Stendal l Joshua Niedermayer schaut mit Skepsis auf die Speisekarte eines Restaurants in Stendal. „Hier wird es aber schwierig, vegan Essen zu gehen“, sagt der Hamburger, der Stendal zum ersten Mal besuchte. Die Volksstimme hat gemeinsam mit dem Tagestouristen tiefer in die Speisekarten Stendals geschaut und nach einer Antwort auf die Frage gesucht: Wie vegan-freundlich sind die Restaurants der Hansestadt?

Wer vegan lebt, verzichtet auf tierische Produkte. So sind unter anderem Milch, Eier, Honig sowie Fisch und Fleisch tabu. Neben der Tier-ethik sind auch Nachhaltigkeit und die persönliche Gesundheit weitere Gründe für die auf pflanzenbasierte Ernährung. Diese Einstellung teilt auch der 24-jährige Hamburger, der seit knapp sechs Jahren vegan lebt: „Ich möchte nicht, dass Lebewesen für meinen Konsum leiden oder sterben. Es ist für mich moralisch nicht vertretbar.“

Gemütlich bummelt der Designer über die Einkaufsmeile Breite Straße am Samstagvormittag. Er trägt eine graue Wollmütze, die sein blondes Haar bedeckt. Ein schwarzer Schal umschlingt seinen Oberkörper, das Rosen-Tattoo auf seinem Hinterkopf blitzt nur selten hervor. Sein erster Halt: das Restaurant „Atrium“. Dort liegt die Karte auf einem Tisch zum Innenhof aus. Neben feinen, saisonalen Fisch- und Fleischgerichten finden sich darauf auch Alternativen. „Wir bieten auf unserer ständig wechselnden Karte immer eine vegane Vorspeise und ein Hauptgericht an“, antworten die Besitzer Martin und Antje Krollmann auf Nachfrage. Dieses Mal gibt es Kürbis-Ravioli. Die Krollmanns stellen fest, dass ihre Gäste vermehrt fleischlos bestellen. Vegan eher selten. Dennoch „schwappe“ es langsam nach Stendal über.

Vegane Auswahl steigt in Stendal

Weiter erzählt der 24-Jährige, dass sich die Auswahl an Produkten in den Supermärkten und Gastronomien der letzten Jahre erheblich ausgeweitet hat; früher habe er noch im Reformhaus eingekauft, jetzt gehe das auch in jedem Discounter.

Tatsächlich gewinnt die vegane Lebensweise immer mehr an Bedeutung. Eine Umfrage des Instituts für Meinungsforschung in Allensbach hat ergeben, dass 1,1 Millionen Menschen in Deutschland auf tierische Produkte verzichten – rund 50 000 Menschen mehr als noch im Vorjahr. Dieser Trend bleibt bei den Stendaler Gastronomen nicht unbemerkt.

Mit schnellen Schrittes kommt Joshua Niedermayer am „Mainly Foodstore“ in der Marienkirchstraße vorbei. Auch hier haben Veganer Glück: Bunte, frische Bowls werden angeboten, die in ihrer Vielfalt ohne tierische Erzeugnisse zusammengestellt werden können. „Schätzungsweise 15 bis 20 Prozent unserer Gäste bestellen bei uns bewusst ein veganes Gericht“, sagt der Küchenmeister Jörg Siersleben. Hier setzt man auf Natur- anstatt Fleischersatzprodukte.

Mit Tricks geht vegane Ernährung überall

Vegan bedeutet nicht immer, dass es gesund sein muss – eine kleine Sünde darf es auch mal sein. Gleich neben dem Bowl-Laden befindet sich der Burgerlokal „Hot Spot“. Was dem Tagestouristen auf der Tafel direkt in die Augen springt: die vegane Currywurst. Und was ist mal, wenn nichts Passendes auf der Karte dabei ist? „Oft gibt es vegetarische Gerichte auf den Karten, die einfach durch das Weglassen bestimmter Komponenten zu einem veganen Gericht umgestaltet werden können“, erklärt der Joshua Niedermayer. Wie zum Beispiel der Veggie-Burger: „Ich könnte den Burger ohne Käse bestellen, dann ist der auch vegan.“

Wer noch keine jahrelange Erfahrung hat, kann auch beim Restaurant-Personal nachfragen. Meistens sind Beilagen wie Antipasti vegan. „Spaghetti oder Pommes gehen sonst auch immer“, sagt der 24-Jährige und lacht. Auch bei Pizza kann getrickst werden: so wird auch hier einfach der Käse weggelassen. Das „Pizza-Haus“ bietet sogar eine Variation mit veganem „Schmelzkäse“ an.

Vegan zu Essen ist nicht schwer

Vegan zu Essen ist in Stendal also nicht so schwer, wie Anfangs vermutet. Viele der Restaurants weiten ihr Angebot regelmäßig aus und gehen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Gäste ein. Die Stendaler sind offen für Neues. Es ist definitiv möglich ein leckeres Gericht auf den Teller zu bekommen – und das ganz ohne Tier.

Der kulinarische Spaziergang endet im „Kaffeekult“ am Marktplatz. Joshua Niedermayer setzt sich bei Sonnenschein draußen an einen Tisch. Zu seiner Freude: Das Café bietet auch Milch-Alternativen an. Seine Chai-Latte trinkt er mit Sojamilch.