Stendal l Zur Begrüßung gab es Küsschen. Nein, die Hanseatische Eisenbahngesellschaft (Hans) brachte nicht die Bussi-Gesellschaft nach Stendal, sondern Ferrero Küsschen. Und es gab nicht nur Süßes, sondern auch Zahlen, die teilweise mit einer säuerlichen Miene herübergebracht werden mussten. Hans-Geschäftsführer Ralf Böhme räumte ein, dass seit der Übernahme der Strecken von Stendal nach Tangermünde und nach Rathenow am 9. Dezember nicht alles reibungslos gelaufen war. Im Dezember habe die Erfüllungsquote bei 98,8 Prozent gelegen, inzwischen sei man im laufenden Monat bei 96 Prozent angelangt. „Das sind natürlich immer noch nicht 100 Prozent und die bleiben unser Anspruch“, betonte Böhme.

Während sich die Prozentzahlen gar nicht so schlecht anhörten, machten die absoluten Zahlen, die Rüdiger Malter, Geschäftsführer der Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt, dagegenhielt, einen anderen Eindruck. „Am Anfang war es schon ganz schön rumpelig, insgesamt 80 Fahrten sind ausgefallen“, zählte er auf. Das relativiere sich allerdings auch wieder, wenn man bedenkt, dass es zwischen Stendal und Tangermünde 36, zwischen Stendal und Rathenow 20 Fahrten am Tag gibt.

Kurzfristige Lieferungen sorgten für Probleme

Die Eisenbahn sei ein sehr komplexes System, erläuterte Böhme. Nachdem die Entscheidung 2017 für Hans getroffen worden war, seien die Vorbereitungen angelaufen. Auch wenn die Gesellschaft bereits seit über 20 Jahren Erfahrungen im Personenverkehr habe, seien es doch immer wieder neue Herausforderungen. Derzeit seien es die Kapazitäten an Fahrzeugen und Personal. Hans habe gebrauchte Fahrzeuge übernommen, bei einer Vertragslaufzeit von vier Jahren wäre es „wirtschaftlicher Irrsinn“ Neufahrzeuge zu kaufen. Die gebrauchten Triebwagen seien teilweise aber erst sehr kurzfristig geliefert worden, hätten noch Softwareanpassungen gebraucht. Beim Personal sei die Hanseatische besser dran gewesen als „unser großer Nachbar“.

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Der große Nachbar, Malter nannte das Unternehmen Abellio beim Namen, sei nicht der Einzige mit Personalproblemen. „Das ist ein Branchenproblem, das sich nicht nur auf Sachsen-Anhalt oder Deutschland beschränkt, sondern wahrscheinlich europaweit verbreitet ist, da kommt noch einiges auf uns zu“, meinte er. Junge Leute würden kaum noch etwas über den Beruf des Lokführers wissen, würden auch von den Negativschlagzeilen abgeschreckt.

Mit Leib und Seele Eisenbahnerin ist Sina Plogmann, die seit 14 Jahren Zugbegleiterin ist. Die gebürtige Osnabrückerin liebt die Ruhe auf den altmärkischen Strecken, seit November ist sie bei Hans, war vorher auch bei DB Regio, unter anderem mit dem RE1, der mitten durch Berlin, von Wannsee zum Ostbahnhof, führt. „Wenn morgens die Pendler in Berlin in den Zug strömen, ist das eine ganz andere Hektik als hier“, erzählte sie. Sie könnte sich gut vorstellen, bis zur Rente zwischen Stendal und Tangermünde zu pendeln.

Direkte Regionalbahn von Stendal nach Berlin

Bereits seit über 40 Jahren Eisenbahner ist Gerald Buttgem der seit vier Jahren Triebwagenfahrer bei Hans ist. Und das nicht nur in der Altmark, sondern im gesamten Liniennetz, das auch über Brandenburg hinausführt bis Waren/Müritz. Gelernt hat der Wittenberger etwas Anderes bei der Bahn – Eisenbahnbau. Und der Beruf führte ihn viel weiter als bis an die Müritz. Er war „überall in der Welt“, Taiwan und Israel sind zwei Beispiele.

Da Hans seit Anfang Dezember auch die Strecke Stendal-Rathenow bedient, war auch der Abteilungsleiter Vergabe des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, Thomas Dill, mit an Bord. Und er hatte eine Neuigkeit mitgebracht: „Unser Ziel ist es, von Stendal nach Berlin durchzufahren“. Bislang muss im Regionalverkehr noch in Rathenow umgestiegen werden.