Viele sind im Beruf

In Sachsen-Anhalt gibt es geschätzt 160 000 Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. 60 Prozent davon sind Männer, 40 Prozent Frauen. Bei 52 Prozent der Betroffenen ist Deutsch die Muttersprache.

60 Prozent der sogenannten funktionalen Analphabeten haben einen Arbeitsplatz, sind mit Hilfsjobs in der Gastronomie, im Reinigungsgewerbe und im Baubereich beschäftigt.

Kontakt:

Ländliche Erwachsenenbildung, Kreisarbeitsgemeinschaft Stendal e.V.,

Stadtseeallee 1,

39 576 Stendal, Telefon 03931/51 97 88, Fax: 03931/25 84 50, E-Mail: marion.zempel@leb.de oder kag-stendal@leb.de

Stendal l Die Lebensgefährtin vom Vater, dann der Ehemann, auch mal Bekannte oder Freunde – wenn Briefe vom Amt kamen, Formulare ausgefüllt oder ein Beipackzettel für Medikamente gelesen werden mussten, musste Renate Wohlthat andere um Hilfe bitten. Manchmal direkt, oft aber mit Ausreden und gut eingeübter Strategie, um das Problem geschickt zu verbergen.

„Wenn jetzt Post kommt, kann ich sie selbst lesen“, freut sich die 58-jährige Stendalerin, hinter der ein bereits sechsjähriger Weg bei der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) in Stendal liegt. Ein Weg, auf dem sie besser schreiben und lesen gelernt hat. Renate Wohlthat gehört zu den rund 6,2 Millionen Menschen in Deutschland, die als funktionale Analphabeten gelten, in Fachkreisen jetzt „gering Literalisierte“ genannt, um das stigmatisierende Wort Analphabet zu vermeiden.

Lesen und Schreiben lernen

Sie haben zwar in der Schule Lesen und Schreiben gelernt, doch ihre schriftsprachlichen Kompetenzen sind kaum noch oder nur sehr eingeschränkt vorhanden. Die einen kennen zwar noch die Buchstaben und können noch etwas lesen, verstehen den Text aber gar nicht. Andere haben sogar Probleme damit, die einfachsten Wörter zu schrei­ben und zu lesen.

Dass auch Renate Wohlthat erhebliche Probleme damit hat, hatte ihre Beraterin in der Arbeitsagentur erkannt und ihr im Jahr 2014 empfohlen, einen der Alphabetisierungskurse der LEB zu besuchen. Die Stendalerin ließ sich darauf ein und sagt heute: „Ich würde jedem empfehlen, einen solchen Kurs zu besuchen.“ Sie ist dran geblieben, hat Monat für Monat weiter an ihrer Schreib- und Lesekompetenz gearbeitet, aber auch Rechnen und ihr Allgemeinwissen verbessert.

Die 58-Jährige gehört nun zu den ersten Nutzern des Lerncafés. Neben Kursen und Öffentlichkeitsarbeit, um Arbeitgeber, Behörden und andere für das Thema funktionaler Analphabetismus zu sensibilisieren, ist die Lernwerkstatt für Erwachsene ein dritter Schwerpunkt im EU-geförderten Projekt „Alphabetisierung und Verbesserung der Grundbildung Erwachsener im Rahmen des lebenslangen Lernens“, das bei der LEB bis Ende 2021 läuft.

Das Lerncafé steht jedermann offen, es ist kostenfrei. „Dort unterbreiten wir individuelle und offene Lernangebote“, erklärt Marion Zempel, Leiterin des Stendaler LEB-Standortes, und fügt hinzu: „Die Hürde, daran teilzunehmen, ist sehr niedrig.“ Ein wichtiger Punkt, „denn Betroffene finden nur schwer den Weg in einen Kurs“. Die Lernwerkstatt können sie besuchen, wann immer sie möchten, ein Einstieg ist jederzeit möglich, eine Anmeldung nicht erforderlich, es ist ein völlig unverbindliches Angebot. Geöffnet ist aktuell dienstags von 9 bis 11.30 Uhr und mittwochs von 14 bis 16.30 Uhr. Bei Bedarf können die Zeiten jederzeit erweitert und verschoben werden, erklärt Marion Zempel: „Wir sind in der Versuchsphase.“ Ein Ausbau dieses Angebotes sei auf jeden Fall geplant.

Selbstbewusstsein stärken

Mit der Lernwerkstatt sollen vor allem Erwachsene angesprochen werden, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. Im Lerncafé gibt es eine Lese-Ecke, Arbeitsplätze mit Laptops, an denen Lernprogramme genutzt werden können. Von den erfahrenen Lernbegleitern gibt es Hilfe beim Lesen und Verstehen von Briefen, beim Ausfüllen von Formularen, bei der finanziellen Grundbildung, es gibt ein Lernprogramm zur Vorbereitung auf die Führerscheinprüfung, in den Schränken stehen Bücher sowie Selbstlernmaterial zum Schreiben und Rechnen, zudem Lernspiele, Rätsel und Gesellschaftsspiele. „Jeder kann lernen, was ihn interessiert, nette Leute treffen und sich austauschen“, sagt Marion Zempel.

Ein Ziel des neuen Angebotes: Die Einzelförderung mit ungeteilter Aufmerksamkeit des Lernbegleiters und der niederschwellige Einstieg sollen die Lust wecken und eine Brücke sein, sich doch einem Kurs anzuschließen. Die bietet die LEB für Arbeitnehmer an (im September startet ein neuer Kurs) und in einer Kombination mit dem Jobcenter: zwei Tage Unterricht, drei Tage in der Arbeitsmaßnahme.

Ob Kurs oder jetzt Lerncafé – neben dem Vermitteln von Lese- und Schreibkompetenz haben all diese Angebote ein weiteres Anliegen: „Ängste und Minderwertigkeitsgefühle bei den Betroffenen sollen abgebaut werden, denn das Selbstvertrauen ist oft ganz schön im Keller“, so die Stendaler Standortleiterin. Betroffene schämen sich oft für ihre Defizite, „sie denken, sie sind dumm“. Ihnen zu vermitteln, dass sie das nicht sind, und Mut zu machen, das Lernen neu für sich zu entdecken und die Hürden des Alltags besser überwinden zu können, ist ein wichtiger Ansatz für die Lernwerkstatt.