Friedhöfe

Urnenbegräbnis: Bestatter in Staßfurt protestieren gegen neue Regelungen

Kurz vor Schluss platzt die Bombe. Stadt und Kommunalpolitiker hatten ihre neue Strategie zu einem modernen Friedhofswesen in Staßfurt in trockenen Tüchern. Nun erklären die Bestatter öffentlich: Sie werden die Neuerung zur Urnenbestattung nicht mitmachen.

Von Franziska Richter
Gerhard Kahle  macht den Stadträten den Standpunkt der Bestatter klar. Sie tragen die Pläne zur Urnenbestattung nicht mit.
Gerhard Kahle macht den Stadträten den Standpunkt der Bestatter klar. Sie tragen die Pläne zur Urnenbestattung nicht mit. Foto: F. Richter

Staßfurt - Der Oberbürgermeister schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Verwaltungsmitarbeiter schauen sich mit offenem Mund an. Noch eine halbe Stunde wird emotional vor der Tür diskutiert, während die Sitzung im Dorfgemeinschaftshaus Hohenerxleben weiterläuft.

Ärger um neue Strategie für Friedhöfe in Staßfurt

Fast als Eklat kann man das Szenario am Montagabend im Bauausschuss des Staßfurter Stadtrats bezeichnen. Eigentlich hatten sich die Stadträte dort mit einem ganz tollen Thema zu befassen: Das Friedhofswesen in Staßfurt wird komplett umgekrempelt – attraktivere Friedhöfe, geringe Gebühren für Angehörige, moderne Bedingungen und sogar zwei Modellprojekte mit einer Art Friedwald und Landschaftsgärtner. Bis heute stören auf den Friedhöfen abgelaufene Gräber, hoher Pflegeaufwand und lange Grabzeiten.

Stolz waren Oberbürgermeister und Stadtverwaltung nach zwei Jahren endlich eine neue Strategie vorlegen zu können, die der Stadtrat vor Jahren gefordert hatte. Man hatte die Kommunalpolitik einbezogen, sogar eine Arbeitsgemeinschaft gegründet und jeden Winkel der Friedhöfe in Staßfurt und Ortsteilen gedanklich umgegraben.

Der Bestatter, der am Montagabend für Staunen sorgt, ist Ralf Kahle. Mit seinem Unternehmen „Pietät“ gehört er zu den alteingesessenen Bestattern in Staßfurt, ebenso wie Kaiser und Wetterling, für die er an dem Abend auch spricht.

„Wir werden das nicht machen“, sagt Ralf Kahle in aller Deutlichkeit vor den Stadträten. „Man kann uns das nicht überstülpen. Wir Bestatter müssen unsere Firmen erhalten.“ Heißt, die drei Bestatter aus Staßfurt wollen das Ausheben und Schließen neuer Urnengräber vor und nach einer Beerdigung nicht übernehmen, so wie es die Stadt jetzt von ihnen fordert.

Urnengruften können Bestatter nicht leisten

Hintergrund: Bisher führen die Bestatter zwar die Zeremonien bei einem Urnenbegräbnis durch. Das Ausheben der Urnengruft, das Zuschütten nach der Beerdigung und das Anordnen des Grabschmucks übernehmen aber die Mitarbeiter des Stadtpflegebetriebs. Weil diese während der ganzen Zeremonie stundenweise nur herumstehen können, bindet das Personal, das die Stadt lieber anderswo bei der Grünpflege sehen will. Daher sollen die Bestatter in Zukunft das Ausheben der Urnengruft übernehmen. Das klassische Grabausheben mit schwerem Gerät soll bei der Stadt bleiben.

„Diese neue Aufgabe rechnet sich für uns einfach nicht“, so Ralf Kahle. Die Urnengruft muss einige Tage vor der Beerdigung ausgehoben werden. Dazu braucht es extra Personal, ein extra Fahrzeug und Terminvereinbarungen mit einem Friedhofsmitarbeiter, der dem Bestattungshaus die Urnengrabstelle zeigen muss.

„Man hat uns schon damals in Egeln und Hecklingen mit dieser neuen Aufgabe überfahren“, so Kahle. Das Geschäft mit der Urnengruft lohne sich maximal in Großstädten. Die Stadt Staßfurt könne die Bestattungshäuser nicht zwingen.

Miteinander gesprochen, aber nicht geeinigt

„Wir haben das mit Ihnen und den anderen Bestattern besprochen und Ihnen die Alternativlosigkeit Ihres Neins erklärt“, sagt Susanne Epperlein von der Stadt am Montag zu Kahle. Die Bestatter müssten die Urnengruften in Zukunft ausheben, ob sie wollen oder nicht. „Wir haben aber Nein gesagt“, entgegnet Kahle. In Aschersleben, so wieder Epperlein, funktioniere es aber auch. Da bereite der Bestatter mit Extra-Fahrten alle neuen Urnengruften vorab vor.

Noch ein Zwiegespräch liefert sich der Oberbürgermeister Sven Wagner mit Kahle: „Es waren Bestatter bei unserer Besprechung dabei, die Okay gesagt haben.“ Man wolle als Trauender alles aus einer Hand. Kahle bleibt bei seinem Nein. Die Bestatter litten unter Personalmangel, nicht gezahlten Rechnungen, zu wenig Aufträgen.

Kahle betont: Sein Auftritt geht nicht gegen die Stadt. Er wäre sogar froh, wenn die Stadt eine externe Firma fände, die rein das Ausheben der Urnengruften übernimmt.

Stadträte sind sich jetzt unsicher

Am Montagabend wird klar: Unter dem Protest dieser drei traditionellen Bestatter aus Staßfurt kann man die neue Friedhofsstrategie kaum beschließen. Einfach die Sache mit den Urnen belassen wie sie jetzt ist gehe laut Verwaltung auch nicht, dann stimmten die neuen Gebühren wieder nicht.

Mit all diesen Unklarheiten könne man nicht weiter arbeiten, meint am Montag nicht nur Fred Hänsel (Die Linke). Siegfried Klein (CDU) fasst zusammen: „Ich dachte eigentlich, dass das klar geht. Aber ein Nein unserer Bestatter müssen wir akzeptieren, nicht dass sie von Firmen von außerhalb verdrängt werden.“ Ulrich Leubeling (Grüne) kontert mit „freier Marktwirtschaft“.

Die 150 Euro, die die Stadt jetzt für Urnengruften einnimmt, würden dann die Bestatter von den Angehörigen bekommen. Matthias Büttner (AfD): „Ich kenne keinen Unternehmer, der Mehreinnahmen zu geringem Aufwand einfach so ausschlägt. Für mich ist die Argumentation von Herrn Kahle plausibel.“

Die Stadträte im Bauausschuss vertagen das Thema am Montag. Stadt und Kommunalpolitik müssen nun aus der Pattsituation herauskommen.

Auf Staßfurts Friedhöfen, hier Hecklinger Straße, könnte man sparen, wenn die Bestatter die Urnengruften in Zukunft selbst ausheben würden.
Auf Staßfurts Friedhöfen, hier Hecklinger Straße, könnte man sparen, wenn die Bestatter die Urnengruften in Zukunft selbst ausheben würden.
Foto: F. Richter