobleme im Salzlandkreis

Der Bedarf an Fachkräften im Bereich Kinderpflege und Erzieher ist groß. Schon jetzt braucht es immer mehr Quereinsteiger. Die Urania in Staßfurt startet Ende August einen neuen Ausbildungskurs.

Von Enrico Joo 11.08.2021, 18:30
Erzieher werden im Salzland dringend gesucht. Die Urania in Staßfurt bietet eine Weiterbildung an.
Erzieher werden im Salzland dringend gesucht. Die Urania in Staßfurt bietet eine Weiterbildung an. Foto: Uwe Anspach/dpa

Staßfurt - Die Zahlen können alarmierend wirken. Sie sind auf jeden Fall besorgniserregend. „Im Bereich Kinderpflege und Erzieher ist jeder Zweite über 55 Jahre alt“, sagt Anja Huth, Chefin der Agentur für Arbeit im Salzlandkreis. „Wir stehen vor einer Riesenherausforderung und brauchen gute Lösungen. In fünf Jahren schon könnten die personellen Engpässe riesig werden“, so Huth. Im gesamten Bereich Erziehung, Sozialarbeit und Heilerziehungspflege sind im Salzland von 4448 Beschäftigten 1128 über 55 Jahre alt.

Die gesamte Branche steht vor schwierigen Zeiten und steckt schon mitten drin. Nicht nur in Deutschland und Sachsen-Anhalt, sondern auch um die Ecke im Salzlandkreis. Dabei gibt es schon jetzt einen Fachkräftemangel, der wohl größer werden wird. Derzeit gibt es 20 gemeldete Stellen im Salzland in diesem Bereich. „Das spiegelt aber nicht den tatsächlichen Bedarf wider“, erklärt Anja Huth. Der sei viel größer. Nicht jede Stelle würde der Arbeitsagentur gemeldet werden und auch nicht jede einzeln erfasst. Fakt ist: „Es gibt ein flächendeckendes Fachkräfteproblem“, so Huth. „Und im Arbeitslosenbestand ist kein Potenzial da, um die Stellen zu besetzen.“ Es wird mit Quereinsteigern gearbeitet. „Unsere Mitarbeiter weisen Arbeitssuchende daraufhin, dass in dem Bereich gesucht wird, wenn jemand Empathie hat“, sagt Huth.

Der Bildungsträger Urania in Staßfurt führt schon seit einigen Jahren Kurse durch, um das Problem zu bekämpfen. Am 30. August starten bei der Urania wieder Fortbildungen zum Kinderpflegehelfer mit Vorbereitung zur staatlichen Anerkennung des Kinderpflegers sowie nachfolgend zum Facherzieher.

Ausbildungskurs in Staßfurt

„Ziel der Bildungsmaßnahme ist die Vorbereitung zur staatlichen Anerkennung mit der Möglichkeit, als Helfer/in in der Kinderpflege und Unterstützungskraft in Kinder- und Jugendbereichen wie in der Kita, im Schulhort, im Kinder- und Jugendhilfezentrum (Kinderheim) oder in der sozialpädagogischen Einzelbetreuung tätig zu werden“, so die Urania. Der Kurs dauert elf Monate. Eine Kostenübernahme durch die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter ist möglich.

Seit Jahren besteht dabei die Nachfrage nach Kursen. „Das Interesse ist da. Teilweise ist die Entscheidungsfindung aber schwierig“, sagt Andrea Maindok, Geschäftsführerin der Urania in Staßfurt. Unsicherheiten stehen im Raum, die berufliche Veränderungen erschweren. Auch deshalb hatte die Urania zum Beispiel am 8. Juli einen Tag der Erziehung organisiert. Träger waren vor Ort in Staßfurt und haben darüber berichtet, wie schwierig die Personalakquise ist.

So berichtete auch Marion Stellfeld, Einrichtungsleiterin bei SOS-Kinderdorf in Bernburg, über die Situation beim Träger mit Einrichtungen in Bernburg, Calbe, Alsleben, Plötzkau oder Güsten. In den Wohngruppen für Kinder fehlt es an Erziehern. „Gerade in diesem Bereich ist es schwierig. Die Fachkräfte liegen nicht mehr auf der Straße“, sagt Stellfeld. Das liegt im Bereich „Wohngruppen“ auch an der Schichtarbeit. Hier gibt es eine 24-Stunden-Betreuung.

Für Marion Stellfeld liegt die Personalknappheit auch an politischen Entscheidungen, die Jahrzehnte zurückliegen. „Nach 1990 wurde die Erzieherausbildung drastisch zurückgefahren“, sagt sie. Das mache sich immer mehr bemerkbar.

Fachkräfte aus der Ukraine

Das SOS-Kinderdorf arbeitet auch mit Quereinsteigern. Schon jetzt gibt es um die zehn Quereinsteiger in Bernburg und Calbe. Auch Kinderpflegehelfer von der Urania könnten helfen. Das kann auch ein Einstieg zur Ausbildung als Erzieher sein, die das Kinderdorf auch berufsbegleitend anbietet. Insgesamt hat die Einrichtung in Bernburg 132 Mitarbeiter.

Ähnliche personelle Probleme im Bereich Kinderpflege und Erzieher gibt es auch beim Kinder- und Jugendhilfezentrum (KJHZ) in Groß Börnecke. Das KJHZ hat fünf Standorte und 85 Mitarbeiter. „Die Situation ist schwerer als noch vor ein paar Jahren“, sagt Leiter Sven Schulze.

Auch hier: Gerade in der Nachtarbeit braucht es mehr Personal. Drei Stellen sind offen. „Wir suchen Quereinsteiger. Herz und Kopf müssen dabei passen“, erklärt Sven Schulze. Heißt: Persönlichkeit und Empathie können entscheidend sein und manchmal sogar die berufliche Ausbildung schlagen. Kinderpflegehelfer könnten so nach einer gewissen Einarbeitungszeit durchaus auch im KJHZ eingesetzt werden.

Weil es sehr schwer ist, in der Region Erzieher zu finden, hat das KJHZ schon seit Jahren die Fühler nach Osteuropa ausgestreckt. „Wir werden in 2021 das dritte Mal bei einer Firmenkontaktmesse in der Ukraine sein“, erzählt Schulze. „Das ist ein Markt, den wir strategisch im Blick haben.“ Schon jetzt gibt es beim KJHZ drei ukrainische Mitarbeiter.

Was sich Sven Schulze wünscht: Eine gezielte Zuwanderung mit Fachkräften. Dann könnte eine Integration in die Mitte der Gesellschaft gelingen. „Die Verantwortung bei der Personalsuche sollte aber bei den Unternehmen liegen“, so Schulze. Dann könne das Arbeitsvisum auch mit einer Aufenthaltsgenehmigung verknüpft werden. Vielleicht ist das einer von vielen Wegen, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Oder wie Schulze sagt: „Es gibt einen ganzen Blumenstrauß an Ideen.“