Kita

Bei der Notbetreuung wird es eng

Die immer weiter gefasste Notbetreuung stellt Kitas auf die Probe. Ein Balanceakt zwischen Hygiene und kindgerechter Betreuung.

Von Von David Boos

Stendal l So groß die Freude vieler Eltern gewesen sein mag, als die vierte Eindämmungsverordnung den Anspruch auf Notbetreuung in Kindertagesstätten um viele Berufsgruppen erweiterte, so ernüchternd kann es dieser Tage sein, wenn die Kitas an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen und manche Eltern sich womöglich nach anderen Lösungen für ihre Kinder umsehen müssen.

So weit ist es bei der Kita „Abenteuerland“ in Stendal, die zur Borghardtstiftung gehört, noch nicht. Momentan besuchen 31 Kinder die Kita, Anspruch hätten laut Kitaleiter Bernd Mitsch allerdings bereits 70 der insgesamt 84 gemeldeten Kinder. „Bei solchen Zahlen könnten wir schon bald an die Grenzen unserer Kapazitäten kommen“, so Mitsch. Denn man unterliegt strengen Auflagen. Kinder dürfen höchstens in Fünfergruppen betreut werden, Räume müssen mindestens fünf Quadratmeter pro Kind bieten. Das schränkt die Möglichkeiten enorm ein.

„Wir haben maximal neun Räume, die diesen Auflagen entsprechen“, sagt der Kitaleiter, „somit könnten wir zum jetzigen Zeitpunkt maximal 45 Kinder betreuen.“ Seit Eingang der neuesten Eindämmungsverordnung und der damit einhergehenden Lockerung der Notbetreuungsbestimmungen besuchen konstant mehr als 25 Kinder die Kita, Tendenz steigend.

Der Erlass des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration vom 17. April lässt einigen Interpretationsspielraum, zum Beispiel, wenn in Paragraph 2, Absatz 2, die Rede davon ist, dass Kinder in einer „möglichst nahegelegenen Einrichtung“ betreut werden sollen, falls die Überschreitung der Kapazitäten nicht nur „für wenige Tage“ stattfindet. Wieviele Tage das sind, ist nirgendwo definiert. In der Praxis bedeutet dies, dass das Jugend- und das Gesundheitsamt fallweise entscheiden, ob eine Überbelastung einer Kita kurzfristig möglich ist, oder ob die Betreuung andernorts geregelt werden muss.

Kathrin Müller, Leiterin des Kreis-Jugendamtes in Stendal, hat dazu eine deutliche Meinung: „Diese Entscheidungen zu treffen, ist für die einzelnen Einrichtungen nicht zumutbar.“ Entsprechende Anträge müssen direkt an das Jugendamt gerichtet werden, „den Lösungsvorschlag reicht man gleich mit ein“, so Müller. Man bemühe sich um eine möglichst rasche Lösung, oftmals „am selben oder am folgenden Tag“. Pauschale Lösungen sind aber nicht möglich, da einerseits „jede Einrichtung andere Möglichkeiten hat“, und andererseits „die individuellen Bedürfnisse des zu betreuenden Kindes“ berücksichtigt werden müssen.

Aber auch ohne die Überschreitung der Kapazitäten sehen sich die Kindertagesstätten mit einer Reihe von Herausforderungen und Widersprüchen konfrontiert. Bernd Mitsch wundert sich, wenn man „im öffentlichen Raum Mundschutz dringend anrät“, während „gleichzeitig die Notbetreuung ausgeweitet“ wird. „Diese Diskrepanzen der verschiedenen Maßnahmen schaffen zusätzliche Missverständnisse und Probleme“, moniert der 45-jährige Kitaleiter.

Im täglichen Umgang mit den Kindern sind viele der Hygienemaßnahmen auch schlichtweg „nicht durchführbar“. Nähe und Beziehungen sind „unabdingbar“ in der Kita, ein Mundschutz, sowohl bei Erziehern, als auch bei Kindern, ist im Alltag des Kindergartens unrealistisch. Selbiges gilt für die Unterbindung engen Kontakts unter den Kindern.

Dennoch bemüht man sich in der Kita „Abenteuerland“, den schwierigen Spagat zwischen Hygiene und Wahrung einer gewissen Normalität zu schaffen. Im Eingangsbereich sind Desinfektionsspender aufgestellt, die Eltern und Erzieher nach der Ankunft nutzen. Ebenso werden Türgriffe und Lichtschalter regelmäßig desinfiziert. Besucher müssen sich in eine Anwesenheitsliste eintragen und sind zum Tragen eines Mundschutzes verpflichtet. Andererseits versucht man, den Kindern möglichst die gewohnten Strukturen und Abläufe zu bieten.

Während Kindergärten im Normalbetrieb „oftmals Brutstätten für Erkältungen und Infektionen“ seien, so handle man jetzt noch vorsichtiger. Mitsch betont, dass man „Kinder mit jeglichen Erkältungssymptomen“ nun direkt nach Hause schickt, diese aber in den meisten Fällen „gar nicht erst gebracht werden“.

Angesichts dieses schwierigen Balanceakts wünscht sich der Kitaleiter vor allem „eine schnelle Rückkehr zur Normalität“, denn unter diesen Umständen „ist das keine Notbetreuung mehr.“