Stendal l Die Arbeit an einem Buch, zumal einem recherche­intensiven, zieht sich oft über Jahre hin. Ist das Buch dann endlich fertig, endlich gedruckt, könnte man meinen, den Autor, die Autorin erfasst ein Glücksgefühl, Jubel, Euphorie. Wildes Blättern im eigenen Werk, stolzes Nochmallesen... Oft aber ist es das ganze Gegenteil, begegnet man einer den Außenstehenden überraschenden, nüchternen Reaktion: gleichmütige, emotionslose Betrachtung, ja, beinahe Desinteresse...

Albrecht Franke entspricht genau diesem Typus, wie er rundheraus ehrlich zu verstehen gibt. Obschon man nicht weiß, ob da auch Bescheidenheit hineinspielt... Jedenfalls ist „Christa Johannsen – Ein erfundenes Leben“, seine Biografie über die so widersprüchliche wie faszinierende Schriftstellerin, nun da, im Herbst 2019 im Mitteldeutschen Verlag erschienen. Sechs Jahre Recherche und Schreiben gingen dem voraus.

Befreiende Wirkung

Wenngleich er keine Euphorie verspüre, sei es aber „schon eine Befreiung und auch eine Befriedigung, dass es nun fertig ist“, sagt Franke, der sich naturgemäß nicht zum Eigenlob hinreißen lässt und das Buch auch keinesfalls lesen wird. Dafür hat es aber seine Frau Bärbel gelesen, gern sogar, nicht aus Ehepartnergefälligkeit. „Es ist interessant, das sollte jeder lesen, der etwas über die DDR wissen will“, meint sie.

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Wie wahrlich herausfordernd die Arbeit an einer Biografie sein muss, erfährt man in einer Art Vorwarnung, in der der Autor seine innere Zerrissenheit bekennt, denn er wolle das Leben Christa Johannsens keineswegs aus der Perspektive des Heute aufs Vergangene beurteilen. Sollte es aber doch „mitunter geschehen“ sein, entschuldigt sich Franke mit gewieftem Bezug zum Buchtitel: „ Jeder erfindet sein eigenes Leben, der Biograf ein fremdes.“

Ungewöhnlich und typisch

Auf 392 Seiten wagt sich Franke, der als junger Mann von Johannsen in Magdeburg im Schreiben unterrichtet wurde, an die Ergründung ihres nicht ganz einfachen Lebens. Nicht ganz einfach in zweierlei Hinsicht: zum einen, da vieles Biografische von Christa Johannsen selbst erfunden wurde; zum anderen, da sie, wie wohl ein jeder Mensch, mit den Zwängen ihrer Zeit umgehen musste – zwischen Aufbegehren und Anpassung. Die Verlagsankündigung spricht von „einer ebenso ungewöhnlichen wie typischen Biografie des 20. Jahrhunderts“, Franke von einem „Leben voll Tragikomik“.

Wie der Autor sich dem Menschen Christa Johannsen, wie ihren Lebensumständen, ihrem Denken und ihrer Epoche genähert hat, kann man natürlich durch Lektüre des Buches erfahren – oder man besucht eine seiner Lesungen. Nachdem er das Buch und die Arbeit daran noch vor dessen Erscheinen zweimal in Stendal, und nach dem Erscheinen in Halberstadt und Magdeburg vorgestellt hat, ist er nun damit auf der Leipziger Buchmesse und in der dazugehörigen Veranstaltungsreihe „Leipzig liest“ zu erleben, am 12. und am 14. März.

Die Lesung samt Gespräch auf der Buchmesse ist eingebettet in die Präsentation der Landeshauptstadt Magdeburg mit deren laufender Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025. Was insofern ganz gut passt, als Christa Johannsen ja ihren Teil zur Magdeburger Kultur beigetragen hat – ab 1956 bis zu ihrem Freitod 1981 hat die gebürtige Halberstädterin dort gelebt.

Leseorte passen zum Leben

Die zweite Lesung wiederum passt genauso in den Kontext des Ortes, an dem sie stattfindet: das Museum in der Runden Ecke, das sich mit der Geschichte und Arbeitsweise des einst dort ansässigen Ministeriums für Staatssicherheit befasst. „Christa Johannsen wurde ja auch von der Stasi beobachtet“, erklärt Franke, „ich habe die Akte gelesen, darf daraus aber nicht zitieren.“ Mit erzählerischen Mitteln aber habe er seine Erkenntnisse daraus dennoch im Buch einbringen können.

Für Stendal sind bislang noch keine Buchvorstellungen geplant, Anfragen steht der Autor aber offen gegenüber.