Stendal l „Am liebsten möchten wir ausziehen, aber der Aufwand ist zu groß“, bedauert das ältere Ehepaar Michael und Sabine Müller. Auch ihre Nachbarin Ingrid Bleil ist nicht begeistert darüber, was hinter dem Haus im drei Hektar großen Innenhof aktuell passiert. Alle wohnen seit über 40 Jahren in einem fünfgeschossigen Wohnblock in der Friedrich-Ebert-Straße in Stendal.

Der Stendaler Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark (WBGA) gehört das Wohnquartier im Stadtsee. Grund für ihr Entsetzen ist der Kahlschlag der Bäume hinter dem Haus auf der Fläche zwischen der Friedrich-Ebert-, August-Bebel- und Dr. Kurt-Schumacher-Straße.

„Wir wohnen jetzt richtig in der Platte und gucken nicht mehr ins Grüne“, ärgert sich Sabine Müller und zeigt von ihrem Balkon aus auf den elfgeschossigen Wohnblock gegenüber, der sich in der Dr. Kurt-Schumacher-Straße befindet. Der Wohnblock wurde vor kurzem saniert.

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Wohnqualität hat sich verschlechtert

Zuvor sei es ein schönes Wohnen gewesen, meinten die drei Mieter einstimmig, aber im Februar 2020 wurden die ersten Umgestaltungsmaßnahmen in Angriff genommen. „Wir sind nicht gegen eine Umgestaltung generell, sondern gegen die Beseitigung der Bäume, Sträucher und Hecken“, bekräftigt Ingrid Bleil, die dort hinter dem Wohnblock gern mit ihrem Hund spazieren ging.

„Man will ja nicht nur meckern“, sagt Michael Müller. „Aber wir würden uns nicht wundern, wenn keiner mehr zum Stadtsee ziehen will“, fügt sie hinzu. Dieser Kahlschlag verschlechtere für die Mieter die Wohnqualität.

Nach Aussagen der Senioren habe es sich um einen gesunden Baumbestand gehandelt. „Die Bäume hätte man mit einbinden können“, fordert Michael Müller. Viele Bewohner seien für einen Erhalt der Bäume gewesen, da sind sich die drei einig. Die Bäume hätten den Mietern nicht nur Sicht-, sondern auch Lärmschutz geboten. Das fällt jetzt weg.

Außerdem beschweren sie sich darüber, dass die Genossenschaft die Anwohner nicht ausreichend informiert habe. „Erst durch einen Artikel in der Volksstimme wurden wir informiert“, behauptet Sabine Müller. Die drei Mieter hätten sich ausreichende Informationen im Vorfeld, Berücksichtigung der Vorschläge der Anwohner und eine Abstimmung gewünscht.

Doch was soll auf dem Areal hinter der Friedrich-Ebert-Straße genau passieren? Dazu fragte die Volksstimme bei der WBGA nach und konfrontierte den Geschäftsführer, Lars Schirmer, mit den Vorwürfen der Mieter.

Er könne verstehen, dass sich einige Mieter über die aktuelle Situation aufregen, denn schließlich sei ein gewisser Charme durch das fehlende Grün weg. Das Gelände sei jedoch nach dem Rückbau des alten Schulkomplexes sich selbst überlassen gewesen. Die Anwohner hätten sich bei der WBGA über Hundekot, Müll und zu wenig Parkplätze beschwert, zählt Schirmer auf. Durch einen Tausch mit der Stadt habe die Genossenschaft die Fläche in ihren Besitz bringen können. „Das Gelände soll zu einer Begegnungsstätte werden und ein sauberes, sicheres und zeitgemäßes Wohnumfeld bieten“, hofft Schirmer.

Nach der Vermessung des Geländes sei jeder einzelne Baum geprüft worden, ob er krank sei oder nicht. So blieben an zwei Stellen die alten Bäume erhalten und würden ins Gesamtbild integriert. „Wir werden rund 100 Bäume neu pflanzen, sodass es letztendlich mehr Bäume geben wird als zuvor“, sagt Schirmer. Es sollen unter anderem Linden, Ahorne oder Zierkirschen im jungen Stadium gepflanzt werden. Zudem seien Hecken, Sträucher und Blumenbeete geplant.

Spielbereich für alle Altersklassen vorgesehe

Nach dem Kahlschlag werden neue Wege, Straßen und Parkflächen an der Stadtseeallee und an der Dr. K.-Schumacher-Straße errichtet. Zudem entstehen an der Friedrich-Ebert-Straße große Spielbereiche für Kinder bis drei Jahren und für Kinder ab drei Jahren. Alle Spielgeräte werden individuell geplant und aus Naturmaterialien hergestellt. Neben dem großen Spielbereich werden die Bänke mit einem speziellen Fitness-Gerät für die Senioren ausgestattet. Dieser Abschnitt soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. „Bisher sind wir im Zeitplan“, bestätigt Lars Schirmer.

Für das kommende Jahr sind an der August-Bebel-Straße ein Indoor-Spielplatz und ein Nachbarschaftszentrum geplant. Dort ist eine Tagespflege, einen Friseur- und Kosmetiksalon und eine Apotheke vorgesehen. Zudem sollen Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, die die Anwohner für eine Familienfeier nutzen können. „Jedoch gibt es dazu noch keine konkreten Baupläne. Wir haben lediglich Entwurfsplanungen entwickelt“, erklärt Monique Beese, Bauingenieurin. In diesem Stadium der Planung befinden sich auch die Senioren-Wohnanlagen an der Stadtseeallee.

Die Kritik der Mieter, dass sie zuvor nicht ausreichend informiert wurden, weist Schirmer zurück und gibt an, dass die Genossenschaft Anfang Juni in ihrer Mitgliederzeitung eine Zeichnung des Spielplatzes veröffentlicht habe. „Wenn Anwohner Fragen haben, können sie gerne zu uns kommen. Wir haben uns lange Gedanken über das Konzept gemacht und versucht, die Anregungen der Mieter zu berücksichtigen. Wir möchten, dass das Projekt ein Erfolg wird und eine Begegnungsstätte für Jung und Alt entsteht“, so Schirmer.