Stendal l Design ist Kunst, Ästhetik, Wohlgefallen. Einerseits. Andererseits erfüllt Design auch eine Funktion, greift sie auf, spielt mit ihr, ermöglicht sie – und gibt ihr einen ästhetischen Rahmen. Design macht Praktisches schön.

So war es auch in der DDR. Selbst wenn das amüsiert-verächtliche Klischee vom Grau und Geschmacklos immer noch gern die Runde macht.Um die Gestaltung von Alltagsprodukten in der DDR geht es in der aktuellen Sonderausstellung „Alles nach Plan? Formgestaltung in der DDR“ im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Einer, dessen Ideen dort zu sehen sind, ist der Stendaler Designer Rüdiger Laleike.

Anfängliche Skepsis

Er hat von ihm entworfene Stuhlmodelle, sein altes Reißbrett und seinen Zirkelkasten zur Verfügung gestellt. Ergänzt werden die Ausstellungsstücke durch Texte und Fotos, die ihn bei der Arbeit zeigen. „Diese Dinge erzählen erstaunlich viel über mich und mein Schaffen“, sagt er. Anfänglich sei er der Schau gegenüber skeptisch gewesen, befürchtete „ein weiteres DDR-Panoptikum mit den immergleichen Anekdoten“. Das Konzept habe ihn schließlich aber überzeugt.

Bilder

„DDR-Design war anders als das West-Design. Hier wurden die Dinge nicht verkaufsorientiert gemacht, sondern es gab einen gesamtgestalterischen Ansatz, einen zeitlosen Ansatz“, sagt Laleike, der seit 30 Jahren freiberuflich als Produkt- und Grafikdesigner arbeitet. „Es ging um die ästthetische Gestaltung des Umfelds. Die Dinge sollten möglichst langlebig sein, so war die Produktion angelegt, und diese Herangehensweise prägt mich bis heute.“ Da war nicht selten Einfallsreichtum gefragt, denn der Materialmangel machte auch vor Gestaltern nicht halt. Und so kam es, dass das „Gartengerätesystem E 930“ den Motor der Simson verpasst bekam – mit einigen Tüfteleien und technischen Finessen.

Viele Spuren in Stendal

Dass ein Designer nicht zwangsläufig in elitären Gefilden wirken muss, zeigt Rüdiger Laleike aufs Beste. In Stendal hat er schon viele Spuren hinterlassen: die Schriftzüge an Rathaus und Stadthäusern, das Rauten-Backsteingotik-Logo der Stadt, das Relief am Jahn-Denkmal, die Signets von Stadtwerken, Tiergarten, Musik- und Kunstschule, Nordwall-Classic-Garage und Jütting-Stiftung – all diese Erkennungszeichen tragen seine gestalterische Handschrift. Darüber hinaus erstellt er gerade Studien zur Neugestaltung des Arneburger Burgbergs.

Obschon viele dieser Arbeiten überwiegend digital sind, ist Rüdiger Laleike einer, der die Dinge gern anfasst, der sie in seinen Händen, unter seinen Augen formt, fühlt, weiterdenkt. Gebäude und technische Geräte sind sein Ding, die Emulsion des Praktischen mit dem Schönen weckt Laleikes Ehrgeiz. Sein beruflicher Lebenslauf hat ihn Erfahrungen machen lassen, die all dies zusammenführen: Laleike, der im Oktober 70 wird, ist gelernter Lok-Schlosser, die Ausbildung machte er im Raw Stendal parallel zum Abitur in Gardelegen. Das Studium Industrielle Formgestaltung in Halle folgte wenig später. In den 70er und 80er Jahren arbeitete er im Landmaschinenkombinat Fortschritt in Bautzen, entwarf und baute Feldhäcksler, Mähdrescher, Gartengeräte.

Verwerfen gehört dazu

Wer entwirft, muss auch damit leben, dass man verwirft – sei es, dass der Designer selbst krittelt oder der Auftraggeber. „Ein bisschen Widerspruch kann nicht schaden“, findet Laleike, „das fordert die Kreativität heraus.“ Andererseits genießt er es durchaus, wenn er einfach mal machen kann, wie er denkt.

Manchmal sind nicht verwirklichte Entwürfe und die daraus resultierenden Modelle schlichtweg Ausdruck der Lust am Erfinden und Bauen. Deshalb steht unter anderem Stuhl „Henry“ bei Laleike nur als Miniatur im Regal. „Das war eine Idee aus einem Möbelseminar 1988 in Havanna, ich wollte mal weg vom Stahlrohr. Und Henry Maske war zu der Zeit gerade in: Hier, die Armlehnen, wenn man von der Seite guckt, sehen sie aus wie Boxhandschuhe.“

Immer wieder Möbel

Laleike amüsiert sich über diesen Form gewordenen Spaß noch heute, dieses Ausdenken und Spielen mit Ideen erfüllt ihn. Was gerade in seinem Atelier entsteht, mag er nicht zeigen. „Viel zu chaotisch da drin“, sagt er lachend. Aber es ist wieder ein Projekt für Graepel in Seehausen – mit dem Unternehmen arbeitet er seit 2002 zusammen. Deren industrielle Blechprofilroste hat er mit Hilfe berühmter Gemälde in einen völlig neuen, unerwarteten Kontext gebracht. Woran er diesmal tüftelt? Es ist ein Möbelstück, natürlich spielen auch Profilroste wieder eine Rolle. „Möbel lassen mich einfach nicht in Ruhe“, sagt Laleike, der von 1982 bis 1987 beim Stahlrohrmöbel-Hersteller Stima in Stendal gearbeitet hat und dort dem Bauhaus-Ideal frönen konnte. Und während er das erzählt, wirkt er, als ob er in Gedanken schon die nächste Idee umherschwenkt.