Spende

Selbstverständlicher Lebensretter

Seit mehr als acht Jahren ist Stefan Beyer als Stammzellenspender registriert. Nun rettete er einer 54-jährigen Frau vermutlich das Leben.

Staßfurt l Stefan Beyer öffnet Menschen mit seiner Art und Weise, wie er mit ihnen umgeht. Das bringt vielleicht sein Job als Citymanager in Staßfurt so mit sich. Vielleicht ist Beyer aber auch nur ein grundsätzlich gefestigter und glücklicher Mensch mit langer Aufmerksamkeitsspanne. Stefan Beyer merkt jedenfalls sofort, wenn sein Gegenüber ein Problem hat. Auch bei Journalisten. Weil er auch seine kleinen Schwächen kennt. „Ich spreche schon wieder zu schnell, oder?“, fragt er noch. „Soll ich langsamer sprechen?“

An dieser Stelle sei gesagt: Der Autor weiß nicht, ob das Zitat wortwörtlich so gefallen ist, weil es wirklich nicht möglich war, alles mitzuschreiben. Sinngemäß ist das Zitat aber schon so gefallen. Die Fragerei des Stefan Beyer offenbart aber wieder einmal die positiven Charaktereigenschaften. Stefan Beyer hört zu, ist höflich, packt Probleme an und ist hilfsbereit. Beruflich und privat.

Beyer ist gerade einmal 33 Jahre alt, hat sich bereits im November 2012 als Stammzellenspender registrieren lassen. Und nun in 2020 hat er vermutlich ein Menschenleben gerettet. Ganz unauffällig und ohne viel Aufhebens. Weil Beyer eben auch nicht gern im Vordergrund steht. Tu Gutes und rede nicht darüber. Das könnte auch sein Motto sein.

Die gute Tat kam so: Stefan Beyer hatte sich zusammen „mit einem Kumpel“, wie er es sagt, vor mehr als acht Jahren bei der Deutschen Stammzellspenderdatei (DSD) registrieren lassen, weil es bei Bekannten einen Leukämie-Fall gab. „Dann ist lange nichts passiert“, erzählt Beyer. Im Sommer 2020 bekam er aber einen Brief. Seine Stammzellen werden gebraucht. Er musste sich entscheiden. Macht er's? Macht er's nicht? „Ich habe nicht eine Sekunde überlegt“, sagt Beyer. Nach Rücksprache mit der Familie entschied der zweifache Vater: Leben retten ist selbstverständlich.

Zunächst kam es jedoch nicht zur Spende. Die schwer erkrankte 54-jährige Frau hatte einen gesundheitlichen Rückschlag. Die Spende musste verschoben werden. „Anfang November kam dann die nächste Anfrage und dann ging es ganz schnell.“ Es gab Voruntersuchungen. „Hier wurde ich auf links gedreht“, sagt Beyer. Blut wurde entnommen, ein Ultraschall der Milz gemacht. Dann musste sich Beyer fünf Tage lang spritzen.

Zweimal morgens und einmal abends. So wird die Produktion der Stammzellen angeregt. Das machte was mit ihm. „Ich fühlte mich schlapp, hatte grippeähnliche Symptome. Die Milz schwoll bei mir auf 16 Zentimeter an“, erzählt Beyer. Normal ist die Milz zehn bis elf Zentimeter groß und schwillt vor so einer Spende auf 13 Zentimeter an.

Am Tag der Spende bekam er von seinem Arbeitgeber – der Stadt Staßfurt – frei. Oberbürgermeister Sven Wagner und Christian Schüler von der Wirtschaftsförderung mussten nicht darüber nachdenken. Beyer fuhr nach Dessau und musste fünf Stunden still liegen. An beiden Armen wurden venöse Zugänge gelegt. Erst fließt das Blut heraus. Es werden Stammzellen entnommen, dann fließt das Blut wieder zurück. Das Verfahren wird Apherese genannt. „Das ist wie eine Dialyse“, sagt Beyer. „Während der Spende wurde ich gut behandelt. Es gab Fernsehen, man konnte sich unterhalten.“ Der linke Arm sei steif gewesen, mit dem anderen durfte er aber zum Beispiel durchaus auch sein Handy bedienen.

Nach der Spende fühlte sich Beyer „klapprig und schwindlig. Auch weil ich kaum etwas gegessen und getrunken hatte“. Danach ging es ihm aber schnell wieder gut. Bis heute. Allein der Arm schmerzte etwas. Nur Sport macht der passionierte Läufer bis heute nicht. Davon wurde ihm abgeraten. Im Extremfall droht nämlich ein Milzriss. Trotzdem hatte er im Vorfeld in zwei Monaten fünf Kilo abgenommen, weil er in Vorbereitung auf die Spende seine Nahrung umgestellt und sich gesünder ernährt hatte. „Da werde ich am Ball bleiben“, betont Beyer.

Mittlerweile ist seine Milz wieder um drei Zentimeter kleiner geworden. Im Februar soll die Normalgröße wieder erreicht werden. Dann kann er vermutlich im März auch wieder Sport machen. Zwei- bis dreimal die Woche läuft Stefan Beyer, der mit seiner Familie in Freckleben bei Aschersleben wohnt und ursprünglich aus Bernburg kommt.

Den Namen der Stammzellen-Empfängerin kennt er bis heute nicht. Die Organisationen halten die Spenden bewusst anonym. Erst nach zwei Jahren können Spender und Patient Kontakt aufnehmen, wenn er gewünscht ist. Würde Beyer wieder spenden, wenn eine Anfrage kommt? „Jederzeit. Das ist für mich selbstverständlich“, sagt Beyer. Und diese Antwort kommt genauso schnell herausgeschossen wie alle anderen Antworten. Aber es klingt ehrlich. Stefan Beyer muss nicht lange überlegen, um dabei zu helfen, Leben zu retten. Er ist der selbstverständliche Lebensretter.

In Deutschland gibt es mehrere Organisationen, bei denen man sich als Stammzellenspender registrieren lassen kann. Die bekannteste ist die DKMS. Gerade in Sachsen-Anhalt bekannt ist aber auch die DSD, bei der auch Stefan Beyer angemeldet ist. Bei welcher der beiden großen Organisationen man sich anmeldet, spielt laut Beyer keine Rolle. Alle Registrierungen bei den verschiedenen Organisationen werden zentral gespeichert.