Stendal l Im Nebenjob Hoteldirektor? Markus Schuchardt lacht. Der 33-jährige Ingenieur für Fahrzeugtechnik arbeitet in Wolfsburg in der Geschäftsführung eines Entwicklungsdienstleisters für Elektronikkomponenten, ist mit seiner Frau und den beiden Kindern in Lehre, neun Kilometer von der Automobilstadt entfernt, zu Hause und an den Wochenenden fast ständig in Stendal. „Mit großer Leidenschaft“, wie er sagt und fügt mit dem Fingerzeig auf den großen Plattenbau hinzu: „Eigentum verpflichtet.“

Markus Schuchardt hat zur Jahreshälfte 2017 das Hanse-Hotel am südöstlichen Stadtrand in der Industriestraße gekauft und modernisiert es seither bei laufendem Betrieb Stück für Stück grundhaft. Dabei macht er fast alles selbst, von Kindheit an sei ihm allerhand beigebracht worden. „Ich probiere noch heute vieles selbst aus, zuletzt das Tapezieren. Mit Erfolg, doch ausruhen gelte für ihn nicht.

Sportliche Zielvorgabe

Ein hartes Stück Arbeit liege noch vor ihm, um sein „Nahziel“ zu erreichen: Wenn im nächsten Jahr die Wirtschaftsjunioren der Altmark die größte Konferenz Mitteldeutschlands, kurz Mirko genannt, in Stendal austragen, „möchte ich voller Stolz mein Hotel jedem zeigen können“.

Wo der gebürtige Rathenower noch „Reserven“ sieht, macht er gleich im Fahrstuhl deutlich. Der Charme vergangener Zeiten ist unverkennbar, immerhin habe der Lift schon fast 30 Jahre auf dem Buckel. „Im September kommt endlich der neue Aufzug“, sagt Schuchardt und zeigt beim Rundgang mit der Volksstimme durch das Haus als Pendent die Räume, die bereits seine Hasndschrift und die seiner Ehefrau tragen: Modern und stilvoll eingerichtet erscheinen Rezeption, Frühstücksraum, zwei Flure und schon einige der 24 Hotelzimmer.

Zur Wende platzte der Plan

Das sechsstöckige Gebäude wie auch der baugleiche Block nebenan wurden 1989 als Lehrlingswohnheime für die Betriebsberufsschule für Erdgasförderung gebaut, doch als solche nie genutzt. Mit der Wende platzte der Plan. Etwa 1992 habe Edeka Minden-Hannover beide Häuser erworben und zu Gästeunterkünften umgebaut. Aus Wirtschaftlichkeit seien dann Pächter ins Boot geholt worden. „Einen Block pachtete mein Vater vor zehn Jahren und baute dort ein Kinderheim auf“, berichtet der Sohn. Der zweite Block blieb Gästeunterkunft, unter demNamen Hanse-Hotel.

Als dann 2017 die Supermarktkette seine vor Jahren schon erworbene und immer wieder aufgeschobene Abrissgenehmigung anwenden wollte, griffen die Schucharts zu. Während Axel Schuchardt in seinem Haus das Kinderheim führt und es auch für Intensivpflege von Koma-Patienten genutzt wird, ist der Junior sozusagen über Nacht Hoteldirektor geworden. „Obwohl ich davon null Ahnung habe“.

In erster Linie sei es den Schuchardts darum gegangen, den Abriss zu verhindern. „Das war auch im Interesse der Stadt, die uns bei unseren Bemühungen bestärkt hat“, erinnert sich der 33-Jährige. Der Kaufpreis, den er nicht nennen möchte, habe gepasst. „Es geht mir nicht darum, reich mit dem Hotel zu werden“, sagt der aufgeschlossene junge Familienvater. Vielmehr sehen er und seine Frau sich in der Pflicht, das Hanse-Hotel zu entwickeln.

Noch einmal 200.000 Euro nötig

Gut 200.000 Euro seien schon investiert worden, „die gleiche Summe wollen wir erneut hineinstecken“. Nach all den Entrümpelungsarbeiten, bei denen Freunde tatkräftigt geholfen haben und der Dachsanierung, müssten beispielsweise die Fassaden der Balkone gereinigt und die Fernsehanlage im Haus erneut werden. Auch soll weiter das alte Mobilar aus den Zimmern verschwinden. „Die Renovierungen werden mich noch eine ganze Weile beschäftigen“, sagt Schuchardt.

Der Schnitt der typischen WBS-70-Wohnungen gefalle ihm. „Da hat die DDR mal richtig was Gutes gemacht“, sagt Schuchardt mit einem verschmitzten Lächeln, wobei er es dann doch sehr ernst meint. Immerhin könne er Hotelzimmer mit einer Größe von 32 Quadratmetern anbieten, mit kleiner Küche. „Ja, da bestehe ich drauf, denn es ist für Dauermieter wie auch Monteure und Dienstreisende einfach praktischer, wenn sie sich selbst versorgen können. Und wenn es nur die Flasche Bier zum Feierabend ist.“ Zumindest habe er diese Erfahrung schon gemacht.

„Und wenn ich mir unsicher bin, frage ich meine Mitarbeiterinnen.“ Zwei Voll- und zwei Teilzeitbeschäftigte hat Markus Schuchardt angestellt. Sie verstehen ihr Fach und arbeiten zum Teil schon mehrere Jahre im Haus. So kann es sich der Chef leisten, unter der Woche aus der Ferne das Hotelgeschäft zu führen, zumal „wir alles digitalisiert haben und ich ja noch telefonisch erreichbar bin“.

Jeder hat seinen Flur

An den Wochenende wird dann wieder im Hotel gewerkelt, oft mit seiner Frau gemeinsam. Nicht immer seien sie einer Meinung bei der Ausgestaltung, zum Beispiel bei den Fluren. „Wir haben uns geeinigt, jeder bekommt seinen und darf selbst bestimmen, welche Bilder an die Wand kommen“, sagt der Familienvater und verrät: Bei ihm seien es Autos, bei ihr Motive aus der Luft- und Raumfahrt.

Und gibt es ein gemeinsames Hobby außer dem Hotel? „Segeln“, sagt Markus Schuchardt ohne zu zögern, „mit ihrer kleinen Jolle auf dem Tankumsee bei Gifhorn.“ In diesem Sommer vielleicht das erste Mal mit ihren beiden kleinen Kindern.