Dolmetschertreffen

Damit Sprache keine Hürde mehr ist

Eine Premiere, die Mut zu Fortsetzungen macht, gab es am Montag im Stendaler Stadtteilbüro. Ehrenamtliche Übersetzer trafen sich.

Von Egmar Gebert

Stendal l Kommen sie in Deutschland an, haben die Menschen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, eine Menge an Problemen hinter sich gelassen. Erleichterung, Freude, ja, auch Glück mögen die Menschen in diesen Momenten empfinden. Doch wird diese Euphorie schnell gebremst. Wie zurechtfinden in einem Land, dessen Sprache sie nicht beherrschen?

Auf der anderen Seite sind diejenigen, die den Flüchtlingen helfen möchten, sich möglichst schnell zu integrieren. Vieles ist zu erledigen, viele Wege sind zu gehen, Behörden aufzusuchen, Formulare auszufüllen, Anträge zu stellen. Wie das, wenn man die Sprache seines Gegenübers nicht versteht? An dieser Stelle treten sie in Aktion – Dolmetscher und Übersetzer, oft selbst vor einiger Zeit aus ihre Heimatländern nach Deutschland geflüchtet, die neben Arabisch oder Syrisch, Türkisch oder Persisch meist auch Englisch sprechen und der deutschen Sprache so weit mächtig sind, dass sie aus dem Deutschen und ins Deutsche übersetzen können. Sie tun es, weil sie selbst erfahren haben, dass diese direkte Kommunikation, das Miteinanderreden vom ersten Tag an unverzichtbar ist. Und sie tun es ehrenamtlich, um zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird.

Etwa ein Dutzend dieser Frauen und Männer traf sich am Montag im Stendaler Stadtteilbüro, dorthin eingeladen von Lisa Kremer und Steffi Wolf vom Stendaler Verein Kinderstärken und von Annik Trauzettel vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (Lamsa). Eine Premiere, ein erstes Kennenlernen für die meisten in der Runde.

Dass es dieses Treffen überhaupt gab, war zwei Frauen aus Bismark zu danken, Ruth Rothe, die Ende vergangenen Jahres das Flüchtlingsnetzwerk in Bismark aufbaute, Menschen um sich scharte, die wie andernorts auch nicht nur von Willkommenskultur reden, sondern sie leben, oft weit über das hinaus, was selbstverständlich sein sollte. Und Sanae Motos, die als Dolmetscherin in diesem Bismarker Netzwerk arbeitet. Sie brachte die Idee der Dolmetschertreffen aus Schleswig-Holstein, wo es sie regelmäßig gibt, mit in die Altmark. Eine Plattform für Erfahrungsaustausche, wie sie aus diesem ersten Treffen in Stendal heraus ebenfalls entstehen könnte.

Und hier könnte noch mehr daraus werden. Ein Netzwerk der ehrenamtlichen Übersetzer und Dolmetscher, das ähnlich funktioniert wie das „Sisa“-Projekt, über das Annik Trauzettel berichtete. In diesem Projekt sind vor allem im Süden Sachsen-Anhalts ehrenamtliche Übersetzer tätig, die „Sisa“ per Anruf vermitteln kann. Trauzettels Interesse, dieses Angebot auch auf den Norden Sachsen-Anhalts ausdehnen zu können, hatte sie nach Stendal und zu diesem ersten Dolmetschertreffen in der Altmark geführt.

Eine Idee, die auch die Flüchtlingshelfer aus den einzelnen Kommunen begrüßen. Sie sind es, die mit den Flüchtlingen zum Beispiel Behördengänge absolvieren und gemeinsam mit ihnen nicht nur bürokratische, sondern auch sprachliche Hürden überspringen müssen. Auch einige dieser Flüchtlingshelfer und -hilfekoordinatoren saßen mit in der Gesprächsrunde im Stadtteilbüro und machten zum Beispiel auf ein Thema aufmerksam: Arztbesuche, die ohne Hilfe eines Übersetzers kaum machbar seien. Hier wäre es hilfreich, sich im Vorfeld eines solchen Termins möglichst kurzfristig die Unterstützung durch einen Übersetzer sichern zu können. Ein Netzwerk, eine Vermittlung, wie es das Sisa-Projekt bieten kann, wäre ausgesprochen hilfreich.

Eine Anregung, die sich am Ende des Treffens im Notizblock von Steffi Wolf und Lisa Kremer ebenso wiederfand wie die nach weiteren Treffen der Dolmetscher und Übersetzer. Schulungen zu verschiedenen Themen sind denkbar. Dabei könnte es um das Verstehen und richtige Ausfüllen von Formularen für und mit Flüchtlingen gehen wie auch um Weiterbildungen für die Übersetzer, die sogar den Weg hin zum staatlich anerkannten Dolmetscher, wie Sanae Motos einer ist, ebnen könnten.

Ein nächstes Treffen, auf dem solche vertiefenden Fragen diskutiert und beantwortet werden sollen, wird es geben. Darüber war sich die Runde am Montag sehr schnell einig. Ein Terminangebot wird „Kinderstärken“ unterbreiten. Bis dahin wird es auch eine Liste geben, auf der die Kontaktdaten der ehrenamtlichen Übersetzer im Landkreis zusammengefasst sind und die den Flüchtlingshelfer-Netzwerken in den Kommunen zur Verfügung gestellt werden soll.