Stendal l Wer offenen Blicks durch die Grundschule „Am Stadtsee“ geht, dem fällt das außergewöhnliche Dekor schnell auf: Hier leuchten allerwärts die gelben Sterne auf blauem Grund – ob auf der Sitzgruppe im Foyer, auf einigen Säulen oder einer Stellwand. Hier wohnt Europa. Und wer dann noch ein Weilchen bleibt, bekommt im Laufe des Gesprächs im Schulleiterzimmer etwas ganz Famoses mit: „Frau Thiemann, haben Sie Ihren Haarschmuck da?“, ruft Schulleiterin Silke Kahrstedt vergnügt zu ihrer Kollegin nebenan, die den Spaß gern mitmacht und gleich mal den mit zwei EU-Flaggen gespickten Haarreifen aufsetzt.

So auf Europa eingestellt – da wollen wir mehr wissen. Für Silke Kahrstedt und ihr Kollegium ist es längst Selbstverständlichkeit geworden. Nicht erst seit 2015, als man den offiziellen Titel „Europa-Schule“ verliehen bekam. Partnerschaften zu anderen europäischen Ländern gibt es schon seit 2005. „Das Internationale, der Blick aufs Große statt eines Kleinklein stand für uns schon immer ganz oben, darum war es wohl letzlich zum Titel hinführend, ohne dass wir gewusst hätten, dass es dahinführt.“

Die EU ist ein Schulhaus

Die Grundschule „Am Stadtsee“ ist regelmäßig Teilnehmer an europäischen Austauschprogrammen, die jetzigen Kooperationen mit Partnerschulen in Kaunas (Litauen), Istanbul (Türkei), Lissabon (Portugal) und Rybnik (Polen) enden diesen Sommer. Danach ist erst einmal Pause, bevor man sich erneut bewerben möchte. Dennoch macht Europa als Unterrichtsthema währenddessen keine Pause. „Das zieht sich eigentlich durchs ganze Schuljahr“, sagt Kahrstedt und fände wohl für jedes Fach ein Beispiel: In Sport gibt es Europastaffeln, in Musik werden fremdsprachige Lieder gesungen, in Deutsch werden Texte über andere Länder gelesen. Und dann gibt es da noch den Europatag, jedes Jahr im Mai, an dem man sich gruppenweise mit jeweils einem bestimmten Land beschäftigt.

Für die Kinder an der Schule sei Europa und seine bunte Vielfalt auf diese Weise alltäglich. Ohne dass man das hochwissenschaftlich oder gar politisch angehen müsste. „Um es ihnen zu veranschaulichen, vergleichen wir die EU immer mit unserem Schulhaus: Da gibt es verschiedene Klassen, was in Europa die Länder sind, für die es gemeinsame, aber teilweise auch individuelle Regeln gibt. Und es gibt darin ganz verschiedene Menschen, Ansprüche und Ideen.“

Schüler von überallher

Im Kollegium spiegele sich das internationale Anliegen leider noch nicht wider. „Da sind alle alteingesessen deutsch, ohne Migrationshintergrund.“ Aber die Vielfalt sehe man auf jeden Fall in der Schülerschaft. Und immer wieder neu. Da gab und gibt es neben den Mädchen und Jungen aus Deutschland auch solche aus Kasachstan, Tschetschenien, Syrien, Afghanistan, Spanien, Polen, der Türkei, aus Vietnam und Australien. Also sogar weit über Europas Tellerrand hinaus. Und es sind immer mal ausländische Gastlehrer oder -studenten da, zuletzt ein Fremdsprachenassistent aus Großbritannien. Womit wir beim Brexit wären, den Silke Kahrstedt mit einem bedauernden Seufzen kommentiert: „Wir möchten die Briten gerne als EU-Land behalten.“

Auch in Bezug auf ein weiteres Land ist das mit der EU so eine Sache. Erst vor wenigen Tagen ist die Schulleiterin von einem Partnerschaftstreffen in Istanbul zurückgekehrt, ist noch voller Eindrücke. „Die eine Woche hat gezeigt, dass vieles, was durch die Medien geht, nicht das Alltagsleben beschreibt. Die Menschen möchten einfach, wie wir alle, friedlich leben. Und sie sind sehr aufgeschlossen und Europa-offen.“ Erstaunt hätten sie die jeweiligen Reaktionen, wenn die Türken erfuhren, dass sie aus Deutschland kommt: „Da geht ein Leuchten durch die Augen, es entstehen sofort Gespräche, viele Türken haben Beziehungen nach Deutschland.“ Und die Kinder aus ihrer Schule, die mitgefahren waren, „haben sich pudelwohl gefühlt“.

Hoffender Blick auf die Wahl

Wenn Silke Kahrstedt von Europa erzählt, dann sprüht sie vor Begeisterung. „Ja, Europa macht Spaß. Ich fand es als Kind schon spannend, was in anderen Ländern passiert. Ich bin ein Europa-Fan, liebe das grenzenlose Reisen und möchte es nicht missen.“

Schaut sie bangend auf die Europa-Wahl am Sonntag? „Hoffend! Ich hoffe, dass ganz viele wählen gehen und deutlich machen, dass wir die Probleme, die wir haben, nur gemeinsam meistern können.“ Und auch wenn die Kinder in der Stadtsee-Grundschule schon ab der ersten Klasse Englisch lernen und dies erst einmal die hauptsächliche Verständigungssprache ist, heißt Europa nach Auffassung von Silke Kahrstedt nicht, alle Eigenheiten zu nivellieren. „Jedes Land muss trotzdem seine Identität behalten, denn gerade die Vielfalt macht es ja interessant. Aber dafür braucht man eben auch eine gemeinsame Sprache, um miteinander reden zu können.“