Stendal l Ein durchschnittlicher Marathonläufer braucht für die 42,195 Kilometer etwa vier Stunden. Die Frauen brauchen für ihr großes Ziel, die Gleichstellung der Geschlechter, schon mehrere Jahrzehnte. Mit dem Frauenwahlrecht wurde aber immerhin vor 100 Jahren ein Meilenstein erreicht. Beim Themennachmittag der Frauen-Union am Freitag verglich die Landesvorsitzende Sabine Wölfer den Kampf für Gleichberechtigung mit einem Langstreckenlauf.

Und sie lieferte auch das Zitat einer prominenten weiblichen Ausdauersportlerin. Die Britin Christine Ann Wellington, Weltmeisterin im Triathlon und vierfache Gewinnerin des Ironman, hatte gesagt: „Für den Erfolg braucht es harte Arbeit und einen offenen Geist“. Genau das, so Wölfer, sei auch für das Arbeiten an der Gleichberechtigung vonnöten.

Kritik auch an der eigenen Partei

Zwar hatte die Frauen-Union zu der Veranstaltung ins Kaffee-Kult eingeladen, mit Kritik an der eigenen Partei wurde aber dennoch nicht gespart. Zwar habe es mit Rita Süßmuth die erste Bundestagspräsidentin gegeben, Angela Merkel sei die erste Bundeskanzlerin und zuvor erste Generalsekretärin gewesen und noch erste Parteivorsitzende der CDU, Gabriele Brakebusch erste Landtagspräsidentin Sachsen-Anhalts, aber: „Im Bundestag, dem Landtag und den Kommunalparlamenten sind wir noch weit hinten im Anteil“.

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Die angesprochene Landtagspräsidentin schlug in dieselbe Kerbe. „Als ich angefangen habe, waren es sieben Frauen in der CDU-Fraktion, jetzt sind wir nur noch zwei“, beklagte Brakebusch. Allerdings würden sich bedauerlicherweise auch immer noch nur sehr wenige Frauen zur Wahl stellen. „Habt Mut und traut euch einfach“, rief sie ihnen zu. Sie würde sich wünschen, dass mehr Führungspositionen in Politik und Wirtschaft von Frauen besetzt würden. Das allerdings ohne Quote. Dafür bekam sie reichlich Applaus. Allerdings müsse ein Umdenken stattfinden. Dass Männer mehr Gehalt als Frauen im gleichen Beruf mit der Argumentation bekommen, sie müssten eine Familie ernähren, sei eine Begründung „von hinterm Mond“.

Genauso wie die Parlamentspräsidentin schon immer eine Gegnerin der Quote gewesen ist, stellt sich die Landesvorsitzende als deren engagierte Verfechterin dar. Rita Süßmuth sei eine Quotenfrau gewesen, Angela Merkel ebenso. „Aber diese Frauen haben doch nichts von ihrer Qualifikation verloren, nur weil sie durch die Quote an die Position gekommen sind“, argumentierte Wölfer.

Uneinigkeit über die Quote

So uneins man sich auch in Sachen Quote war – Bismarks Einheitsgemeindebürgermeisterin Annegret Schwarz trat auch ans Rednerpult und betonte, „dass ich nie irgendwo wegen einer Frauenquote gestanden habe und auch nie als Quotenfrau gesehen werden will“ –, so einig war man sich doch in der Würdigung der Verdienste der Frauen, die vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht erkämpft hatten. So erinnerte Brakebusch an Marie Juchacz, die 1919 bei der ersten Wahl, an der Frauen teilnehmen durften, sagte: „Ich glaube, dass wir besser vorbereitet sind, als die Männer das denken“. Immerhin betrug die Wahlbeteiligung bei den Frauen 82 Prozent und lag damals wie heute höher als die der Männer.

Wölfer hatte sich Helene Weber herausgepickt. Sie gehörte 1919 zu den ersten 37 Frauen in der Deutschen Nationalversammlung und fast 30 Jahre später zu den Eltern des Grundgesetzes. Vor allem hatte sie sich für den Artikel 3, der die Gleichstellung von Mann und Frau zumindest nach den Buchstaben des Gesetzes festschreibt, eingesetzt. „Die reine Männergesellschaft ist das Verderben der Völker“, hatte sie zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland gesagt. „Genau so ist es“, raunten sich Mitglieder der Stendaler Frauen-Union fast 70 Jahre später zu.

Der Themennachmittag war allerdings auch keine reine Frauengesellschaft. Bei ihrer Begrüßung hatte die Landtagspräsidentin schon mit Freude festgestellt, dass auch Männer unter den Gästen waren. Dazu gehörte Landrat Carsten Wulfänger, der ein ganz klares Plädoyer für die Gleichberechtigung von Mann und Frau abgab.

Beim Rollenverständnis kein Pardon

„Eigentlich denkt man heutzutage gar nicht mehr darüber nach“, räumte er zu Beginn seines Grußwortes ein. Als die Flüchtlinge in den Landkreis kamen, sei er aber damit konfrontiert worden, dass es eben Länder gibt, in denen die Rolle von Mann und Frau anderes als in Deutschland verstanden wird. Er habe kurz darüber nachgedacht, ob man aus Rücksicht Nachsicht zeigen sollte, sich dann aber schnell dagegen entschieden: „Die Mülltrennung ist nicht so wichtig, auch nicht, ob die Flüchtlinge mal etwas lauter durch Stendal gehen, aber bei der Gleichberechtigung gibt es keine Zugeständnisse“. Dafür bekam er Applaus, der noch lauter war, als der für das Plädoyer gegen die Frauenquote.