Stendal l Als sich im Dezember die Sensation andeutete, wollten die Archäologen noch nicht so recht raus mit der Sprache. Die Vermutung lang nahe, dass sie bei ihren Grabungen am Kornmarkt auf Reste einer steinernen Markthalle gestoßen waren, die bereits Ende des 12. Jahrhunderts errichtet worden war. Einer der ältesten Funde dieser Art nicht nur in der Region, europaweit. Es seien allerdings noch weitere Untersuchungen notwendig. Bei einer Informationsveranstaltung im Januar werde es weitere Einzelheiten geben.

18.000 Ziegelsteine verbaut

Darauf warteten die Zuhörer am Dienstagabend gespannt im vollbesetzten Festsaal des Rathauses. Grabungsleiter Manfred Böhme ging chronologisch vor, erklärte erst die Grabungen im Zuge der Sanierung des Birkenhagens und der Neugestaltung der Marienkirchstraße. Damit interessierte er die Fachleute, aber die Mehrheit wollte etwas anderes wissen. Das Landesamt für Archäologie hatte ganze Arbeit geleistet, und Grabungsleiter Manfred Böhme konnte verkünden: „Es handelt sich in der Tat um ein Kaufhaus aus dem Jahr 1188.“ Das Gebäude war etwa 50 Meter lang und zwölf Meter breit. „Man kann davon ausgehen, dass es etwa 30 Verkaufsstände gab“, sagte Böhme. Das Sensationelle an dem Fund ist somit nicht nur das Alter, sondern auch die Größe.

Hochgerechnet bestand das Kaufhaus aus 400 Kubikmetern Ziegelwerk. Das sind 18 000 Ziegelsteine. Um sie zu brennen, waren wiederum 300 bis 350 Wagenladungen Lehm notwendig.

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Von zentraler Bedeutung

„In Mitteleuropa hatten Kaufhäuser eine zentrale Bedeutung für die Stadtentwicklung“, ordnete er den Zusammenhang ein. Und es habe nur wenige Markthallen gegeben, in denen mehr Stände zu finden waren. Die bislang gefundenen Überreste wie Scherben oder Becher deuten darauf hin, dass in Stendal Luxusartikel verkauft wurden. Gefunden wurden auch Spielsteine. Damit haben sich die Händler die Zeit vertrieben, wenn der Andrang mal nicht so groß war. Es wurde in der Halle auch gegessen. Eierschalen, die gefunden wurden, deuten darauf hin. Auch Mäusezähne wurden gefunden. „Mäuse wurden allerdings nicht gegessen“, beruhigte Böhmer.

Gut möglich, dass auch Menschen aus der Region Magdeburg oder Berlin damals zum Einkaufen nach Stendal kamen. Dort gab es noch nicht solche Markthallen und über das damalige Einkaufsverhalten sagte Böhme: „Das war dem heutigen nicht unähnlich, wenn man etwas Besonderes wollte, hat man auch lange Wege in Kauf genommen.“

Fortsetzung der Grabungen

Bei den Grabungen am Kornmarkt wurden zehn Prozent des Kaufhauses freigelegt. Mit noch weiteren Ergebnissen wird bei den archäologischen Grabungen gerechnet, die vor der Sanierung des Marktplatzes stattfinden werden. Sie sollen am 1. März beginnen und Ende Mai, noch rechtzeitig vor dem Rolandfest, abgeschlossen sein. Nach dem Fest soll die Sanierung beginnen.