Stendal l Die „Kleine Markthalle“ als lebendiger Bürgertreff, die von Jahr zu Jahr gewachsenen Freiwilligentage, Projekte wie die Ankommenspaten und die Kulturpaten, die „Engagierte Stadt Stendal“: Nur einige Stichworte zur erfolgreichen Arbeit der Freiwilligen-Agentur Altmark e.V., wie sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Doch hinter den Kulissen liegt offenbar einiges im Argen, der Vorstand zieht seit Monaten nicht mehr an einem Strang. Ganz im Gegenteil.

Am Montag, 18. Februar 2019, gibt es eine Mitgliederversammlung des Vereins, zu dessen Mitgliedern soziale Vereine, Kultureinrichtungen, die evangelische Kirche, Verbände und Privatpersonen gehören. Auf der Versammlung soll ein neuer Vorstand gewählt werden – vor der Zeit, denn die Amtszeit des jetzigen Vorstandes würde erst im September enden. Etwas erstaunt war Gesine Seidel – vor eineinhalb Jahren zur Vorstandsvorsitzenden gewählt?– darum schon, als sie die Einladung bekam. Denn bisher gab es weder Rücktritte von Vorstandsmitgliedern noch seien die Vereinsmitglieder zu einem Abwahlverfahren eingeladen worden – nach ihrem Verständnis formale Voraussetzungen für eine vorgezogene Wahl. Es seien „vom Vereinsrecht nicht gedeckte Tatsachen geschaffen worden“, wirft sie einigen Vorstandsmitgliedern vor. Dies belege „das zerrüttete Vertrauensverhältnis“.

Erklärung vorbereitet

Gesine Seidel wird daher selbst reagieren und vom Vorstandsvorsitz zurücktreten, kündigte sie an. „Dass ich jetzt zurücktrete, unterstreicht mein Interesse für eine aktive Arbeit des Vereines und eine aktive Markthalle“, heißt es in einer Erklärung, die die Stendalerin während der Mitgliederversammlung abgeben will und die der Volksstimme vorliegt.

Darin erklärt sie, warum es zum Bruch mit Vorstandsmitgliedern und mit Marion Zosel-Mohr, Mitgründerin der Freiwilligen-Agentur Altmark und jetzt als Projektmanagerin für einige der Agentur-Projekte tätig, gekommen ist. In der Erklärung heißt es: „Engagement in der Nachbarschaft und für die Nachbarschaft zu befördern, war meine Motivation, als Vorsitzende des Vereins aktiv zu werden und so einen Beitrag für einen Ort des Mitein­anders zu leisten. Leider muss ich heute einschätzen: Der Ort des Miteinanders ist ein Ort des Gegeneinanders geworden.“

Fest macht Gesine Seidel dies an der hohen Personalfluktuation in den vergangenen zwei Jahren und daran, „dass langjährige Projektpartner von dem Miteinander geschockt sind und ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit in Frage gestellt beziehungsweise aufgekündigt haben“. Zudem sollen, so Seidel, bisherige Mitgliedsorganisationen, „also wichtige Säulen für eine vernetzte und engagierte Stadt“, ihren Austritt erklärt beziehungsweise ihren Rückzug angekündigt haben.

Unterlassungserklärung

Auf offene Fragen, „Beschwerden von Mitarbeitenden und Engagierten über ein destruktives Arbeits- beziehungsweise Engagementklima“ habe der Vorstand mit einer Bestandsanalyse reagiert. „In meiner Funktion als Vereinsvorsitzende forderte ich ausdrücklich Einsicht in die Geschäftsvorgänge. Ich stellte Fragen zu, aus meiner Sicht, auftretenden Unregelmäßigkeiten in der Antragstellung einiger großer Projekte“, heißt es in der Erklärung der Vorsitzenden. Weiter ins Detail könne sie wegen einer Unterlassungserklärung nicht gehen – auch ein Hinweis auf das komplett zerrüttete Vertrauensverhältnis in der FAA-Mannschaft.

Ein weiterer Vorwurf ihrerseits: „Viele Verträge wurden ohne meine Kenntnis unterzeichnet. Auch wenn der Vorstand einzeln wirken darf, geht mein Verständnis von Zusammenarbeit in die Richtung, dass diese Vorgänge im gesamten Vorstand transparent gemacht werden müssen.“

Eine konstruktive Zusammenarbeit im Vorstand sei seit September vergangenen Jahres „sehr schwierig“, schätzt Gesine Seidel ein. Trotz regelmäßiger Nachfragen habe sie „fast keinen Einblick in die Vereinspost der FAA“ bekommen. Um an Informationen zu kommen, habe sie sich ans Landesverwaltungsamt, ans Arbeitsamt, ans Steuerbüro und andere Partner wenden müssen. „Dort war man über diese Verfahrensweise verständlicherweise erstaunt, es kamen Rückfragen, wichtige Fördermittel wurden nicht bewilligt, und es folgen inzwischen auch Fach- und Finanzprüfungen, die zu weiteren Fragen führen und nicht zur Klärung von Sachverhalten“, erklärt die Vorstandsvorsitzende.

Ihr Fazit: „Am Ende bin ich mit Anwaltsschreiben und Unterlassungserklärungen konfrontiert, über deren Inhalt Gerichte zu urteilen haben. Für eine gemeinsame Arbeit für die Engagierten und den Begegnungsort Markthalle bleibt weder Zeit noch Raum.“ Die Entwicklung der vergangenen Monate mache sie „betroffen und traurig“.

Wenn sie sich am Montag von den Mitgliedern des Vereins verabschiedet – denn sie wird ihn verlassen –, dann auch mit Wünschen für die Zukunft: „Gleichzeitig hoffe ich, dass die Mitglieder die künftige Vorstands- und Vereinsarbeit aktiv begleiten und Fehlentwicklungen, wie sie jetzt sichtbar wurden, aktiv entgegenwirken. Der neue Vorstand muss die inhaltliche Arbeit definieren, geeignetes Personal finden und den Verein auf eine solide finanzielle Basis stellen. Dafür wünsche ich allen ein gutes Gelingen!“

In die Zukunft geschaut, sagt Gesine Seidel: „ Ich werde auch künftig mit engagierten Menschen für eine engagierte Stadt eintreten – jedoch nicht mehr in der FAA.“

Wenige Tage vor der Versammlung hat sie per E-Mail noch einmal „die Chance einer fairen, transparenten Zusammenarbeit mit mir“ bis zur nächsten turnusmäßigen Vorstandswahl im September angeboten, um die Zusammenarbeit mit der Hansestadt Stendal und dem Landkreis – beide unterstützen die „Kleine Markthalle“ finanziell – sowie Fördergeld-finanzierte Projekte nicht zu gefährden. Ohne Erfolg.

Da sie den Inhalt der Erklärung bisher nicht kennen, wollten sich andere Vorstandsmitglieder noch nicht äußern. Der stellvertretende Vorsitzende, Schönhausens Pfarrer Ralf Euker, räumte aber ein, dass es „Missverständnisse“ und ein „Zerwürfnis“ im Vorstand gebe. Er sehe es nicht so, dass die Vorsitzende bei der Vorstandsarbeit ausgeschlossen worden sei und werde, „aber jeder hat seine eigene Perspektive darauf“. Nach der Mitgliederversammlung und der Diskussion dort werde es eine Erklärung geben, stellte Ralf Euker in Aussicht.