Stendal l Als sich Marlon Luis Alfonso Castro (23) und Marius Heinhaupt (15) auf dem Campus der Stendaler Hochschule begrüßen, hat das einen freundschaftlichen Charakter. Keinerlei Förmlichkeit liegt in der Luft, wenn der Student und der Schüler sich begegnen. Stattdessen lockerer Smalltalk. Die vergangene Woche lassen sie Revue passieren, machen ihre Späße. Wüsste man es nicht besser, würden man meinen hier treffen sich zwei Kumpels, die schon seit eh und je ihre Zeit miteinander verbringen.

Ganz so unkompliziert ist es dann doch nicht. In gewissem Sinne haben die Treffen einen offiziellen Anlass, obwohl sich das keinesfalls so anfühlt. Es ist nämlich so, dass Marlon Castro, gebürtiger Kubaner und seit fünf Jahren in Deutschland, eine Art Helfer für den Schüler ist. Oder um die korrekten Bezeichnungen zu verwenden: Marlon ist der Mentor, Marius der Mentee. Das Konzept geht dabei über reine Nachhilfe hinaus. Zusammengefunden haben die beiden über den Verein „Rock your Life!“.

Perspektiven zeigen

In Friedrichshafen vor zehn Jahren gegründet, um sich für mehr Bildungsgerechtigkeit einzusetzen, existiert in Stendal seit etwas mehr als einem Jahr ein Ableger. Das Ziel: Studenten unterstützen Schüler ein Stück weit im Alltag, helfen bei Problem in der Schule und bei der Suche einem Ausbildungsplatz. Den Heranwachsenden werden Perspektiven aufgezeigt, sie erhalten Orientierung. Die Mentoren sind da, wenn Gesprächsbedarf besteht. Treten Probleme auf, wird zusammen nach Lösungen gesucht. Worauf „Rock your Life“ Wert legt: Die Beziehung zwischen Student und Schüler soll nicht zu hierarchisch sein. Auf Augenhöhe sollen sich die Paare begegnen. Bisher arbeitet der Verein in Stendal mit der Comenius-Schule zusammen.

Dort haben sich Marlon Castro und Marius Heinhaupt kennengelernt. Damals stellten sich alle potenziellen Mentoren bei einer Art Speeddating den interessierten Jugendlichen vor. „Er sah einfach am coolsten aus, deshalb habe ich mich für ihn entschieden“, begründet der 15-Jährige, weshalb er diesen Mentor ausgewählt hat. Mit seiner etwas wilderen Haarpracht und seinem lässigen Auftreten überzeugte der Student Betriebswirtschaftslehre (BWL).

Seit Januar treffen sich die beiden nun einmal pro Woche. Manchmal auch zweimal. Je nach dem, was so ansteht. Meist gehen sie dann spazieren, häufig am Stadtsee. Zwanglos soll ja die Atmosphäre sein.

Zweimal sind sie schon essen gegangen. Wichtig sei, dass die Treffen an einem neutralen Ort stattfinden, betonen beide. Wenn die Ferien beginnen, ist ein Ausflug nach Berlin geplant. So denn Marius Heinhaupt endlich seinen Schülerausweis aus dem Sekretariat abholt.

Und da sind sie schon bei einem Thema, über das sie häufiger reden: Hin und wieder braucht der Mentee einen kleinen Anstoß von außen, um Dinge zu erledigen, die er sich schon länger vorgenommen hat. „Marius ist keinesfalls schlecht in der Schule. Manchmal vielleicht unstrukturiert und ein bisschen zu faul“, schätzt Marlon Castro ein.

Auch der Mentor profitiert

Das lasse sich aber schnell ändern, war der Mentor überzeugt. Über das geeignete Mittel war er sich rasch im Klaren. Ein exakter Lehrplan würde mit hoher Wahrscheinlichkeit Abhilfe schaffen. Die Methode hatte Marlon Castro bereits in ähnlicher Funktion in Spanien ausprobiert. Und siehe da: In einigen Fächern verbesserte sich sein Schützling tatsächlich. „Wichtig dabei war, dass Marius sich für die Veränderung geöffnet hat“, schätzt der Mentor ein. Überzeugungskraft lieferte seine Erfahrung als Student. Glaubhaft vermittelte er, dass Erfolg an der Hochschule nur mit einer gewissen Portion Fleiß möglich sei.

Falsch liegt, wer glaubt, dass die Treffen einen Einbahnstraßencharakter haben. Klar stehe das Fortkommen des Schützlings im Vordergrund, er selbst profitiere jedoch genauso vom Austausch, betont Marlon Castro. Einerseits ganz, weil er durch die Gespräche sein Deutsch verbessern könne. Andererseits auf einer persönlichen Ebene, weil ihm das soziale Engagement schlicht und einfach Spaß mache. „Ich studiere BWL. Da dreht sich alles um Zahlen. Ich möchte aber auch auf eine ganz andere Art Kontakt zu Menschen pflegen“, sagt der Mentor. Auf speziellen Trainings würde er außerdem lernen, wie er am besten mit seinen Mentees umgeht. Das würde ihm später auch im Berufsleben sicherlich weiterhelfen, ist er sich sicher.