Stendal l Im Rahmen der Frühjahrstagung des 1836 gegründeten Altmärkischen Vereins für vaterländische Geschichte zu Salzwedel im Musikforum Katharinenkirche in Stendal erfuhren Mitglieder und Gäste in dem Vortrag „Der Markt und das Stendaler Kaufhaus im 12. und 13. Jahrhundert“ von Manfred Böhme Erstaunliches über die Ergebnisse und Auswertungen der Grabungen auf dem Stendaler Marktplatz.

Manfred Böhme leitete 2016 die Grabungen und wertete die Funde im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt aus. Inzwischen steht fest, in Stendal gab es nicht nur das älteste Kaufhaus nördlich der Alpen, sondern auch eines der größten und bedeutendsten, das zum Vorbild ähnlicher großer Bauwerke und Handelszentren wurde. Wie das Kaufhaus einst aussah, wurde mit genauen Beschreibungen und mit vielen bildlichen Vergleichen sehr gut veranschaulicht.

Selbst Knochensplitter wurden gefunden

Zunächst beschrieb Manfred Böhme die Nutzung und Gestaltung des Marktplatzes in der Zeit von 1160 bis 1260. Anhand der Beschaffenheit verschiedener Grabungsschichten und der darin enthaltenen Materialien und Artefakte kann er nicht nur viele Details erkennen, sondern ein riesiges Szenarium eines lebendigen mittelalterlichen Markttreibens vor Augen führen.

Erstaunlich sind die Vielfalt der Waren, die Organisation der reichhaltigen Marktabläufe mit Verkauf, Handel und Reparatur sowie die baulichen Verbesserungsmaßnahmen. Um das Jahr 1160 stellte Markgraf Albrecht das Privileg zur Gründung einer Marktsiedlung in Stendal aus.

Man hatte einen Platz ausgesucht, der 20 Zentimeter höher lag als das feuchte Siedlungsgebiet und dort Gräben zum Entwässern und zum Begrenzen von Zufahrtswegen und Handelsbereichen angelegt. Durch die äußeren Begrenzungsgräben wurde die noch heute Gestalt gebende Platzform geprägt. Hinter diesen Gräben wurden Parzellen angelegt, die dann bebaut wurden.

Es gab große Viehmärkte

In Grabungsschichten, die zwischen 1165 bis 1175 zu datieren sind, deutet gefundener Dung darauf hin, dass alle paar Jahre große Viehmärkte stattfanden. Konzentrationen von Knochensplittern deuten auf Knochenhauer, also Fleischer. Alle Gewerke waren vertreten.

Keramik wurde gefunden. Materialien wie Leder, Textilien, Blei, Silber, Holz und Bein verarbeitete man nicht nur zu Alltagsgegenständen, sondern auch zu begehrten Schmuckwaren und Luxusartikeln. Stendals Markt lockte damit Kunden von fern her.

Eines der frühesten profanen Ziegelbauwerke

Als 2015 zunächst der Kornmarkt saniert wurde, dessen Straßenverlauf an den Marktplatz angrenzt, da wurden erstmals Bebauungsreste einer großen Markthalle freigelegt. Es zeigte sich, dass sich die längliche Anordnung an der Bauflucht der Marienkirche orientierte.

Der Bau des Gebäudes muss sich über viele Jahre hingezogen haben. Es muss eines der frühesten profanen Ziegelbauwerke Norddeutschlands gewesen sein. Man fand bis zu sieben Lagen des originalen Mauerwerkes.

Entwässerungsgräben um Marktplatz

Den Rohstoff Lehm für das Brennen der Tonziegel entnahm man dem Grundmoränenboden des Ungelinger Berges. Kalkknollen sammelte man von den Feldflächen. Im mittleren Bereich des lang gestreckten Baus legte man die Bauhütte an. Dort befanden sich ein Sandlager, eine Kalklöschanlage, eine Mörtelmischanlage und ein Ziegeldepot. Ein Zaun sollte die Baustelle vor Diebstahl schützen.

Das Kaufhaus wurde 1185 fertiggestellt. Zwischen 1210 und 1240 war es 50 bis 60 Meter lang. Vier nun parallel verlaufenden Entwässerungsgräben, deren stabilisierendes Weidengeflecht noch zu finden war, lassen eine sensationelle Vermutung zu. Zwei Gräben verliefen an den Längsseiten des Kaufhauses.

Die anderen beiden an der Ostseite des Marktes könnten die Vorbereitung für die Errichtung eines zweiten riesigen Gebäudes gewesen sein, zumal im Jahre 1227 die Marktrechte für den Platz an die Stadt übertragen wurden.

30 gemauerte Verkaufsstände

Das Kaufhaus enthielt 30 gemauerte Verkaufsstände, zwei Reihen mit jeweils 15 Ständen, deren Eingänge und Verkaufsöffnungen nach außen wiesen und die in der Mitte der Länge nach durch eine Mauerwand getrennt waren. Zu einem durchgängigen Obergeschoss hatte jeder Händler Zugang über eine Leiter aus seinem Laden.

Die dort befindlichen Lager waren vermutlich nur durch Bretterverschläge oder Textilabspannungen getrennt. Weiterhin existierten viele mobile Markt- und Handwerksstände außerhalb des großen Ziegelbaus. Stendal stand in der Blüte seiner Handelskraft.