Stendal l Sylvia Martin weiß noch ganz genau, wann es mit der Theaterleidenschaft begonnen hat. „Als ich fünf Jahre alt war und mein erstes Weihnachtsmärchen gesehen habe“, erzählt die gebürtige Bochumerin. „Da hat es völlig zugeschlagen.“ Sie weiß auch noch, was damals gezeigt wurde: „Die Bremer Stadtmusikanten“ und die Darsteller auf Rollschuhen. Danach sind sie und ihre Zwillingsschwester regelmäßig zu den Weihnachtsinszenierungen gegangen, die Faszination Theater war ungebrochen. Bis die „typische Pause“ kam, wie es Sylvia Martin beschreibt. Damals neun- oder zehnjährig, habe ihr das Stück überhaupt nicht gefallen, das Theater war erst einmal passé.

Übers Lehramt und London zum Traumberuf

Bis dann ein Herr namens Shakespeare in ihr Leben trat. Damals war sie 13, 14 Jahre alt und hat sich im Fernsehen Inszenierungen und Filme mit Shakespeare-Stoffen angeschaut. „So hat die zweite Phase meiner Liebe zum Theater begonnen“, sagt Sylvia Martin. Weil das live aber besser ist als jede Fernsehübertragung, „weil man den Schauspielern total nah ist“, war sie wieder häufiger Besucherin bei Bochumer Inszenierungen. Einige davon haben bis heute Eindrücke hinterlassen, zum Beispiel Brechts „Die Heilige Jungfrau der Schlachthöfe“. „Ich kann mich noch genau an das Bühnenbild erinnern“, erzählt die neue Dramaturgin am Theater der Altmark.

Nachdem sie sich in der Theater-AG ihrer Schule ausprobiert hatte, stand fest: Nach dem Abitur würde ich gern was mit Theater machen, und ich möchte studieren. Wohin genau die Reise gehen sollte, das wusste die Abiturientin allerdings noch nicht. Und so zweigte ihr Lebensweg an dieser Kreuzung nicht zum Theater ab, sondern zu einem Lehramtsstudium in den Fächern Deutsch und Russisch. Die Fremdsprache hatte sie in der Schule gelernt. „Es war damals schwer, ins Theater reinzukommen, darum wollte ich wenigstens eine abgeschlossene Ausbildung.“ Nach dem Studium folgte das Referendariat auf dem Weg zur Gymnasiallehrerin – in Detmold und Bielefeld. In den Schuldienst ging es zwar nicht, aber nach dem Studium unterrichtete Sylvia Martin Deutsch für Aussiedler. Das große Ziel hatte sie dabei nicht aus den Augen verloren, es sogar immer vor Augen – mit dem Theater in Bielefeld. „Dort hatte ich dann einige Hospitanzen, aber ein fester Job hat sich nicht aufgetan.“

Darum nahm sie den Ratschlag einer Freundin an, doch mal ins Ausland zu gehen, einfach mal die Luft zu verändern. Sie ging für ein Jahr nach London. Ein Jahr, in dem sie sich viele Inszenierungen angeschaut, in dem sie in einem Laientheater mitgespielt hat. Ihr Geld hat sie mit Deutsch-Unterricht für britische Banker verdient, die einen Job in Deutschland antreten sollten.

Traum vom Theater nie aufgegeben

„Meinen Traum vom Theater wollte ich aber nicht aufgeben.“ Musste sie auch nicht. Am Theaterpädagogischen Zen­trum in Köln ließ sie sich nach der Rückkehr aus London zur Theaterpädagogin ausbilden. Ihren ersten Job als Theaterpädagogin und Dramaturgin bekam sie in Osnabrück. Als Dramaturgin hat sie dort mit dem Tanztheater gearbeitet, ein Schwerpunkt war zudem das Kinder- und Jugendtheater. „Die Stückeentwicklung fand ich immer sehr spannend.“ Die Kombination ihres Arbeitsbereiches hat ihr immer gefallen: Als Dramaturgin war sie bei der Produktion dabei, als Theaterpädagogin konnte sie es den Kindern und Jugendlichen in der Vor- und Nachbereitung vermitteln.

Nach fünf Jahren in Osnabrück ging es für zehn Jahre weiter nach Trier. Als Dramaturgin und Theaterpädagogin war sie nun für Stücke des Abendspielplans und für die Laien-Spielclubs verantwortlich. „Diese Zeit war sehr arbeitsintensiv.“ Es folgten sechs Jahre in Wuppertal, dort nur als Theaterpädagogin. „Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich die Dramaturgie vermisse, weil man mehr in die Produktion involviert ist.“

Als sie die Stellenausschreibung für Stendal las, musste sie darum mit ihrer Bewerbung nicht lange überlegen. Seit 16. November gehört sie nun als Dramaturgin zum Theater der Altmark. Als Kollegin von Tristan Benzmüller, der die Leitung der Dramaturgie von Cordula Jung übernimmt, die zum Jahresende das TdA verlässt. Etwas umgeschaut hat sich Sylvia Martin in der Altmark schon während ihres Sommerurlaubs. Eine Woche war sie mit ihrer Schwester in der Region unterwegs.

Theater der Generationen ist ein Steckenpferd

„Futur eins: Das Leben auf dem Mars“, ein extra für das TdA geschriebenes Science-Fiction-Abenteuer von Rike Reiniger, ist die erste Inszenierung, die Sylvia Martin in Stendal als Dramaturgin betreut. „In dieser Form habe ich es auch noch nicht erlebt“, sagt sie und erklärt, dass die Zuschauerkinder nach 45 Minuten in Gruppen aufgeteilt werden, um Lösungen zu finden – es geht um gesellschaftliche Solidarität.

Was Sylvia Martin von Anfang an am TdA begeistert: dass es so viel Kinder- und Jugendtheater gibt, so viele Spielclubs. „Das ist ein richtig tolles Angebot.“ Mit Laien Stücke zu erarbeiten, sei ein bisschen ihr Steckenpferd, vor allem ein Theater der Generationen. In Wuppertal hatte sie eine solche Gruppe mit Darstellern im Alter von zehn bis 80 Jahren. „Das war total cool.“